Alleingänge: erfolgreich, ätzend, scheiternd

 

Es wird ja oft erzählt, dass Alleingänge im Gebirge etwas Besonderes sind, da man auf sich alleine gestellt ist, keinerlei Ablenkung durch andere hat, seine eigenen Grenzen ausloten kann weil man sich nur auf seinen eigenen Fähigkeiten verlassen muss und es dadurch eine besonders intensive Erfahrung sei. Auch für die Persönlichkeitsbildung soll es fördernd sein. Das mag für manche schon die Triebkraft sein, aber bei mir lag der Grund bei fast jedem Alleingang schlicht und ergreifend darin, dass mir der Tourenpartner gefehlt hat. Der ganze Selbsterfahrungskram ist mir ziemlich egal, vor allem da ich eigentlich nicht der mutigste Bergsteiger unter der Sonne bin und zudem die Anwesenheit eines guten Tourenpartners durchaus schätze (man hat dann jemand der sich mein Gebabbel anhört, der Antrieb es durchzuziehen ist höher und geteilte Erlebnisse sind was Feines).

Aber wie es halt so ist, manchmal ist der Ruf des Gebirges stark und man muss einfach raus, weshalb ich in der Vergangenheit schon öfters alleine im Gebirge unterwegs war. Manchmal erfolgreich, manchmal nicht oder aber auch mit schlechter Planung bedacht.

Angefangen hatte es Ende Mai 2008, als ich den Mindelheimer Klettersteig auf dem Plan hatte. Jahre zuvor in einem desolaten konditionellen Zustand hatte ich dort am Einstieg schon gesackt, diese Schmach wollte ich nun endlich tilgen. Also freitagabends nach Mittelberg und samstagmorgens noch im Dunkeln hoch zum Fiederepass. Da noch einiges an Schnee am Grat lag war außer mir niemand dort und ich war an dem Tag auch der einzige Begeher. Ein schöner Kontrast zu den Menschenmassen, die den sehr beliebten Steig normalerweise im Sommer angehen. Viele Sicherungen lagen noch unter dem Schnee, aber wo man sie brauchte lagen die Sicherungen frei, das Wetter war Top und die Gratkraxelei ein wahrer Genuss. Glücklicherweise wurde die Mindelheimer Hütte schon ausgegraben und so kam ich noch zu einer Einkehr dort, wobei das Hüttenpersonal etwas verwundert war, dass so früh schon jemand den ganzen Klettersteig gemacht hat, dazu noch alleine. Der Plan dann von der Mindelheimer Hütte wieder ins Kleinwalsertal abzusteigen ging leider nicht auf. Dort war noch Winter und das Hüttenpersonal hatte gerade erst angefangen, den Weg freizuschaufeln. Tja, dann halt Abstieg ins Stillachtal, langer Talhatsch bis zur ersten Bushaltestelle, mit dem Bus zum Bahnhof in Oberstdorf und dann mit dem Walserbus zurück zum Auto. In Summe dann eine 14 Stunden-Tour, so war das nicht geplant.

Einen Monat später wollte ich dann auch dem höchsten Gipfel der nördlichen Kalkalpen auf Haupt steigen. Wieder freitags abends los und nach kurzem Autobiwak in Grins ging es los auf die Parseierspitze. Als Tagestour durch die 2000 Hm im Auf- und Abstieg eine ordentliche Konditionsübung, aber gut machbar. Im Prinzip ist es über den Gatschkopf bis auf den Grinner Ferner nur Wanderweg. Ab dem Grinner Ferner darf man dann noch ~200 Hm im zweiten Grad durch eine etwas schuttige Flanke klettern. Nicht wirklich schwer, aber mit schönen Tiefblicken. Interessant waren die beiden anderen die ich am Grinner Ferner getroffen hatte. Ich hatte Steigeisen und Pickel dabei, was an dem sich aufsteilenden harten Firnstück am Übergang zum Fels sehr hilfreich war. Die anderen mühten sich nur mit den Stöcken mehr zurückrutschend dort hoch. Oben am Gipfel meinten die nur zu mir „Hätten wir doch nicht die Steigeisen im Auto gelassen…“. Beim Abstieg ging es dann durch die Gasillschlucht und der Gebietsführer hatte an dem Punkt wirklich recht, der Weg ist „unangenehm“.

Im März 2010 war wieder einmal die traditionelle Skiwoche in Wildhaus angesagt. Da ich mich mittlerweile dem Tourengehen verschrieben hatte, aber der einzige Tourengeher in der Gruppe war, mußte ich wohl oder übel alleine losziehen. Die wenig prickelnde Skitour auf den Mutschen war das erste Ziel, da ich dafür direkt hinter der Hütte starten konnte. Langer Talhatsch, abfahrtstechnisch wenig lohnend, dafür aber ein sehr aussichtsreicher Gipfel. Irgendwie zeigt dies auch, wie schnell man vergisst, dass manche Touren Mist sind, ich habe diese Skitour dann nochmal im Jahre 2013 gemacht und fand sie immer noch scheisse… Das fiel mir aber erst bei der Tour wieder ein. Auf dem Selun war ich in der Woche dann auch noch, 1400 Hm, der traumhafte Gipfelhang war völlig windverpresster Schnee und oft abgeblasen, so dass ich am Ende sogar die Steigeisen gebraucht habe, während im unteren Teil der Schnee zwar super war, dafür war dort Nebel und die Sicht mies. Naja, Gipfel abgehakt, schön ist anders.

Anfang Juni 2010 war auch wieder so ein Wochenende wo die Wettervorhersage gut war, ich Zeit hatte aber spontan niemanden finden konnte, etwas mit mir zu unternehmen. Da ich die Gegend vom Skifahren her sehr gut kannte wurde der Alpstein als Ziel auserwählt. Der Altmann und der Wildhuser Schafberg fehlten mir dort noch als Gipfel, also warum nicht. Wie üblich freitagabends los, Autobiwak in Wildhaus und vor dem Sonnenaufgang los. Es lag noch einiges an Schnee, der war aber schön trittfest. Der Südkamin (II) auf den Altman wurde als Aufstieg gewählt. Der windet sich größtenteils im Inneren der Südwand hoch, ist wenig ausgesetzt und war mit perfektem Trittschnee gefüllt, so dass die sehr gut solo ging. Blöderweise geht der Normalweg nordseitig runter und war ziemlich vereist. Deshalb gibt es dort reichlich Eisenstangen zum Abseilen, blöd nur, wenn man kein Seil dabei hat. Aber mit etwas Vorsicht ließ sich das dann auch irgendwie abklettern. Über den langen Grat zum Wildhuser Schafberg („Nädliger“) gelangte ich dann zu dessen Ostwand. Dort zieht die schöne Ostwandrampe (II) direkt in den Sattel zwischen Haupt- und Vorgipfel. Eine wunderbare, genüsslich-leichte Plattenkletterei, die man schon mal machen kann. Der Abstieg über den Normalweg war dann problemlos und führte mich zurück zum Auto. Eine schöne Tour und dazu zwei Gipfel überschritten. Außer am Gipfel des Schafberges traf ich auch den ganzen Tag niemand anderes.

Ende November 2010 zog es mich in die Berge, in den Nordalpen hatte es die ersten ordentlichen Schneefälle und ich wieder einmal spontan keinen Partner, also wollte ich irgendeinen Hatschgipfel machen. Im Gedanken dass es zu früh für eine Skitour sei waren nur die Stöcke und die Bergstiefel dabei und es ging ab nach Hinterhornbach. Morgens überlegt, was ich machen will: Hochvogel ist nett, aber es hatte doch deutlich mehr Schnee als gedacht. OK, der Hochvogel ist schön anzusehen, aber ein Schutthaufen, zudem ist der Bäumheimer Weg bei viel Schnee nicht ohne, also dann halt auf die Bretterspitze. Ab gut 1500 Hm im knietiefen Neuschnee durch bestes Skigelände bis zum Gipfel gespurt, immer das Matterhorn des Allgäus im Blick. Als passionierter Skifahrer tat es mir im Herzen weh, dass die Mühen des Aufstieges nicht mit einer Abfahrt gekrönt werden konnten, da die Ski zu Hause waren, also wieder das ganze Retour hatschen. Ätzend.

Anfang März 2011 ging es wieder mal ins Lechtal um die Plattenspitze mit Ski zu erreichen. Es war ziemlich warm, die ersten 400 Hm durfte ich die Ski tragen und den Gipfel habe ich nicht erreicht. Bei den Gifpelhängen gingen schon einige Rutsche ab und die Lawinenlage war mir nicht geheuer, um da alleine weiterzugehen. Gesackt und heimgefahren.

Ende März 2011 dachte ich dann: „So jetzt machst du aber von Hinterhornbach aus den Hochvogel, die Scheisse wie an der Bretterspitze passiert mir nicht noch einmal, ergo die Ski kommen mit.“ Tja, dieser Winter fing früh an, war aber auch früh zu Ende. Ich trug die Ski vom Tal 1450 Hm bis zum Gipfel, ohne einen Meter abzufahren. Die Westwandrinne war vereist, das ging nur mit Steigeisen und Pickel (hoch und runter, mit den Ski auf dem Rücken), beim Gipfelaufbau war alles abgeblasen und darunter hatte es keinen Schnee mehr. Ätzend, aber immerhin den Gipfel erreicht.

Im August des Jahres 2011 hatte ich dann Lust ein paar Hochtouren alleine zu machen, wobei Weißmies und Lagginhorn als einfache 4000er ausgewählt wurden. Die S-N-Überschreitung der Weißmies ging super, um halb vier vor allen anderen morgens an der Hütte los, den einfachen Krabbelgrat südseitig hoch, die gut ausgelatschte Spur nordseitig runter und angekommen, als die erste Bahn mit den Eintagesbesteigern ankam. Auf der Sonnenterrasse der Weißmieshütte habe ich dann festgestellt, dass das Lagginhorn schon ein ziemlich hässlicher Haufen ist, das Fletschhorn dafür viel formschöner. Früh morgens im Dunkeln gestartet und gleich die falsche Moräne hoch, Sackgasse. Irgendwann kam eine andere Seilschaft, also umdrehen, Moräne runter, zur anderen Moränen und den Stirnlampen nach. Irgendwo auf 3400 m am Eisbruch des oberen Gletschers habe ich die britische Seilschaft dann überholt, da ich im Firn alleine doch schneller unterwegs war als die beiden, die ein etwas steileres Stück sicherten. Weiter auf dem nicht gespurten Fletschhorngletscher und auf etwa 3800 m mit dem Pickel durch eine dünne Schneebrücke eingebrochen. Tja, da kam mir dann auch langsam auf, dass es evtl. nicht die beste Idee sei, da alleine weiterzugehen, ergo Abbruch. Beim Weg nach unten traf ich wieder auf die Briten, die noch im Aufstieg waren und die fragten warum ich umdrehe (Schiss!). Die boten mir an, mich bei denen dranzuhängen, was ich aber ablehnte, ich hatte ja nicht einmal einen Gurt dabei (warum auch…). Abstieg bis ins Tal in einem Rutsch und heimgefahren. Ätzend.

Im Oktober 2011 sollte es dann an einem herrlichen und warmen Herbstwochenende auf den Galenstock. Der Plan war ihn von Nord nach Süd zu überschreiten. Ich startete vom Pass (damit ich beim Rückweg nicht so weit laufen muß) und wollte über den Siedelensattel, Tiefengletscher, Nordgrat und Rhonegletscher zurück die Tour machen. Um vier im Stockdunkeln gestartet, gleich zu Beginn die falsche Abzweigung genommen und irgendwann stand ich auf dem kleinen Furkahorn. Völlig daneben. Wieder runter, richtigen Weg genommen, Zeitplan im Arsch und erst um etwa 11.00 Uhr nach dem Tiefengletscher in der Ostflanke des Galenstockes angekommen, von welcher aus es zum Nordgrat geht. Leider war es für diese Jahreszeit sehr warm, die Sonne brannte ziemlich in die Flanke und es kam ein Brocken nach dem anderen geflogen. Eine Kippenlänge abgewartet, fünf Brocken an mir vorbeirauschen lassen und beschlossen, dass es nicht die beste Idee wäre, alleine weiterzugehen. Umdrehen, um das kleine Bielenhorn rum und bis zum Pass. Im Endeffekt war es eine sehr lange Wanderung aufs kleine Furkahorn. Ätzend, falschen Gipfel erreicht.

Im darauffolgenden Winter wollte ich dann im Januar alleine mit den Ski auf das kleine Bielenhorn. Freitags nachts losgefahren, die 400 Km hinter mich gebracht und um 0 Uhr das Autobiwak in Real bezogen. Das Thermometer zeigte -21°C, die Wahl meines Schlafsackes war der Temperatur leider nicht angemessen. Nach einer Stunde hatte ich schon höllisch gefroren, bin kurzerhand die 400 km wieder heimgefahren und hatte der Frau Frühstück mitgebracht.  Sinnloser Ansatz. Gescheitert da ich zu verweichlicht war um zu frieren.

Die letzten Touren alleine folgten dann wieder bei der schon oben erwähnten Skiwoche in Wildhaus. Da ich immer noch der einzige Tourengeher der Gruppe war und ich Skipisten mittlerweile meide, mußte ich wieder auf eigenen Faust losziehen. Es lag viel Schnee, die Lawinenlage war OK, also hieß es durchstarten. In der Woche ging es mit den Ski unter den Füßen auf den Mutschen, die Rosswis, den Hünerchopf und den Chapf. Der Chapf war der Hammer: 1500 Hm astreines Skigelände und eine Abfahrt bis ins Rheintal auf 400 m runter. Das waren richtig tolle Touren, nichts ist passiert und ich dachte, dass soll es jetzt auch besser gewesen sein.

Die Lust alleine unterwegs zu sein war dann komplett weg und ich bin auch der Meinung, dass es nicht immer ganz ungefährlich ist. Wenn ich mal meine Ruhe brauche, dann gehe ich Boulder, Radfahren oder mache einen Berglauf, das reicht dann aber auch. Die letzten Jahre hatte ich dann immer einen Partner für die Touren im Gebirge. Keine Ahnung, ob ich wieder alleine losziehe, aber momentan brauche ich das nicht. Es waren ganz nette Erfahrungen, ob diese mich jetzt aber irgendwie reifer oder zu einer besseren Persönlichkeit gemacht haben, wage ich zu bezweifeln.

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© Thomas Schaub