Der Überklassiker - Mont Aiguille und Vercors (Oktober 2015)

 

Der Mont Aiguille ist ein überaus markanter und abweisender Tafelberg, welcher sich gut 30 km südlich von Grenoble frei vor den Ostabstürzen des Vercors als dominante Felsburg erhebt. Auf allen Seiten mehr oder minder vertikal und abweisend sollte dieser Berg jedoch in die Geschichte eingehen, da er durch die Erstbesteigung vor über 500 Jahren eine der Geburtsstätten des alpinen Bergsteigens ist. Als im Jahre 1490 der französische König Karl VIII mit seinen Mannen an den Westalpen entlang reiste, erblickte er diesen unbesteigbar aussehenden Berg, von den Einheimischen deshalb auch „Mons Inascensibilis“ genannt. Aber wie man weiß wurden auch viele Jahrhunderte später noch oft die Begriffe „unbesteigbar“ oder „unmöglich“ zu Unrecht verwendet, wieso sollte sich also deshalb jemand auch zu Zeiten, als auch der unmögliche Seeweg nach Indien gesucht wurde, davon abhalten lassen?

 

Als Monarch alter Schule mussten sich in seinem Königreich auch „unbesteigbare“ Gebilde seinem Willen unterwerfen und so bekam kurzerhand der königliche Söldnerführer Antoine de Ville den Befehl, für seinen König diesen Berg zu besteigen. De Ville war einer der damaligen Experten für die Eroberung von hohen Wehrtürmen mittels Leitern, was ihn qualifizierte mit dieser Taktik die etwa 300 m hohen Felswände des Mont Aiguille anzugehen. Gut zwei Jahre wurde die Besteigung geplant um am 26.06.1492 den Berg in Angriff zu nehmen. Mit Leitern, Seilen und Eisenhaken wurde in der Westflanke innerhalb von zwei Tagen ein Weg über Bänder und Kaminsysteme gefunden, welcher auch noch heute den einfachsten Aufstieg zum Mont Aiguille darstellt. Zusammen mit mehr als zehn Begleitern, darunter zwei Priester und dem Kammerherrn wurde dem Berg der Nimbus der Unbesteigbarkeit genommen, wobei die Expeditionsgesellschaft ganze sechs Tage auf dem Gipfel blieb. De Ville hielt seine Eindrücke wie folgt ein einem Brief fest:

 

Es ist der fürchterlichste und grauenerregendste Weg, den ich oder ein Mitglied unserer Gesellschaft je beschritten. Wir mußten eine halbe Meile auf Leitern aufwärts klettern, dann noch eine Meile weiter, aber der Gipfel ist der herrlichste Ort, den man sich denken kann. Um Ihnen ein anschauliches Bild des Berges zu geben, will ich bemerken, daß die Gipfelfläche einen Umfang von fast einer Meile hat, der Länge nach eine Viertelmeile und einen Bogenschuß der Breite nach mißt und aus einem wunderbaren Almboden besteht. Wir trafen hierauf ein stattliches Gemsrudel, das von hier nie wegkommen kann, mit Kitzen vom heurigen Wurf, deren wir eines getötet haben, und zwar versehentlich, denn mit Absicht hätten wir uns an keinem vergriffen, ehe wir wußten, wie der König darüber denkt ... Dies schreibe ich am 28. Juni am Aiguille. Jetzt bin ich schon drei Tage hier oben, mit mehr als zehn anderen Leuten und einem königlichen Leiterträger, und will nicht eher absteigen, als ich Bescheid von Ihnen erhalte, damit Sie, falls Sie es wünschen, Leute ausschicken können, die unsere Anwesenheit auf dem Gipfel bestätigen. Ich habe ihn (den Berg) getauft im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und im Namen von Saint-Charlemagne, dem König zu Ehren. Ich habe hier auch eine Messe lesen und an den Ecken der Gipfelfläche drei große Kreuze errichten lassen. «

 

Man kann sich jetzt darüber streiten, ob dies nun wirklich als eine der Wiegen des alpinen Bergsteigens angesehen werden kann, da die Besteigung auf Befehl hin und weniger aus eigenem Antrieb geschah, aber zweifellos war de Ville seiner Zeit weit voraus, denn der Berg sollte erst im Jahre 1834 durch den Schafhirten Jean Liotard zum zweiten Mal besteigen werden. Auch mag man bemängeln, dass die Besteigung durch den Einsatz von technischen Hilfsmitteln erfolgte, hierzu sei aber bemerkt, dass zum Bespiel in der Pfalz die Erstbesteigung des Asselsteines 1860 ebenfalls unter Zuhilfenahme solcher Mittel stattfand und den Beginn des Kletterns im Wasgau markiert. Auch die freikletternden Sachsen haben kürzlich ausgiebig als Geburtsstunde des sächsischen Bergsteigens die Erstbegehung des Turnerweges am Falkensteines zelebriert, welcher auch nicht frei erschlossen wurde.

 

Heutzutage ist der „fürchterlichste und grauenerregendste Weg“ am Mont Aiguille über die Aufstiegsroute von 1492 eine sehr populäre, relativ einfache und klassische Bergfahrt, welche ob des Ambiente und dem sehr lohenden Gipfel wirklich Spaßt macht. Zwar sind an drei Passagen Stahlseile angebracht (der Weg ist kein Klettersteig!), welche aber außer zu Sicherungszwecken eigentlich unnötig sind, da die Kletterei frei im Fels auch nicht über den dritten Schwierigkeitsgrad hinaus geht. Es ist eindrücklich durch welches Gelände sich die alpin unerfahrenen Söldner dort, trotz Sturmleitern, durchgewurstelt haben. Jedem gipfelorientierten Kletterer mit Sinn für Alpinhistorie sei dieser Aufstieg am Mont Aiguille wärmstens empfohlen, wann kann man schon mal die Gelegenheit einen über 500 Jahre alten Dreier klettern?

 

Quellen: Reinhold Messner, Bergsteiger, 1992, 6, S.71-73; Peter Grupp, Faszination Berg, 2008, Böhlau Verlag, S. 29-30

 

Informationen:

Da momentan keine brauchbare Führerliteratur zum Normalweg auf Deutsch erhältlich ist (abgesehen von der Beschreibung im vergriffenen „Im leichten Fels“ von Walter Pause, wobei dort der heute üblich Abstieg fehlt), gibt es diese hier als Dreingabe von mir.

Zustieg:

 

Ausgangspunkt ist der ausgeschriebene Parkplatz „Captee“ an der D8a westlich von St-Michel-les-Portes. Von dort dem ausgeschilderten Wanderweg in Richtung Col de l´Aupet folgend, bis man an einem Schuttfeld unter der Westwand des Mont Aiguille angelangt. Den markierten Weg verlassen und in Kehren über das Schotterfeld in Richtung des markanten von der Westwand abgespaltenen Felsturmes („la Vierge“) gehen. An diesem Felsturm vorbei nach links queren (~100 m), bis man an einem dicken, geschmiedeten Haken („Elefantenhaken“) steht. Dort steigt die Normalroute ein.

 

Aufstieg: Am Haken erst gerade, dann leicht linkshaltend hinauf, wobei man an weiteren Elefantenhaken und geklebten Edelstahlösen vorbeikommt. Auf angedeutetem Band dann rechtshaltend aufwärts queren, wobei etwa 60 m vor „La Vierge“ die Stahlseile beginnen. An diesen entlang bis hinter den Turm (Ende der Stahlseile). Dort fünf Meter in Schlucht absteigen und am rechten Ufer (in Aufstiegsrichtung) der Schlucht durch leichten Fels (weiterer Elefantenhaken und Ösen) gut 60 m aufwärts bis man an einem nach rechts ziehenden Band angelangt. Dieses bis zu weiteren Schmiedehaken queren und Wandstufe hinaufklettern. An weiterem Stahlseil nach links queren, zuletzt Gehgelände bis in den Kamingrund. Den schluchtartigen Kamin gut 100 m hinauf bis zur Gipfelwiese (teils Stahlseil, weiter Ösen), wobei zwei überhängende Kaminstellen durch Ausspreizen am einfachsten überwunden werden.

 

Anmerkungen: Der Fels ist zwar teilweise abartig poliert, aber dies stört soweit nicht sonderlich, da die Griffe und Tritte sehr groß sind. Wenn es nicht poliert ist, dann ist man falsch. Zur Absicherung reichen 5 Expressen und 5 Bandschlingen um die Elfentenhaken einzufangen. Die Route ist ausreichend mit solidem Fixmaterial bestückt (Stahlseil, Elefantenhaken oder geklebte Edelstahlösen). Gute Standplätze sind reichlich vorhanden und nicht definiert, einfach immer soweit das Seil ausgehen wie es passt und an einer der Fixsicherungen Stand machen. Der dritte Grad wird nie übersteigen (manch französisches Topo meint auch 4a), wobei die Crux die beiden überhängenden Passagen im Schlusskamin sind. Da man auch teilweise durch schottriges Gehgelände muss, sind ordentliche Bergstiefel angenehmer als Kletterschlappen, v.a. im Abstieg durchs Couloir. Bezüglich Steinschlags sollte man in der Gipfelschlucht aufpassen wenn andere Seilschaften dort unterwegs sind. Die Route lässt sich gut mit einem großen Rucksack machen, also alles für ein reichliches Gipfelpicknick (oder sogar Gipfelübernachtung) einpacken, die Gipfelwiese ist ein herrliches Fleckchen Erde.

 

Abstieg: Ein Abstieg über die Aufstiegsroute ist zwar gut möglich, allerdings ist der Weg sehr populär und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man aufsteigenden Seilschaften in die Quere kommt. Auch ist die Steinschlaggefahr im oberen Teil nicht zu unterschätzen und die ganzen Quergänge müßte man retour klettern. Der dezidierte Abstieg folgt keiner gewöhnlichen Aufstiegsroute und man ist deutlich schneller unten. Die Beschreibung erfolgt im Abstiegssinn. Etwa 50 m südlich vom Ausstieg des Normalweges klettert man an einer Plakette leicht einen Kamin (II) ab, bis man zum Beginn des „Grand Couloir“ gelangt. Dieses zu Anfang in einer kleinen Rechtschleife über Wegspuren durch Schotter und Schrofen gut 100 Hm hinunter, bis rechts ein weiteres Couloir abzweigt. Weiter linkshaltend das Hauptcouloir einige Meter hinunter, bis oben an der rechten Begrenzung eine Edelstahlöse kommt. Hier entweder 60 m im Couloir bis zur nächsten Öse (mit Abseilkarabiner)  an der Abbruchkante des Couloirs abseilen oder weiter absteigen (I). Vom Abseilkarabiner 35 m gerade hinunter bis man in einem weiteren Schluchtgrund steht. Dann ein kleines Wändchen rechts aufwärts klettern (I) und an einem Steinmann nach rechts zu Bäumen queren. Dort weiterer Abseilstand und 45 m vertikal in eine Schlucht hinter einem vorgelagertem Turm abseilen (kein Zwischenstand möglich! 50m Doppelseil obligat). Aus dem Schluchtgrund nach rechts absteigen, dann ca. 50 m im Gehgelände nach rechts bis zu einem letzten Abseilstand (10 m) von welchem man zurück auf den Zustiegsweg gelangt.

 

Literatur: Walter Pause, Im leichten Fels, 1979, BLV Verlagsgesellschaft; Dominique Duhaut, Philippe Peyre, Escalades en Vercors Chartreuase et Dèvoluy, 2011, Promo Grimpe; IGN-Karte TOP25R Nr. 3236 OTR (Villard-de-Lans/Mont Aiguille)

 

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© Thomas Schaub