Der gesägte Berg - Montserrat (Dezember 2015)

 

„Kennst du einen Kiesel, kennst du alle!“, auf diesen Gedanken kann man unter Umständen kommen, wenn man konglomerattechnisch bislang nur in Meteora unterwegs war. So ging es zumindest mir, weshalb ich den Montserrat bislang nicht sonderlich weit oben auf meiner Liste der anzusteuernden Kletterziele hatte, was im Nachhinein betrachtet völlig ungerechtfertigt war. Da meine Kletterkumpanen Thomas und Thomas (dieser Vornamen kommt in unserer Altersklasse wirklich oft vor) aber über den Jahreswechsel sowieso am Montserrat waren und wir über diese Zeit noch kein anderes Ziel im Auge hatte, beschlossen Susanne und Ich auch den Jahresausklang am heiligen Berg der Katalanen zu verbringen. Viele der Klettereien spielen sich über 1000 m Höhe ab und man könnte meinen, dass dies trotz der mediterranen Lage Ende Dezember/Anfang Januar etwas frisch werden könnte, aber weit gefehlt: Durch die Exponiertheit des Montserrat über dem katalanischen Umland hatten wir oben die ganze Woche von morgens weg Sonne, während sich im Tiefland sowie an der Küste teils zäh der Nebel hielt. In den Südwänden Sonne, ideale Klettertemperaturen von 15-20°C sowie nur trockener Fels, besser konnte man es nicht haben (OK, auf den Gipfeln war es teils etwas windig).

 

Wie sich schnell herausstellte ist die Kletterei im katalanischen Waschbeton ganz anderes als das monotone Geeiere an runden Kieseln in Meteora: Sandsteinknollen, Karstbrocken, Quarzeier und Urgesteinssplitter, zusammengehalten von einer soliden Kalkmatrix unterbrochen von Sandsteinbändern gespickt mit Löchern herausgebrochener Kiesel sorgen für einen unglaublichen Reichtum an Griffstrukturen, so dass die Kletterei unwahrscheinlich vielseitig aber auch trickreich ist. Zurecht wird dem Gestein nachgesagt, dass es nirgends so schwer ist On-Sight zu Klettern als dort. Blöd wenn alles gleich griffig aussieht, es aber nicht ist. Auch in leichten Routen habe ich etliche Nieten gezogen, bis ich dann den angegebenen Schwierigkeitsgrad mal getroffen habe (oder auch nicht). Zudem ist auch Sandbagging in dem klassischen Gebiet nicht unüblich (besonders in St. Benet), man sollte also nicht gleich frustriert sein, wenn man den gewohnten Schwierigkeitsgrad nicht an den Fels bekommt, sondern unabhängig vom ausgeworfenen Grad einfach die Schönheit der Kletterei im grandiosen Ambiente genießen.

 

So vielfältig wie die Griffe ist auch der Ausrüstungsstandard der Routen: Von cleanen Klassikern über spärlich mit Fixmaterial bestückten Routen bis zur komplett gebohrten Plaisirkletterein oder auch anspruchsvollen Technorouten ist der Tisch voll gedeckt. Bei über 5000 Routen hat es von allem Genannten eine reichhaltige Auswahl. Eine Spezialität dort sind gebohrte Routen mit schlechtem Fixmaterial. Ich habe etliche „Nägel“ geclippt, was die halten ist fraglich, im Zweifel wenig. Auch manche Abseilstation sollte sich besser nicht der AK-SanSi oder DAV-Sicherheitskreis anschauen. Viele Routen sind zwar saniert, andere aber nicht. Manchmal geht mobiles Material, manchmal nicht, das sieht man den Routen aber von unten meist nicht an. Wenn man nicht vom Wandfuß weg die Bohrhakenreihe nach oben ziehen sieht sollte man mit etwas Reserven einsteigen und reversibel klettern. Gerade in den nur spärlich gebohrten Routen ist es sehr schwer, eine graue Bohrhakenlasche in grauem Waschbeton auf etwas weitere Entfernung hin zu erkennen. Meist fehlen den Routen auch die Linien, wo es denn genau langgeht. Die Kletterführer sind hier auch nicht immer hilfreich (vor allem das einzig auf Englisch verfügbare Werk), da wird einem eine Route als voll mit Fixmaterial ausgestattet verkauft und es stellt sich dann beim Klettern heraus, dass die Route komplett clean ist (als pfalzdomestizierter Kletterer hatte ich zum Glück ein Bündel Cams am Gurt).

 

Für den gipfelorientierten Kletterer mit Sinn für das Gesamterlebnis ist der Montserrat aber ein wahres Paradies: Mehr als tausend Gipfel eingebettet in einen Märchenwald mit einer weiten Sicht auf Katalonien. Die vielen Gipfel und daraus resultierende Zackenform im Profil sind wohl auch der Grund für den Namen des Montserrat (katalanisch für „gesägter Berg“). Es gibt eine ganz große Auswahl an südseitigen Routen von 100 bis 200 m Länge in bestem Fels im Bereich von 4a bis 6a, also was für die klassisch angehauchte Softmoverfraktion. Aber auch im Bereich 6b bis 7c gibt es dort richtig viel, davon haben wir allerdings nichts geklettert. In den Nordwänden hat es noch längere Routen aber es gibt auch etliche Einseillängensportklettereien sowie bis zu 500 m lange Anstiege südseitig von ganz unten durchs gegliederte Gelände (keine „richtigen“ Gipfelanstiege). Für die versierten Rissfräsen sei aber auch erwähnt, dass zumindest auf den Südseiten in dem kompakten Beton nur wenig zu holen ist. Meist ist der Fels sehr kompakt und rissfrei bzw. in den wenigen Rissen/Kaminen sprießt dann ordentlich die Macchia. Ein paar Perlen hat es dann aber schon, es dominiert aber bei weitem Wandkletterei, wobei es in den großen Nordwänden viele Risssysteme geben soll, diese sind aber eher ein Ziel für den Sommer. Je nach Gebiet sind die Zustiege auch vielfältig: Ab etwa einer Minute von der Seilbahn weg bei Gorros bis zu fast zwei Stunden wenn man an der Salamandra klettern will, von Wandererautobahn bis zu ätzender Wurzelkletterei, alles andere liegt irgendwo dazwischen.

 

Da Vielfältigkeit am Montserrat großgeschrieben wird, gibt es auch eine diverse Auswahl an Kletterführern zu den jeweiligen Teilgebieten. Das hört sich erst einmal gut an, bis auf einen sind aber alle auf Spanisch oder Katalanisch verfasst. Gerade bei den teils nicht trivialen Zustiegsbeschreibungen oder den Hinweisen zu Besonderheiten klassischer Routen ist es doch von Nachteil, wenn man diese Sprachen nicht beherrscht. Die Angaben im englischsprachigen Auswahlführer („Montserrat free climbs – the very best“ von J.E Castellnou und N. Ferret) sind hingegen eher wie eine unverbindliche Preisempfehlung zu verstehen, was immerhin für die ein oder andere Überraschung sorgt und einem dadurch beim Klettern nicht langweilig wird. Zusammen mit den zuvor genannten Punkten resultiert dies darin, dass wir eigentlich so gut wie nur einheimische Kletterer dort getroffen haben, die wissen was Sache ist.

 

Das soll nun aber keinen abschrecken, jeder Pfalzkletterer der sich zu helfen weiß wird dort wunderbare Klettertage verbringen können. Die Kletterei und der Fels sind großartig, die Landschaft einfach traumhaft und es ist eine super Winterflucht, während bei uns alles grau und nass ist. Ich bin in den letzten Jahren doch schon etwas herumgekommen, aber der Montserrat war wirklich ein absolutes Highlight. In diesem Sinne: „Kennst du einen, kennst du eigentlich keinen…“

 

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© Thomas Schaub