Eis und Goldener Granit – Der Argentiérekessel (August 2014)

 

Wer Wochen im Voraus plant, der plant bekanntermaßen zweimal (oder so ähnlich). Für unsere mittlerweile etwas zur Tradition gewordene sommerliche Kletterausfahrt in den westalpinen Granit hatten Stefan und ich uns ein besonderes Leckerli ausgedacht: Die Niedermannrunde im Urner Granit (Niedermann am Salbit, Niedermann an der Grauen Wand und die Niedermann am Großen Bielenhorn). Tja, für das angepeilte lange Wochenende war die Wettervorhersage für die Furkaregion mittwochs abends dann leider, wie so oft, sehr schlecht. Also musste auf die Schnelle ein adäquates alpines Alternativgranitziel her, welches man mit 5-6 Stunden Fahrzeit erreicht und die Wettervorhersage brauchbar war. Als einziges kam bei diesen Kriterien das Mont-Blanc- Massiv in Frage. Aber das Gebiet ist groß, wohin also? Kurz den Topoguide durchgeblättert und auf die Klettereien rund um die Argentiére-Hütte gestoßen. Da wir dort beide noch nie waren, die Klettereien vom Schwierigkeitsgrad her passten und es genug zu tun geben sollte für drei Tage waren die Würfel gefallen.

 

Freitags abends nach dem Arbeiten los und nach kurzem Autobiwak am Ortsrand von Argentiére mit der ersten Bahn hoch zu Grands Montets. Interessanterweise fährt man mit der Bahn erst einmal auf 3295 m hoch, nur um dann gleich wieder 700 Hm auf den Argentiéregletscher abzusteigen, diesen zu queren um dann zur wunderbar gelegenen Hütte zu gelangen. Obwohl es ein Samstag während der Hauptferienzeit war, war die Hütte nicht einmal halb belegt (etwa 35 Leute). Im Argentiérekessel geht es im Sommer doch deutlich ruhiger zu als in anderen Ecken des Massives, obwohl die Hütte landschaftlich phantastisch liegt, da man volle Sicht auf die majestätische, himalajaesk anmutende Nordflanke von Courtes, Droites und Verte hat. Allerdings lässt sich von der Hütte aus keiner der prestigeträchtigen Gipfel über der 4000er-Marke leicht erreichen. Am nächsten liegen Droites und Verte, dazu muss man allerdings eine der langen Nordwandrouten bringen und da sind die meisten Gelegenheitsalpinisten schon aus dem Rennen. Als einfache und lohende Hochtouren gibt es zwar von der Hütte aus die Normalrouten auf die Aiguille d´Argentiére oder Le Tour Noir, denen fehlen aber ein paar Meter zu den magischen 4000 und sind dementsprechend deutlich weniger beliebt. Bergsteiger sind schon eine komische Spezies, wenn Zahlen über der Schönheit stehen. Uns war es recht und ab Sonntagabend waren wir zusammen mit drei Australiern sogar nur noch die einzigen Gäste auf der Hütte (OK, das Wetter wurde auch schlechter) und kamen so auch lange ins Gespräch mit dem Hüttenwirtehepaar. Ich habe an noch nie solch entspannte Hüttenwirte erlebt, welche uns auch noch viele Geschichten aus dem Nähkästchen erzählten und uns sogar reichlich Kaffee und Kuchen spendierten.

 

Aber ich schweife ab, es soll ja immer noch irgendwie ums Klettern gehen. Nach der Ankunft samstagmittags ging es in die „Gateau de Riz“ (V+, 235m) an der Aiguille du Refuge. Diese Route hat den großen Vorteil, dass man den Einstieg von der Hütte aus in zehn Minuten erreicht. Obwohl als Zwischensicherungen keine Bohrhaken stecken ist das eine wahre Genußkletterei in phantastischem, goldenem Granit, der bereitwillig Cams und Keile aufnimmt und zudem den ganzen Mittag in der Sonne liegt. Ein witziger Reitgrat wird auch geboten, ansonsten ist die Kletterei schön klassisch. Genau das richtige zum Eingewöhnen am Zustiegstag. Tags darauf war der Plan dann eigentlich was an der Aiguille du Génepy oder am Le Minaret zu klettern. Es war für die Jahreszeit relativ kalt und hatte morgens noch stramm Frost in der Höhe, die Bereitschaft hier also irgendwas im Fels ohne Sonne zu klettern ging gegen null. Als die Hochtourenaspiranten für Aiguille d´Argentiére und Tour Noir um vier morgens abmarschierten drehten wir uns nochmal gemütlich rum um uns erst spät, d.h. um sieben, aus dem Bett zu schälen. Nach ausgiebigem Frühstück stellten wir fest, dass es immer noch deutlich unter null Grad hatte und die beabsichtigten Klettereien wohl erst gegen Mittag genügend Sonne abbekommen würden. Was also tun, wenn man nicht frieren will? Genau, Bewegung hilft! Das ausliegende Führermaterial in der Hütte gewälzt und siehe da, auf den Tour Noir gibt es ein halbwegs einfaches, westseitig ausgerichtetes Couloir, wenn wir das seilfrei gehen bewegen wir uns die ganze Zeit und uns wird nicht kalt. Wir hatten zwar nur einfache Steigeisen und jeder einen Gehpickel für die Gletscherquerung dabei, aber das Couloir wurde vor über hundert Jahren mit deutlich schlechterem Material erstbegangen. Da wir aber auf dem Rückweg noch was im Fels klettern wollten wanderte auch das ganze Klettergraffel als Trainigsballast in den Rucksack.

 

Um halb neun los, also zig Stunden nach den anderen Aspiranten für den Gipfel, und erst einmal etliche hundert Höhenmeter auf dem Gletscher zugestiegen. Als wir um elf am Couloir ankamen, waren alle anderen schon im Abstieg, da langsam auch die Sonne in die Rinne kam. Da es aber saukalt war, weichte der Firn so schnell noch nicht auf. Während uns etliche Seilschaften, ausgerüstet wie für eine Wasserfallkletterei mit zwei Eigeräten, im Abstieg entgegenkamen, sind wir klassisch und ohne Seil jeder mit einem Pickel aufgestiegen. Mei, die Rinne hatte auch keine 40° und das ging ganz gut, obwohl ich über ein zweites Eisgerät auch froh gewesen wäre. Anyway, oben angekommen war dann doch schon viel Sonne im Couloir, so dass wir uns für den Abstieg abseilenderweise an Blöcken und Zacken am Couloirrand entschieden, so kam dann wenigstens auch mal das Seil zum Einsatz.

 

Das Timing war perfekt, denn als wir etwa gegen 14.00 Uhr an der Aiguille du Génépy vorbeikamen lag die Wand voll in der Sonne. Also die schweren Bergstiefel gegen Kletterpatschen getauscht und in die „L´Echapelle belle“ (VII, 200m) eingestiegen. Die VIIer-Länge musste natürlich Stefan machen, das war mir zu stramm, ich bin dann irgendwie hinterhergehampelt. Pünktlich zum Abendessen waren wir dann in der Hütte. Ausschlafen, Hochtour und dann noch eine zünftige Felskletterie in der Sonne, so könnte jeder Tag sein.

Für Montag war dann ab spätem Vormittag Schlechtwetter gemeldet, also früh ab an den Fels.  Wieder an die Aiguille du Génepy und die tolle „Arete du Génépy“ (VI-, 200m) gemacht. Auch hier allbester, goldener Mont-Blanc-Granit, super Kletterei, keine Bohrhaken als Zwischensicherungen und sogar ein paar Stände mussten gebastelt werden. Das Timing war auch perfekt, es fing gerade an zu schneien, als wir die letzte Länge hinter uns hatten. Abgeseilt wurde dann zwar beim Schneetreiben, aber zurück in der Hütte gab es zum Aufwärmen ausgiebig Kaffee und Kuchen mit den Hüttenwirten um anschließend im Schmuddelwetter den langen Abstieg über den Argentiéregletscher zu Tale anzugehen.

 

Das Gebiet um die Argentiérehütte kann ich jedem empfehlen, der das Ambiente und den genialen Fels des Mont-Blanc-Gebietes genießen will, dem aber der Rummel rund um die Aiguille du Midi zu arg ist (den hatten wir dann volle Breitseite das Jahr darauf…).

 

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© Thomas Schaub