Ferien auf dem Ponyhof, das Tor zu Hölle und der perfekte Berg - Island (August 2015)

 

„Was ist das für ein bescheuerter Titel für einen Artikel?“ mag sich der ein oder andere Leser jetzt vielleicht erst einmal fragen. Da die Gattin und ich im August eine Woche zum Reiten auf der größten Vulkaninsel des Planeten im Nordatlantik verbracht hatten, sollte der erste Teil hiermit nachvollziehbar sein.

 

Island ist ja eine nicht wirklich unbekannte, aber sehr lohnende Reitdestination und zudem haben die einheimischen Pferde ein für mich sympathisches Schultermaß (Pferde, nicht Ponys! Dies ist den Isländern wichtig). Die Reitwoche wurde auf einem selbst für Islandverhältnis abgelegenen Hof namens „Husey“ an der Ostküste verbracht. 50 km vom nächsten Ort, davon 20 km auf Schotterpiste und grob 600 km Fahrstrecke von der nächsten Großstadt entfernt ein wunderbarer Ort der Ruhe zum völligen Abschalten. 40 km2 Grasland als optimales Reitgelände und eine Herde von rund 70 vierbeinigen Isländern gehören zu dem Gehöft. Die Liebste hatte natürlich eine Riesenfreude an den täglichen Ausritten und ich konnte mich auch damit anfreunden, v.a. da es dort eigentlich auch nichts anderes zu tun gab als Reiten und Seehunde sowie Raubmöven zu beobachten. Das Wetter war untypisch isländisch, da relativ stabil, was bedeutete, dass es bei Temperaturen unter 10°C die ersten vier Tage durchregnete. Der oft gehörte Spruch in Island „Wenn dir das Wetter nicht gefällt, dann warte 10 Minuten“ wird leider auch durch stetige Wiederholung nicht wahrer. Wetterbedingt sind dem Bauer dann auch alle Wiesen abgesoffen sind, was mir persönlich erst einmal nicht sonderlich viel ausmachte. Es waren ja nur die Füße der Pferde die durch den Morast mussten und nicht meine. Als ich am vorletzten Tag abgeworfen wurde und in einer halbmetertiefen Gumpe landete änderte sich meine Ansicht bei diesem Punkt aber etwas. Zu Beginn sah es auch ob des dichten Nebels so aus, als ob wir unseren Urlaub im Dezember am Wattenmeer verbrachten. Am fünften Tag bei etwas besserer Sicht stellten wir dann aber fest, dass wir immer noch in Island waren, da man endlich die Berge rechter- und linker Hand erkannte, welche sich doch mehr als 1000 m hoch erhoben.

 

Dies führt mich dann auch direkt zum nächsten Teil des Titels, da ich als bergaffiner Mensch natürlich nicht nur zum Reiten nach Island flog, weshalb wir noch acht weitere Tage angesetzt hatten, um uns das Land zu erkunden. Die Bergwelt von Island ist trotz einer maximalen Absoluthöhe von 2119 m (Hvannadalshnúkur) und horrender Mengen Bruch und Schotter auf seine eigene Art phantastisch, was ein paar besonderen Umständen geschuldet ist: a) Island liegt ziemlich weit im Norden und ist sehr niederschlagsreich, wodurch sich für europäische Verhältnisse dort riesige Gletscher befinden, deren Arme bis auf Meereshöhe hinab reichen; b) Die Insel ist so gut wie nicht bewaldet und größtenteils Wüste, wobei es sich beim Hochland um eine sehr menschenleeres und raues Gebiet handelt, welches den Großteil des Landes ausmacht; c) Island ist geologisch betrachtet eine verdammt junges Land und eines der aktivsten vulkanischen Gebiete der Erde mit einigen interessanten Begleiterscheinungen.

 

Um Europas größtem Gletscher, den Vatnajökull, etwas näher zu kommen bestiegen wir am einzig wirklich schönen Tag des Aufenthaltes den Kristinartindar im Skaftafell, welcher zwar nur 1126 m hoch ist, da man aber auf Seehöhe startet und es doch eine weite Hatsch ist, sind gut sieben Stunden für Auf- und Abstieg anzusetzen. Der Gipfel ist dann wie ein Adlerhorst, wobei man auf die unfassbar große Gletscherhochebene des Vatnajökull sieht, sich riesige Gletscherzungen unter einem in die Sandebene schieben, das Ganze in Sichtweite des Nordatlantiks. Direkt gegenüber thront dann der dick mit Eis überzogenen größte Isländer, ein Bild das ich eher aus hochalpinen Gegenden kenne.

 

An den Füßen des Vatnajökull befindet sich mit Hnappavelier auch das laut Kletterführer populärste isländische Sportklettergebiet, das Einzige welches wir wetterbedingt aufgesucht haben. Trotz Hauptsaison, keinem Regen und sommerlichen 14°C war außer uns nur noch eine Seilschaft dort und das waren Sachsen. Entweder ist Sportklettern in Island nicht sonderlich populär, oder den Einheimischen war es einfach zu warm. Ein Grund könnte natürlich auch sein, dass die nächste Großstadt 380 km entfernt liegt. Das Klettergebiet dort wartet mit sehr gutem Basalt auf, welcher zwar relativ rissarm dafür aber fast so rauh wie Gritstone ist und als ehemalige Meeresklippe interessante Griffstrukturen aufweist. Alles ist sehr liebevoll eingerichtet, es gibt eine immer offene von Kletterern erbaute Hütte direkt vor den Felsen (wohl wegen dem allfälligen Regen), eine Toilette, der Wandfuß besteht aus einer großräumigen kinderfreundlichen Wiese auf welcher man umsonst sein Zelt aufschlagen kann und zudem schlängelt sich ein Bach inklusive kleinem Wasserfall durch das Gebiet. Lauffaule können zudem ihr Gefährt auch direkt am Fels parken. Die Routen sind 8-30 m lang, wobei die meisten (etwa 110) eng gebohrte Sportklettereien mit Komforedelstahlumlenkern sind. Die wenigen Risse hat man meist clean belassen, Freund & Co können also auch zum Einsatz kommen. Der Schwierigkeitsschwerpunkt liegt bei etwa 5.10 wobei es auch viele leichtere und schwere Routen hat. Wenn man in der Nähe ist und das Kletterzeug dabei hat wie wir, dann kann man da schon mal hin, es jetzt extra als Kletterziel anzufahren lohnt allerdings nicht wirklich, es ist keine herausragende Kletterei, dies sollte ehrlich gesagt werden.

 

Die Klettergebiete in Island sind leider relativ weiträumig über das Land verteilt und meist nicht sonderlich hoch. In der Nähe von Reykjavik gibt es zum Beispiel noch mit Stardalshnjúkur ein schönes Basaltsäulenkletterrevier. Das sah toll aus, plötzlich einsetzender strömender Regen hat uns dort aber schon im Zustieg vertrieben. Es ist wirklich erstaunlich, dass ein Land in dem es so viel Fels gibt, doch nur so wenig davon brauchbar ist, damit das Klettern Spass macht. Geologisch bedingt fehlt es in Island gänzlich an den sonst üblichen wandbildenden Gesteinen wie Kalk, Dolomit, Granit, Gneis oder Sandstein. Das Meiste ist zu schnell abgekühlter Rhyolith und Basalt sowie zum Klettern sowieso völlig ungeeigneter Tuff. Nur zum Klettern würde ich persönlich nicht nach Island fliegen, dazu wäre mir auch das Wetter zu unbeständig. Aber wenn man sowieso das Land aufsucht und noch andere Dinge auf dem Programm hat, dann kann man schon noch das Klettergerödel einpacken. Man hört allerdings, dass es sich in Island hervorragend Eisklettern lässt, der unfassbaren Menge an Wasserfällen und Rinnen allerorts sowie durch die nördliche Lage hört sich dies für mich auch sehr glaubwürdig an.

 

Den Vorgeschmack auf den Winter bekamen wir dann auch an der Hekla, welcher in früheren Zeiten nachgesagt wurde, sie sei das Tor zur Hölle. Diese Bezeichnung musste ich natürlich im Titel für diesen Bericht einbauen, er wirkt einfach so wunderbar reißerisch. Die Hekla ist einer der aktivsten und gefürchtetsten Vulkane und bricht  im Schnitt alle 10 Jahre aus. Der letzte Ausbruch war im Jahre 2000, der Vulkan ist also längst überfällig, worauf wir auch am Zeltplatz in der Nähe eindrücklich hingewiesen wurden, vor allem dass sich erfahrungsgemäß ein Ausbruch erst 30-40 min zuvor ankündigt. Für den Fall der Fälle sind in der Nähe des Berges auch Schilder angebracht, in welche Richtung man rennen sollte, wenn man gerade das Pech hat die Hekla zu besteigen und sie dabei plötzlich ausbricht. Dies wirkte natürlich nicht sonderlich vertrauenserweckend, war aber ehrlich gesagt dann unsere geringste Sorge, als wir diesem schrecklichen Vorboten der Hölle aufs Haupt steigen wollten. Die Hekla erreicht mit 1491 m derzeit noch nicht einmal die Höhe des Feldberges, was sich allerdings mit dem nächsten Ausbruch ändern kann. Mit seinen zwar firnbedeckten, aber doch wenig steilen Flanken wirk sie nur wie ein besserer Wanderberg. Bei gutem Wetter ist dies auch sicher der Fall und wird auch so beschreiben, allerdings ist der Polarkreis nicht weit entfernt, der Nordatlantik ist generell ein windiges Flecken und die Hekla erhebt sich ziemlich einsam als großer Windfänger über die Ebene. Die Wettervorhersage versprach netterweise noch Windgeschwindigkeiten größer 120 km/h am Tag der Besteigung und diese traf leider auch voll zu. Beim Aufbruch war es im Tale zwar schon windig, aber die Hekla steckte nicht in den Wolken, so dass es nach brauchbaren Bedingungen aussah. Den Mietallrader schön über die Schotterhochlandpiste zum Startpunkt geprügelt und die etwa 900 Hm und 14 km Aufstieg begonnen. Nach etwa drei Stunden schlug dann das wechselhafte isländische Wetter voll zu und machte seinem Ruf alle Ehre. Beim Aufstieg über den voll dem Wind ausgesetzten Nordostrücken schlug der Sturm mit aller Kraft zu, gewürzt mit ordentlichem Schneefall. Die Orientierung ist bei schlechter Sicht in den weitläufigen Firn- und Lavafeldern relativ schwierig, es wehte uns die Auftstiegsspur zu und ich als nicht gerade schmächtiger Bergsteiger hatte Probleme mich gegen den Wind auf den Beinen zu halten. Von der zierlichen Gattin ganz zu schweigen. 200 Hm unter dem Gipfel beschlossen wir dann doch lieber umzudrehen, solange wir noch irgendwie zurück zum Auto finden können, vor allem da wir auch die einzigen oben am Berg waren. Gesackt. Auf gut 1300 m Höhe. An einem „Wandergipfel“. Im Hochsommer. Sehr gut für das Bergsteigerego. Wenn die Hekla das Tor zur Hölle ist, dann war die Hölle zu dem Zeitpunkt anscheinend gerade zugefroren. 

 

Dieser Rückschlag motivierte uns dazu den vermeintlich perfekten Berg anzugehen, wobei ich damit schon beim letzten Teil des kruden Titels bin. Das sich der perfekte Berg in Island befinden könnte, darauf kam ich beim Studium der Topokarte. Dort zeichnet sich im Hochland eine ausgedehnte Erhebung ab, welche durch perfekt kreisrunde und im gleichen Abstand befindliche Höhenlinien ins Auge stach, welche den Namen „Skjaldbreidur“ trägt. Die Abbildung aus der Topokarte spricht hier für sich und als bekennender Ästhet muss man auf solch einem Gipfel gestanden haben. Von diesem 1066 m hohen Berg hatte ich zuvor allerdings noch nie gehört, wobei es dem Großteil der Leserschaft wohl ähnlich ergeht. Da an dem Gipfel eine Hochlandpiste vorbeiführt, lies sich dieser mit unserem Geländewagen auch halbwegs bequem erreichen, um dem hochsymmetrischen Gebilde aufs Haupt zu steigen. Und hier fing der enttäuschende Teil des perfekten Berges an, nämlich dass ich beim Studium der 1:100 000 Karte die Abstände der Höhenlinien nicht so richtig in Relation zur Hangneigung gebracht hatte. Der Skjaldbreidur ist tatsächlich perfekt kreisrund, mit einer auf allen Seiten völlig gleichmäßigen Hangneigung, welche allerdings nur schlappe 6° beträgt. Der Haufen ist ultraflach und hat gut 15 km Durchmesser, zwar irgendwie formschön, aber alles andere als überwältigend. Dafür weiß ich jetzt wie ein perfekter Schildvulkan aussieht. Aber egal, wir waren dort und wir brachten die langweilige Hatsch im Direttissimastil über anfangs Tufffelder und ab ~600 Hm Firn gen Gipfel hinter uns. Ständiger Begleiter war der Regen sowie sehr strammer Wind und wieder war außer uns niemand weit und breit unterwegs. Am Gipfel gab es dann wenigstens noch einen sehr schöner Krater als Gipfelschmankerl. Ob der geringen Hangneigung konnte man den Firn und die Asche abwärts nicht einmal vernünftig auf den Hacken abfahren, als Skitour wäre das wohl ein perfekter Anfängerberg ohne jegliche Lawinengefahr. Wären meine Isländischkenntnisse nicht so schlecht, dann wäre ich unter Umständen vorgewarnt gewesen, nach der Tour fand ich nämlich heraus, das Skjaldbreidur einfach nur „breites Schild“ bedeutet.  

 

Weitere Islandbilder in der großen Galerie: Der Norden

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© Thomas Schaub