Ab in den Süden – Antarktis und Feuerland (2018)

 

Pinguine, Wale, Eis, Märchenwälder und Steaks. Es war einfach geil! Das ist die Quintessenz unseres Besuches der Antarktis und von Feuerland. Wer etwas Zeit übrig hat und sich für die Details interessiert darf natürlich auch gerne weiterlesen und sich durch die kleine Auswahl an Bildern klicken, die ich dabei aufgenommen habe.

 

Die diesjährige Reise auf die Südhalbkugel im November diente nicht dazu dem tristen Wetter in unseren Breiten zu entfliehen, dafür ging es einfach zu weit nach Süden: Antarktis und Feuerland. Zwei Ziele die von uns aus gesehen als durchaus ab vom Schuss zu bezeichnen sind. Vor allem die Antarktis ist mit einer etwas komplizierteren und nicht gerade kostengünstigen Anreise verbunden, aber im Nachhinein betrachtet war es das auf jeden Fall Wert. Die Antarktis und Feuerland sind einfach als fantastisch zu bezeichnen!

 

Mit eintägigem Zwischenstopp in Buenos Aires und obligatem Steakessen steuerten wir zuerst Ushuaia ganz im Süden Argentiniens an, die Stadt die von ihren Einwohnern auch als „Fin del Mundo“ bezeichnet wird. Für Antarktisreisende, die dort starten, ist es aber erst der Ausgangspunkt. Das Wetter morgens am Ankunftstag war halbwegs brauchbar, weshalb wir gleich in die Bergbekleidung schlüpften, um noch auf einen der Hausberge zu steigen. Zum Wetter in Feuerland sei gesagt, dass es als durchaus wechselhaft zu bezeichnen ist. Schneeregen, Regen, strammer Wind und Sonnenschein wechselten sich jeden Tag dort mehrmals munter ab. Ich verstand dann auch recht schnell die Antwort der Fahrerin, die uns am Flughafen abgeholt hatte, auf meine Frage, ob denn das Wetter heute so bleibt: „No Idea. I never check the weather forecast as the weather anyway changes every hour.” So war es dann auch. Beim Loslaufen Sonne, am Gipfel des Cerro del Medio (912 m) Schneeschauer und ziemlich windig, im Tal wieder Sonnenschein. Aber egal, Gipfel gemacht, Häkchen dran. Landschaftlich übrigens ein toller Aufstieg. Man beginnt auf Meereshöhe, es geht durch das beschauliche Ushuaia und dann durch die wunderbaren Südbuchenurwälder. Die sehen in etwa so aus, wie man sich einen Urwald vorstellt und könnten auch als Kulisse vom Herr der Ringe gedient haben (in Neuseeland gibt es ebenfalls solche Südbuchenwälder). Bei etwa 500 m Meereshöhe liegt dann die Baumgrenze und die Landschaft wirkt hochalpin inkl. ausreichend Schneefelder. 

 

 

 

Am folgenden Tag startete dann die Antarktisfahrt. Wenn man nicht seekrank wird hat man bei einer solchen Schifffahrt durchaus einiges an Leerlauf, weshalb ich jeden Tag dort an einer Art Logbuch schrieb. Die folgende Schilderung der Antarktisfahrt geben deshalb wider, was mir unmittelbar an jedem Tag dort durch den Kopf ging und sind auch in diesem Kontext zu verstehen.

 

 

Logbuch Antarktis:

 

05.11.18, 16.00, 54.80°S, 68.33°W: Unsere Fahrt in Richtung Antarktis beginnt. In Ushuaia gehen wir an Bord der MS Ushuaia, ein betagtes aber solide wirkendes Schiff ohne unnötigen Kreuzfahrt-Schnick-Schnack. Wir sind ein sehr internationaler Mix von 90 Gästen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Bulgarien, Schweiz, Holland, UK, Tschechien, Ukraine, Aserbaidschan, China, Japan, USA, Kanada, Australien, Argentinien und Chile. Zusammen mit den 40 Besatzungsmitgliedern stechen wir nach Bezug unserer Kabinen gegen 18 Uhr in See um durch den Beagle-Kanal die offene See zu erreichen.

Beim ersten Briefing vor dem Abendessen werden wir enttäuscht: Ein ordentlicher Orkan mit Windgeschwindigkeiten >60 kn soll am anderen Tag durch die sowieso notorisch windige und raue Drake-Passage ziehen. Da Wellen bis zu 14 Meter vorhergesagt werden, will es der Kapitän uns und dem Schiff nicht antun, dort voll hineinzufahren. Also möchte er am geschützten Ausgang des Beaglekanals das Gröbste aussitzen und dann erst in die offene See aufbrechen. Aber unsere Guides versichern uns, dass genügend Puffer eingeplant ist und wir trotzdem viel in der Antarktis machen können. Naja, etwas memmenhaft wirkt das schon auf mich, vor allem ist das Wetter im Beaglekanal eigentlich gerade recht gut, aber da kann man nichts machen. Geduld ist leider keine meiner Stärken.

 

06.11.18, 55.05°S, 66.68°W: Weit sind wir nicht gekommen. Über Nacht sind wir bis zum noch geschützten Ende des Beaglekanals gefahren. Da ich permanent das GPS mitlaufen lasse sehe ich, dass wir schon in der Nacht munter Kreise gedreht haben um an Ort und Stelle zu bleiben. Der Tag beginnt zwar etwas windig, aber es ist sonnig und die Sicht ist top. Allerdings wütet wohl der Sturm in der Drake-Passage, also abwarten. Die Zeit schlagen wir an Deck mit Sonnenbaden (winddicht eingepackt) und Vogelfotografieren tot. Als willkommene Abwechslung sichte ich zwei Delfine, die munter aus dem Wasser springen und mit dem Boot spielen. Ich gebe den anderen Bescheid und ein Guide macht eine Durchsage. Kurz darauf sind alle an Deck und beobachten die verspielte Delfinschule um das Boot herum. Mittlerweile sind es dann doch gut 15 Delfine, die ihre Show abliefern. Das Schiff zieht derweil munter weiter seine Kreise...

Am Nachmittag gibt es das nächste Update: der Sturm soll am anderen Morgen gegen 6 Uhr das Schlimmste abgeliefert haben und dann ist Wetterbesserung angesagt. Also entscheidet der Kapitän gegen 22.00 Uhr in Richtung offene See aufzubrechen, welche gegen Mitternacht erreicht wird. Zuvor werden wir aber noch instruiert, unsere Kabinen ordentlich seefest zu machen, d.h. alles sicher zu verstauen und eine Seite der Matratze mit einer Rettungsweste hochzustellen, damit man zwischen Matratze und Wand verkeilt wird um nachts nicht aus dem Bett zu fliegen. Die Besatzung warnt uns vor einer heftigen Nacht, weil wir die ersten Stunden noch mitten in den Sturm fahren, der dann langsam nachlassen sollte. Susanne und ich werfen uns noch prophylaktisch Medikamente gegen Seekrankheit ein. Wir machen uns bettfein und lassen den Rock & Roll beginnen.

 

 

07.11.18, 56.76°S, 64.77°W: Das war wirklich eine heftige Nacht. Weil der Sturm, wie üblich in der Drake-Passage, von Westen kam und wir gen SSO fahren, rollte das kleine Schiff wie blöd und mich warf es die ganze Nacht im Bett hin- und her, wirklich viel Schlaf konnten wir nicht finden. Mit meinem Neigungsmesser komme ich auf bis zu 33°, die sich das Schiff als auf die Seite legt, dass macht auch die Fortbewegung im Schiff interessant. Zum Glück sind sowohl Susanne und ich von der Seekrankheit verschont worden, trotz heftigstem Seegang. Erstaunlich seefeste Landratten sind wir.

Gegen 6 Uhr verlasse ich die Kabine und geistere durch das wie ausgestorben wirkende Schiff um eine offene Tür und geschützte Stelle an Deck zu finden um die Morgenzigarette zu rauchen. Nicht so einfach, wenn bis zu 8 m hohe Wellen gegen das Schiff klatschen. Nach einer Viertelstunde taucht noch eine dem Nikotin zugeneigte Österreicherin auf, die den gleichen Plan hat wie ich zuvor. Gegen halb acht kommt auch der erste Offizier auf eine Kippe vorbei, der die Nacht auf der Brücke war und ziemlich gerädert wirkt. Er meint es waren bis zu 10 m hohe Brecher, die uns die schlaflose Nacht beschert haben. Für ein altes Landei wie mich doch imposant. Zum Frühstück um 8 Uhr kommen nur die Wenigsten. Wir sind gerade mal 20 Leute, die sich im Restaurant einfinden. Dem Rest ist durch den Seegang wohl der Appetit vergangen. Das Schiff rollt zwar gewaltig, aber die Crew schaffte es, uns ohne große Zwischenfälle das Essen zu bringen. Respekt! Ich habe Hunger und verputze drei Portionen Rührei mit Speck, einen Joghurt und vier Kaffee. Susanne meint nur zu mir: “Du bist echt unverwüstlich!”. Ich fasse dies als Kompliment auf aber es gilt auch auf hoher See: Lieber den Magen verrenkt, als dem Wirt was geschenkt! Unverwüstlich ist aber eher die Zehnergruppe Ukrainer: Obwohl diese am Abend vorher ganz ordentlich gezecht haben, sitzen alle am Frühstück und hauen rein. Bezahlt ist bezahlt…

Die Wellen gehen langsam auf 4-6 m zurück, welche das Schiff zwar immer noch ordentlich durchschaukeln, aber es ist schon merklich angenehmer als in der letzten Nacht. Susanne verbringt den Vormittag mehr oder minder vor sich hindösend im spärlich besuchten Salon um den fehlenden Schlaf nachzuholen, während ich mich mit dem Teleobjektiv an Deck rumtummle und versuche die uns begleitenden und elegant segelnden Albatrosse und Sturmvögel zu fotografieren. Mit einem 400er Tele, frei Hand, auf dem stark rollenden Schiff eine interessante Gleichgewichtsübung.

Zum Mittagessen sind wir dann schon etwa die Hälfte der Gäste, langsam tritt wohl Erholung ein. Allerdings stehen fünf der Gäste sofort wieder auf und begeben sich schnurstracks ins Zimmer, als denen das Essen serviert wird. Tja, die Drake-Passage ist halt keine Donaukreuzfahrt. Wie wir per Durchsage von der Expeditionsleitung erfahren, hatte es eine Passagierin in der Nacht übler erwischt, als sie bei einem Brecher aus dem Bett geschleudert wurde. Platzwunde am Kopf und Gehirnerschütterung. Sie konnte von der Schiffsärztin zwar soweit versorgt werden, aber der Trip ist für sie wohl gelaufen. Bettruhe bis zur Rückkehr nach Ushuaia, gut 5000€ versenkt um zehn 10 Tage in der Kabine zu liegen… Von einer Französin wissen wir noch, dass sie ebenfalls aus dem Bett geschleudert wurde, dabei an Hand sowie Bein verletzt wurde und noch bei dem ganzen Seegang in der Kabine genäht wurde.

Um fünf kommt dann die Durchsage, dass wir die antarktische Konvergenz durchquert haben (58.69°S, 63.33°W). Jetzt befinden wir uns in antarktischen Gewässern. Das Meer wird etwas ruhiger und das Wasser stahlblau. Beim Abendessen sind wir dann fast schon wieder vollzählig, was auch dem mittlerweile deutlich geringeren Seegang geschuldet ist. Wir erfahren, dass wir anderntags gegen Mittag die Südshettlandinseln erreichen und dann erstmals antarktischen Boden betreten. Wir sind sehr gespannt wo und gehen früh zu Bett für eine erholsame Nacht bei annehmbarem Seegang.

 

08.11.18, 61.04°S, 61.38°W: Um sechs Uhr treibt es mich auf einen Kaffee und Kippe aus dem Bett. Der Wind ist zurückgegangen, dafür wurde das Schiff über Nacht von Schnee überzogen. Willkommen im antarktischen Frühling! Das Deck ist eine nette Rutschbahn und ich versuche wieder einmal beim Rauchen nicht über Bord zu gehen. Land und Eis sind noch nicht in Sicht, einzig unsere fliegenden Begleiter sorgen für etwas Abwechslung.

Nach dem Frühstück gibt es die ausführlichen Instruktionen für den ersten Landgang. Zu beachten gibt es nach den Richtlinien der IAATO einiges, wobei das meiste sich einem mit gesundem Menschenverstand und etwas Naturbewußtsein von alleine erschließt. Am Mittag werden wir dann mit den Zodiacs auf Half-Moon-Island (62.36°S, 59.55°W) übersetzten. Endlich Pinguine und mal wieder fester Untergrund! Kurz vor dem Mittagessen, bei 62.02°S, 60.53°W, erblicke ich die ersten Eisberge und dahinter schon Land, die stark vergletscherte Livingstone-Insel. Durch eine Meerenge fahren wir Half-Moon-Island an und treffen dabei auf ein paar Buckelwale. Es ist beeindruckend, wenn diese ihre Schwanzflossen aus dem Wasser heben und Luft abblasen.

In der geschützten Bucht von Half-Moon-Island gehen wir bei ruhiger See und gutem Wetter vor Anker und die Zodiacs werden fertiggemacht. Susanne und ich schlüpfen in unsere schweren, wasserdichten Segelklamotten, wobei wir uns für die etwa 0°C und Windstille doch etwas zu arg mit wärmender Kleidung darunter isoliert haben. Das nächste Mal lieber eine Schicht weniger bei solchem Wetter. Wir sehen aus wie wandelnde, bunte Kartoffelsäcke.

Ungeduldig wie ich bin nehmen wir einen der ersten Zodiacs für die kurze Überfahrt an den Kiesstrand und werden dort beim ersten Bodenkontakt in der Antarktis gleich von ein paar Eselspinguinen begrüßt. Welch putzige Viecher. Die Guides haben vorab mit Fähnchen abgesteckt wo wir hindürfen, um die Kolonie der etwa 7000 Zügelpinguinen auf dem Inselchen nicht zu stören und haben auch ein strenges Auge darauf, dass sich jeder daran hält. Auch die Zügelpinguine sind wunderbar süß, wenn diese im Schnee den Hang hochwatscheln, auf ihren Bäuchen rumrutschen oder einfach nur drollig in die Gegend starren mit der vergletscherten Gebirgskulisse der Nachbarinsel im Hintergrund. Wobei Susanne dick ausgestopft auch etwas pingueskes an sich hat. Und nüchtern betrachtet sehen wir alle in unseren unförmigen Klamotten, den Schwimmwesten und mit Kameras behängt ziemlich bescheuert aus. An uns Menschen scheinen die Pinguine sich wohl nicht wirklich zu stören, wir werden mehr oder minder ignoriert. Wir sind mit 90 Gästen an Land und es ist schon recht voll in dem Areal wo wir uns rumtreiben dürfen. Die Regelung der IAATO dass nur max. 100 Leute pro Landgang erlaubt sind macht in dem fragilen Ökosystem mehr als Sinn. Nach gut zwei Stunden und unzähligen Fotos später fahren wir zurück. Die Zodiacs werden mit dem Kran wieder aufgeladen, der Anker gelichtet und es geht in Richtung Bransfieldstraße, auch bekannt als kleine Drake-Straße. Es verspricht also wieder eine nette Nacht zu werden, wenn wir diese durchfahren.

 

 

09.11.18, 64.20°S, 61.50°S: Unerwarteterweise war die Durchfahrt durch die Bransfieldstraße sehr ruhig und wir beide konnten schön Durchschlafen. Das kommt mir gerade recht, denn gestern Abend hatte ich mal wieder meine fünf Minuten, als mir ein paar der anderen Gäste bei der selbstorganisierten aber chaotischen Gruppeneinteilung für den anderen Tag auf den Sack gingen. Rücksichtslos und wie kleine Kinder (“ich will aber zu denen in die Gruppe, bäääh.”), das ging mir gestern gar nicht ab. Eine Holländerin, die dann noch anfing mit mir zu diskutieren bügelte ich mit einem barschen “Do not argue with me!” ab. Mit fehlt manchmal oft die Gelassenheit für Gruppenreisen.

Um sechs in der Früh begebe ich mich bei herrlichem Wetter mit einem Kaffee an Deck und die Landschaft um mich herum sowie der geruhsame Schlaf besänftigen mich wieder. Wir stehen am Beginn der Gerlach-Straße und die Landschaft um uns herum ist einfach Mindblowing! Das stahlblaue Meer, türkisfarbene Eisberge, vergletscherte Inseln und dann der bis zu 2500 m aufragende imposante Gebirgsbogen der antarktischen Halbinsel im Osten, der bei dem Licht aussieht wie ein Pastellgemälde. Dazu springen noch ein paar Eselpinguine im Wasser herum. Tja, ich frage mich langsam ob es noch Sinn macht hinterher irgendwo anders Urlaub zu machen, diese Landschaft ist eigentlich nur schwerlich zu toppen.

Generell ist es eh interessant zu hinterfragen, warum denn die unterschiedlichsten Charaktere hier an Bord in die Antarktis wollen, es ist ja nicht gerade ein billiges Vergnügen. So ziemlich alle sind passionierte Vielreiser im Alter von 30 bis 70 denen die Antarktis noch fehlt. Bei manchen habe ich den Eindruck, die wollen das nur abhaken, um alle Kontinente voll zu haben. Dann gibt es die Gruppe der passionierten Viecherfotografierer, die hier natürlich voll auf ihre Kosten kommen. Andere zieht es wegen der beeindruckenden und einzigartigen Landschaft hierher und manche wollen wohl von einfach von einem exotischeren Urlaubsziel daheim erzählen bzw. im Netz posten (auch wenn diese Tour eigentlich jeder machen kann, der halbwegs fit ist und das nötige Kleingeld hat; wird aber trotzdem als “Expeditionskreuzfahrt” verkauft, hört sich halt wilder an). Um ehrlich zu sein, bei mir ist es eine Melange aus allen den genannten Gründen. Susanne ist die glückliche Opportunistin, die ich bat mitzukommen und es einfach genießt.

Nach dem Frühstück werden wieder die Zodiacs abgeladen und wir steuern die winzige Insel Hydrurga-Rocks an. Das Inselchen ist noch dick mit Schnee bedeckt, aber die Vorhut der Guides hat uns zur Anlandung eine Treppe aus dem Schnee gehackt. Hier gibt es wieder die putzigen Streifenpinguine, die hier zusammen mit den ebenfalls schwarz-weißen Kormoranen auf den paar schneefreien Felsen brüten. Die Pinguine haben gerade Paarungszeit und selbst das wirkt bei den Kleinen putzig, wenn das Männchen versucht beim Akt auf dem runden Weibchen stehend die Balance zu halten um nicht runterzupurzeln. Das Wetter ist top, der Himmel wie gemalt und wir genießen den Landausflug im Schnee in vollen Zügen. Zum Mittagessen geht es wieder an Bord und die Paradise-Bay wird angesteuert, welche wir in etwa fünf Stunden für den zweiten Landgang heute erreichen sollten. Dann werden wir erstmals den antarktischen Kontinent betreten.

Die Fahrt durch die Gerlachstraße verbringen wir bei strahlendem Sonnenschein an Deck und genießen die Aussicht auf die an beiden Seiten vorbeiziehenden, mächtig vergletscherten Gebirgsketten. Des öfters sehen wir Buckelwale, die sich mit Krill den Bauch vollhauen. Auf Eisschollen liegend erblicke ich ein paar Robben, öfters springen Pinguine neben dem Schiff aus dem Wasser und ich bekomme sogar noch drei Orcas vor die Linse. Sehr cool. In der malerischen Paradise-Bucht bei 64.89°S, 62.90°W halten wir dann in Sichtweite einer alten argentinischen, aber derzeit nicht besetzten Station (die Brown-Station). Wir gehören zur ersten Gruppe, die gegen fünf Uhr abends mit den Zodiacs an Land gebracht wird. Susanne und ich betreten zum ersten Mal den Kontinent im Süden und es gibt ein Willkommen-auf-Antarktika-Küsschen.

Wir stapfen einen kleinen Hügel hoch um die mächtige Berg-und-Gletscherkulisse, in welche die Bucht eingerahmt ist, zu bewundern. Am Ufer dösen sechs Krabbenfresserrobben vor sich hin, aber dann gilt wieder die volle Aufmerksamkeit den Eselpinguinen, die sich um die Station herum eingenistet haben. Die Frackträger kommen mit dem in der Sonne aufgeweichten Schnee nicht so gut zurecht und fliegen beim Umherwatscheln dauernd nach vorne um. Die sind an sich schon unglaublich drollig, aber durch diese Unbeholfenheit wirken die noch süßer. Besonders amüsieren wir uns über einen Pinguin, der ziemliche Probleme mit einem eingeschneiten Geländer der Station hat. Das Geländer schaut etwa 30 cm aus dem Schnee heraus und versperrt dem Pinguin den Weg. Er hält davor und begutachtet das komische Hindernis erst mal eine Weile. Er entscheidet sich dann dafür über das Geländer zu springen, anstatt einfach unter drunter durchzugehen, Platz dafür wäre eigentlich genug. Tja, leider überschätzt der Kleine massiv seine Sprungfähigkeiten und kollidiert mit seinem Bauch mit dem Geländer und landet dort im Schnee wo er abgesprungen ist. Verdutzt steht er auf, schüttelt er sein Köpfchen, betrachtet nochmal das Geländer um dann um 180° kehrt zu machen um einen anderen Weg zu gehen. Man muß ihm allerdings zu Gute halten, dass es in der Antarktis natürlicherweise nur Hindernisse wie Steine gibt, über die man springt. Äste oder ähnliches, wo ein Tier in unserer Breiten drunter durchgeht, fehlen dort völlig. Das Element des Pinguins ist nun mal das Wasser, was man daran sieht, wie schnell die neben dem Schiff aus dem Wasser schießen können.

Nach dem Landgang machen wir eine Zodiacrundfahrt durch die Bucht und an Bord werden wir von einem Asado an Bord vom begrüßt (die Argentinier haben sich als Sonderausstattung einen großen, holzbefeuerten Grill aufs Deck geschweißt). Fleisch satt, auch wenn wir die gegrillte Blutwurst außen vorlassen. Die zehn Ukrainer am Nachbartisch begießen das Betreten der Antarktis schon beim Essen mit einer ganzen Literflasche Chivas-Regal (stilecht mit Cola verdünnt…) und gut die Hälfte der Gäste macht sich nach dem Essen auf an die Bar um lautstark den siebten Kontinent zu feiern. Als Abstinenzler, Bedarfsruhesucher und da uns noch Australien “fehlt”, verziehen wir uns gleich in die Kabine. Ich bin mir sicher, die Bar macht heute einen guten Umsatz und verwende prophylaktisch Ohropax um erholsamen Schlaf zu finden.

 

 

10.11.18, 64.59°S, 62.56°W: Die Ohropax und das sehr fleischlastige Abendessen haben mir einen tiefen Schlaf beschert. Hätte jemand in unserem Zimmer (ich war es nicht) nicht aus Versehen seinen Wecker auf 5 Uhr gestellt, dann wäre ich auch ordentlich ausgeschlafen. Den Morgenkaffee und Kippe genieße ich bei bedecktem Himmel wie üblich an Deck. Von der Brücke erfahre ich, dass es -10°C und 20 kn Wind hat, ein milder antarktischer Frühlingsmorgen. Wir fahren nun nach Cuverville-Island, wo es eine große Eselspinguinkolonie und viele gestrandete Eisberge gibt. Heute nehmen wir zum Glück den letzten Zodiac, denn plötzlich taucht gut 100 m neben dem Boot ein Buckelwal auf. Langsam zieht beim Luftholen sein Rücken aus dem Wasser und vor dem Abtauchen ragt dann die große Schwanzflosse empor. Im Zodiac folgen wir dem Wal ein Stück und können das anmutige Schauspiel nochmal aus der Nähe betrachten. Auf Cuverville-Island gilt die Aufmerksamkeit dann natürlich wieder voll den Pinguinen. Obwohl die an Land so unbeholfen wirken, kämpfen diese sich doch erstaunlich steile Schneehänge hoch, um zu guten Brutplätzen zu gelangen. Ich mache etliche Bilder und Videos von den Kleinen. Sehr verspielt wirkt es auch, wenn diese sich ausgiebig im Wasser putzen. Wir können uns an ihnen einfach nicht sattsehen. Auf dem Rückweg machen wir noch eine Zodiacrundfahrt durchs Eis, wobei wir einen imposanten Seeleoparden beobachten, der sich auch dem Schnee fläzt. Auch ein schönes Tier, allerdings frisst dieser gerne Pinguine, aber so ist es halt. Fressen und gefressen werden.

Das nächste Ziel wurde uns bislang nicht bekannt gegeben, aber um 15 Uhr gibt es das Briefing. Leider beginnt es mit der Wetterkarte und die verheißt nichts Gutes: es kommt wieder ein Sturm mit Windgeschwindigkeiten >60kn (ergo Windstärke 12) und Wellen bis 14 m. Wenn es nach dem ursprünglichen Plan geht und wir uns erst morgen Mittag aufmachen, dann kommen wir voll in den Sturm. Das will der Kapitän uns und dem Schiff verständlicherweise wieder nicht für zwei Tage antun. Puffer nach hinten haben wir leider keinen mehr, also brechen wir heute noch auf in die Drake-Passage. Wir werden wohl aber trotzdem noch auf der Höhe von Kap-Hoorn in den Sturm kommen, aber wenigstens nicht die komplette Überfahrt. Die Guides konnten dem Kapitän wenigstens heute Abend noch einen kurzen Besuch mit Anlandung in Deception Island abhandeln. Einige haben wohl den ausklingenden Sturm auf der Hinfahrt vergessen und maulen rum. Das geht von “hätte ihr das nicht schon heute Morgen sagen können, dann hätte ich länger die Pinguine angeschaut”, “können wir nicht einfach zwei Tage hier warten bis der Sturm vorbei ist” (hm, evtl. gehen bei manchen Gästen Flüge zurück und das Schiff hat nach uns auch noch einen Turn) über “Was werden wir als Unterhaltungsprogramm bei der Überfahrt haben, damit mir nicht langweilig wird” bis zu “dann sind wir doch viel zu früh zurück in Ushuaia, was machen wir dann? Da können wir und doch noch was im Beaglekanal anschauen.” was vom Guide nur mit “wir werden trotzdem noch in den Sturm kommen, der bremst uns gehörig aus, glaub mir, wir werden nicht zu früh zurück sein!”. Meine Güte, das ist eine Fahrt in die Antarktis, die wohl wildeste Ecke die es auf dem Planeten noch gibt. Da läuft es nicht nach Fahrplan. Die sollen doch alle froh sein, dass wir gestern so einen genialen Tag auf dem Kontinent hatten. Zivilisationsverwöhntes Pack. Das gibt heute Abend bestimmt ein Hauen und Stechen, wenn es um die ersten Zodiacs geht um nur lang an Land zu sein. Wir werden wohl das Gleiche machen wie heute Morgen: den letzten Zodiac nehmen…

Der Kapitän gibt Vollgas um noch zeitig Deception-Island zu erreichen. Nach dem Abendessen haben sich soweit auch alle damit abgefunden, dass es früher zurück geht. Die imposante und enge Einfahrt durch Neptuns-Blasebalg in die Caldera sorgt bei uns Gästen für einen großen WOW-Moment. Um viertel vor neun geht es auf die Zodiacs, aber meine Befürchtungen bestätigen sich nicht. Es geht gesittet voran, ohne Gedrängel und Quengelei. Ein etwas optimistischeres Menschenbild und mehr Gelassenheit würden mir auch manchmal nicht schaden. Beim Landgang hängen die Wolken sehr tief und es wird langsam dunkel, was eine deprimierende Stimmung erzeugt, die perfekt zu den umfangreichen Ruinen der alten Walfangstation auf diesem aktiven Vulkan passt, die sich dort als Mahn- und Denkmal befindet. Wir schlendern zufrieden in der Dämmerung durch die Ruinen, zwischen denen sich auch ein paar der obligaten Pinguine rumtreiben. Am Strand haut sich ein Vogelschwarm den Bauch an dem reichlich durch heiße Vulkanquellen gekochten und angestrandeten Krill voll. So können wir dieses antarktische Grundnahrungsmittel der dortigen Tierwelt aus der Nähe betrachten, man muss ihn einfach nur aufsammeln. Zurück auf dem Schiff spendieren die Ukrainer eine Runde mitgebrachten Wodka für alle. Ich passe zwar, aber Susanne genehmigt sich einen. Das hebt die Stimmung noch weiter, aber wir verziehen uns wieder einmal zeitig in die Kabine. Alles wird sturmfest gemacht und wir legen ab in die Drake-Passage. 

 

 

11.11.18, 62.37°S, 62,43°W: Wir sind wieder in der Drake-Passage, aber der Seegang ist noch nicht so wild. Allerdings stampft das Schiff noch zusätzlich zum Rollen, da wir mehr gegen die Wellen fahren. So sind die Schiffsbewegungen etwas chaotischer, was Susanne nicht so behagt, aber es geht ihr soweit gut. Mir macht das irgendwie nichts aus und ich haue beim Frühstuck rein, wo sich etwa die Hälfte der Gäste eingefunden haben. Gestern wurde es wohl bei manchen in der Bar etwas später, von den Ukrainern ist nur einer aufgetaucht. Es sind anscheinend doch nicht alle von denen unzerstörbar. Wahrscheinlich waren noch reichlich weitere Alkoholika im Gepäck, die will man schließlich nicht mit zurücknehmen. Eine Amerikanerin hat sich gerade ausgiebig, angekündigt mit einem lauten “Oh my god!”, in den Flur vor dem Restaurant übergeben. Die noch im Restaurant befindlichen Gäste müssen sich nun gedulden, bis das nicht zu beneidende Personal die Sauerei beseitigt hat. Ich bin gespannt wie das noch wird, wenn wir erst in den Sturm kommen.

Wir tuckern weiter durch die Drake-Passage und verbummeln den Tag. Es wird ein Spielfilm über die Endurance-Expedition gezeigt, damit alle sehen, wie angenehm wir es eigentlich in dieser Ecke der Welt haben im Vergleich zu Shackleton und Begleitern vor gut 100 Jahren. Dazu gibt es noch zwei schöne Vorträge von den Guides. Die Ukrainer sind zum Mittagessen auch wieder aufgetaucht, noch nicht ganz nüchtern, aber dem wird mit ein paar Flaschen Rotwein zum Essen entgegengewirkt. So ein Pegel will gehalten werden.

Der Seegang wird merklich mehr, in der Nacht soll uns dann der Sturm erreichen. Es gibt nochmal die Aufforderung die Kabinen sturmfest zu machen und möglichst auch darin zu bleiben. Der Kapitän meint es wird eine “unpleasent night”. Mal schauen.


12.11.18, 57.18°S, 64.99°W: Die Nacht war ruhiger als angekündigt, weshalb wir ausreichend Schlaf fanden. Das übliche Hin- und Her, man gewöhnt sich daran, im Prinzip ist es so wie in einer Achterbahn zu Schlafen. Der Sturm verspätet sich wohl etwas, laut Auskunft der Brücke hat es gerade 45 kn Westwind bei Wellenhöhen zwischen 5 und 7 Metern. Das Schiff ist jetzt noch etwa 200 km südlich von Kap Hoorn und die See wird merklich unruhiger.

Um 9 Uhr kam die Durchsage, dass wir nicht mehr an Deck dürfen, weil es zu unruhig ist. Dafür darf man als Gast jetzt auf der Brücke rauchen. Auch cool, das nutzen wir gleich.

Die Besatzung auf der Brücke hat einen guten Musikgeschmack: es läuft Motörhead und Molotov, während wir durch die raue See pflügen. Rock and Roll! Allerdings haben wir den nächsten Ausfall: eine Passagierin hat sich die Finger geschrottet, als beim Rollen eine Tür zuknallten und sie noch ihre Finger im Türrahmen hatte. Jetzt wenigstens die Schiffsärztin wieder was zu tun. Sie darf ihr bei dem Seegang die komplett abgetrennten Fingerkuppen wieder annähen, die Finger sind dazu noch gebrochen und werden geschient. Bei Ankunft in Ushuaia wird sie dann wohl erst mal in Krankenhaus gebracht werden.

Langsam wirds ruppig: strammer Westwind, beeindruckende Wellen die auf hoher See ordentlich gebrochen werden. Laut Auskunft der Brücke hat es 50 kn Westwind, Wellenhöhen bis 10 m. Die beiden Jungs auf der Brücke sind aber noch ziemlich gut gelaunt, weshalb wir uns wenig Sorgen machen, obwohl es den alten Kahn ganz ordentlich hin- und herwirft. Im Salon ist die Stimmung unter den Anwesenden recht gut, die schönsten Brecher werden mit einem gemeinsamen “heeee-hoooo” kommentiert, während munter das Geschirr und die Flaschen in der Bar klirren.

Auch wenn das Rauchen auf der Brücke ganz nett ist, verziehe ich mich dann frische Luft suchend an einen geschützten Ort an Deck um eine zu rauchen, auch wenn eigentlich nicht raus soll. Zufällig kommt dann Ivo, eines der chilenischen Besatzungsmitglieder, auf Kippe und Mate raus, den wir uns teilen. Wir kommen ins Gespräch und er meint nur, es seien normale Drake-Bedingungen. Wenn es wirklich Sturm hat, wie er auch erwartet wird, dann wird es für Passagiere und Besatzung gefährlich. Die Besatzung darf für uns schließlich noch Essen kochen, Bedienen, Putzen etc., das wird bei noch mehr Seegang nicht einfacher, weshalb der Kaipitän auch entschieden hat den Sturm zu meiden. Ivo ist 6 Monate hier an Bord, 13 Turns hintereinander in die Antarktis in der Saison, d.h. 26-mal die Drake-Passage. Weil das Schiff einen Tag zwischen zwei Turns in Ushuaia im Hafen liegt sind nur rund 5 h Landgang drin. Ansonsten wird die 6 Monate ohne freien Tag gearbeitet. Die sind wirklich nicht zu beneiden, und das ist alles nur zu unserem Vergnügen.

Gegen Abend kommen wir in den Windschatten von Feuerland, die See wird ruhig und laufen wieder den Warteplatz am Anfang des Beagle-Kanals an. Da wir jetzt einen Tag zu früh sind, um Ushuai anzulaufen, werden wir morgen ein Sightseeingfahrt an der Küste Feuerlands machen, leider ohne weitere Zodiacanlandungen. Schade, nach den beiden, öden Tagen auf der Drake-Passage wäre mir schon danach gewesen. Ich komme mir langsam vor wie ein Tiger, der im Käfig seine Kreise zieht. Susanne ödet es auch und wir kommen beide überein, dass Kreuzfahrten nicht unser Ding sind. Aber was sollten wir machen, alle anderen Möglichkeiten in die Antarktis zu kommen liegen entweder außerhalb unseres Budgets, Leidensfähigkeit oder scheitern an der falschen Ausbildung für einen Forschungsaufenthalt (Ok, als Chemiker würde man zur Not dort auch noch irgendeine Tätigkeit finden). Nichtsdestotrotz, die paar Tage dort waren die Unbill einer Kreuzfahrt trotzdem auf jeden Fall wert. Es dürstet uns jetzt aber nach den paaren Wandertagen zu zweit in Feuerland im Anschluss an die Schifffahrt.

Einer der Ukrainer hat heute Geburtstag, was die Gruppe natürlich als Anlass nimmt, diesen feierlich im Salon zu begießen. Susanne meint nur, die finden doch immer einen Grund zum Zechen, weshalb wir uns um neun in die Kabine verziehen.

Susanne und ich unterhalten uns noch etwas über die anderen Gäste. Zum Beispiel ist hier die Fraktion der etwa 30-jährigen US-Amerikaner und Kanadier. Die wirken recht ignorant, scheinen an den meisten Sachen desinteressiert zu sein und vermitteln den Eindruck, es sei für die nur eine Party-Ausfahrt. Ich hatte zum Beispiel mit einem Endzwanziger aus Kalifornien ein kurzes Gespräch, als es ein paar Wale zu sehen gab: “Oh, Whales. I’m from San Diego and we also have a lot of whales at our coast.” Ich fragte nach: “Nice, which kind of whales?”  Er daraufhin “I have no idea, I was never going to watch them.” Wir vermuten es sind von Beruf Söhne und Töchter, wirklich billig ist der Trip hier schließlich nicht. Die in Summe etwa 10 000 Euro die solch ein Trip kostet schüttelt man sich in dem Alter auch nicht mal so aus dem Ärmel. Deren Landsleute auf dem Schiff über 60 hingegen wirken weltgewandt, sehr interessiert und scheinen sich mit der Reise noch ein Wunschziel in ihrem Leben erfüllen zu wollen. Mit denen habe ich zum Teil schöne Gespräche über Gott und die Welt. Die Motivation eines Spaniers, mit dem ich mich beim Mittag unterhalten habe, fand ich auch interessant: Vor 18 Jahren unternahm er eine Reise durch Südamerika bis Ushuaia, welches sich selbst als Ende der Welt bezeichnet. Leider sah er am Ende der Welt im Hafen dann aber die Schiffe nach Süden in die Antarktis aufbrechen. Für deren Reise war das selbsternannte Ende der Welt erst der Anfang. Daraufhin hat er jahrelang gespart, damit er vom Ende der Welt noch einmal weiter wegkommt.


13.11.18, 55.05°S, 66.66°W: Wir sind wieder dort, wo wir schon vor einer Woche unsere Kreise gedreht haben. Als Tagesprogramm fahren noch wir 40 km die Küste der Mitre-Halbinsel gen Westen entlang, vorher gibt es noch einen Vortrag über diesen unbewohnten Teil Feuerland sowie die Ureinwohner. Während der Fahrt gibt es viele Kormorane sowie sich im Wasser tummelnde Seehunde zu sehen. Ist zwar jetzt auch nicht so spannend, aber immerhin gibt es mehr an Deck zu sehen als in der Drake-Passage. Nach Mittag drehen wir dann um, es geht Richtung Beagle-Kanal und damit zurück nach Ushuaia. Heute Abend ist dann noch das abschließende Captains-Dinner, das werden manche an Bord sicher als willkommen Anlass nehmen, sich einen hinter die Binde zu kippen.

Das Nachmittagsprogramm besteht dann primär aus der netten Zusammenfassung der Tour durch die Guides, Rekapitulation und feierlicher Übergabe eines Zertifikates an jeden Gast über die erfolgreiche Antarktis-Anlandung sowie Drake-Passage. Die Stimmung ist ausgelassen, die Crew liefert eine gute Show ab. Beim Captains-Dinner lässt sich die Besatzung nicht lumpen, ist fein herausgeputzt und es gibt super Essen (u.a. bestes argentinisches Filetsteak). Die Ukrainer am Nachbartisch behalten ihre Gewohnheiten bei: zu den paar Flaschen Rotwein beim Essen wird noch geschwind eine Literflasche Jack-Daniels geleert, danach in der Bar bekomme ich noch mindestens je eine weitere Literflasche Beefeater, Jim-Beam und Bombay-Gin mit, die neben etlichen Bier innert zwei Stunden durch deren Kehlen gehen. Der Bombay-Gin wird nur deshalb genommen, weil mittlerweile alle Whisky- und Cognac-Vorräte der ursprünglich sehr gut ausgestatten Schiffsbar ausgesoffen sind. Trotz etlicher Nachfragen verschiedener Gäste kann der Barkeeper leider keinen weiteren Whisky mehr auftreiben. Die Barleute freuen sich aber über den Umsatz und bei mir wird ein Klischee gefestigt. Ob das jetzt wiederum gut ist, sei in Frage gestellt. Für Susanne und Claudile, der alleinreisenden Französin mit der wir als zusammen den Tisch geteilt haben, organisiere ich noch ein Erinnerungsfoto zusammen mit dem adretten Kapitän, was die beiden Damen sichtlich erfreut. Claudile ist auch eine interessante Person: schon viel in der Welt herumgekommen, aber die Antarktis fehlte ihr noch als Kontinent. Von ihren Verwandten bekam sie diese Reise dann zum 70er geschenkt, um alle sieben voll zu machen. Obwohl es sie in der ersten Nacht der Drake-Passage aus dem Bett geworfen hat, sich sowohl am Bein und an der Hand verletzte und notdürftig genäht wurde gab es kein Gejammer. Sie hat jeden Landgang mitgemacht. Das nächste Jahr geht es für sie dann in die Anden nach Peru. Wir hoffen in dem Alter auch noch so fit und zäh zu sein.

Den Abend lassen wir dann auch mal im Salon zusammen mit der Expeditionscrew ausklingen. Wir unterhalten uns eine ganze Weile mit Monika, eine der Expeditionsleiterinnen, und erfahren, dass die Geschichte mit der Kopfverletzung und der gelaufenen Tour aus der zweiten Nacht geflunkert war. Anlass es zu erzählen waren die Verletzungen von Claudile in der Nacht, es sollte uns anmahnen bei dem Seegang vorsichtig zu sein, tja, wir haben die Story geglaubt. Leider hat es nur bedingt funktioniert, siehe die geschrotteten Finger weiter oben. Ansonsten ist es ein netter Abend mit den tollen Leuten von der Crew, die das wirklich alles super gemacht haben. Wir verziehen uns gegen Elf in die Kabine, wieder Ohropax rein, denn in der Bar unter unserer Kabine steppt der Bär…

 

14.11.18, 54.80°S, 68.33°W: Wir sind morgens um sieben wieder zurück in Ushuaia, noch schnell ein Frühstück und wir verlassen nach der Verabschiedung gegen Acht das Schiff. Damit war diese für uns ungewöhnliche gut 2600 km lange Schiffsreise zu Ende. Hat es sich gelohnt? Auf jeden Fall!

 

 

Nach zehn Tagen an Bord brauchten Susanne und ich dann dringend Bewegung. Das Gepäck wurde im Hotel abgeladen, die Wanderschuhe genschnürt und umgehend Richtung Glaciar Martial marschiert, der sich hoch über der Stadt erhebt. Dort passierte uns etwas was zeigt, dass das Leben auch schöne Geschichten schreiben kann. Am Ortsrand, bevor es in den in den Wald ging, lief uns ein zwar herrenloser, aber trotzdem sehr gepflegter, properer schwarzer Hund hinterher. Ein ganz liebes Tier, aufgeweckt, neugierig, aber nicht bettelnd oder zudringlich. Die Art Hund an die sogar ich mich gewöhnen könnte, obwohl ich es mit Hunden nicht so habe. Susanne als alter Hundefreunde war natürlich sehr erfreut. Wir gingen davon aus, dass er eine Weile mit uns läuft und dann umdreht, was für die Straßenhund vor Ort nichts Ungewöhnliches wäre. Aber nichts da, er spazierte munter zwischen uns mit, hängte sich auch nicht an andere Wandersleute an und inspizierte die Gegend um uns herum. Als wir in das Revier von ein paar Hofhunden kamen, die auf ihn mit lautem Gebell zukamen um ihr Revier zu verteidigen, hat er sich zwischen uns gekeilt, wobei wir dann sein Garant für freies Geleit waren. Weiter ging es über die Baumgrenze zu den ersten Schneefeldern, in welche er sich mit Wollust reinwarf, rumwälzte und es sichtlich genoss. Immer bei uns bleibend folgte er uns gut 2 h bis zu unserem Ziel am Gletscher. Die gut 900hm ist er ohne Murren mitgelaufen. Bei der Rast legte er sich ganz gemütlich neben uns um am Berg Siesta zu machen. Erstaunlicherweise wollte er nicht mal etwas von unserem Vesper abhaben. Beim Abstieg folgte er uns weiter auf Schritt und Tritt, ließ sich von Susanne kraulen und war einfach nur ein grundliebes Tier. Aber langsam machten wir uns ernsthaft Gedanken, wie wir ihn, so toll er war, wieder loswerden, ohne irgendwie grob zu dem Tier zu sein. Mitnehmen war keine Option und wir befürchteten, dass wir ihn rüde vor dem Hotel platzieren müssen und er dort dann noch ewig traurig sitzt. Wieder zurück im Ort machte er weiter keine Anstalten, von unserer Seite zu weichen. Aber dann kam ein schwarzes Hundemädchen vorbei. Das weckte, im Gegensatz zu allen anderen Hunden die wir zuvor mit ihm getroffen haben, seine Aufmerksamkeit. Die beiden beschnupperten sich gegenseitig, wir waren plötzlich nicht mehr interessant und die Hunde zogen davon. Ein paar Stunden später als wir zum Essen gingen sahen wir die beiden immer noch zusammen in der Stadt rumrennen. Süß, gegen eine schöne Hundedame kamen wir beide Menschen natürlich nicht an, aber wir freuten uns über die schöne Begleitung bei der Wanderung durch das liebe Tier.

 

Tags darauf unternahmen wir noch eine organisierte Off-Road-Ausfahrt mit einem Landy zum wunderschönen Lago Fagnano. Auch wenn wir schon einiges mit dem Geländewagen unterwegs waren, dass war mal wirklich ein großer Spaß. Zwar durften wir nicht selbst fahren und das Gelände wo uns der Fahrer durchgebracht hat war echt übel, aber eine Mordsgaudi. Auf dem Weg konnte man leider sehen, was die eingeschleppten Biber, welche dort keine natürlichen Feinde haben, für krasse Schäden in den Wäldern angereichtet haben. Erstaunlich was für Bäume und vor allem in welcher Zahl solche Nager erledigen können. Das bei der Tour inklusive „Picknick“ war dann ein umfangreiches Asado in einer herrlich gelegenen Hütte am See. Wieder einmal gutes Rindfleisch satt. Argentinien hat so viel Küste, man sitzt an einem fischreichen See, aber trotzdem wird Rind kredenzt.

 

Zum Abschluss in Feuerland wanderten wir dann noch munter 20 km im schönen Feuerlandnationalpark umher, uns war immer noch nach Bewegung. Das Wetter war wieder einmal beständig Wechselhaft inkl. dreier Schneeschauer am Strand im Wechsel mit strahlendem Sonnenschein. Dort hatte es wieder diese Märchenwälder, herrliche Küstenwanderungen aber nicht gar so viele Tier wie versprochen. OK, wir waren natürlich auch von der Antarktis verwöhnt. Hier war dann auch wirklich das Ende, zumindest von der Panamericana (oder deren Anfang, je nach Sichtweise). Von dort wären es nur gut 17 500 Straßenkilometer nach Alaska.

 

Viel zu früh ging diese Reise dann zu Ende und nach einer weiteren Nacht in Buenos Aires (wieder mit dem obligaten Steakessen) durften wir zurück in den trüben deutschen November. Das Leben ist manchmal schon hart.

 

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© Thomas Schaub