In Eis und Urgestein (Juli 2024)

 

"Eine für gut ausgerüstete, trainierte Bergsteiger nicht sehr schwierige, aber ungewöhnlich dankbare Unternehmung. Frühzeitiger Aufbruch dennoch Bedingung, große westalpine Firntouren müssen nun einmal am Mittag beedingt sein!“ So schrieb es Walter Pause im Jahre 1964 über die Besteigung des Nadelhorns und so war es dann auch bei uns. Nach dem für heutige Zeiten außergewöhnlich schneereichen Winter 2023/2024 im Hochalpinen hatten wir am 08.07.24 allerbeste Firnbedingungen für die Hochtour auf das Nadelhorn!

 

Das jährliche lange Alpinwochenende mit Stefan sollte ursprünglich das Schreckhorn als Ziel haben. Aber wie so oft bei uns: wer früh plant, plant doppelt. Durch den schneereichen Winter lag nämlich am Normalweg auf das Schreckhorn, der Kletterei im vierten Grat verlangt und eigentlich einen tolle Felskelterei sein soll, noch viel Schnee. Aber was nachteilig für Felstouren ist, ist dann umso besser für ausgeprägte Firntouren wie der beliebte Normalweg auf das Nadelhorn im Wallis. Mit seinen 4327 m brauchten wir natürlich doch etwas Akklimatisierung, weshalb es vorher noch zwei Nächte auf die Sidelenhütte (2708 m) am Furkapass ging.

 

Am Furkpass waren Stefan und ich schon oft zum Klettern und für Hochtouren wie auf den Galen- oder Tiefenstock. Dieses Mal lag auch dort noch richtig viel Schnee, aber immerhin waren die meisten Klettereien schon schneefrei.

 

Zum Aufwärmen machten wir uns  freitags bei bestem Wetter dann erst einmal an die Westflanke des Kleinen Furkahorns um hoch über dem Rhonegletscher die Tour „Verklemmter Bergschuh“ (VI, 600m) zu Klettern. Auf den ersten 13 SL geht die Tour erst mal im Plasirabstand mit Bohrhaken ausgerüstet durchaus gesucht über Felsplatten die Flanke hoch. Ganz nette Kletterei, aber doch recht grasig rechts und links und im Zweifel könnte man in dem Gelände auch deutlich leichter hockreuchen. Aber dann steilt es sich auf und wird richtig felsig für die letzten 10 Seillängen. Da kamen dann ein paar richtig schöne Seillängen in allerbestem Hochgebirgsgranit, saugut. Nach dem Abstieg durch steile Sulzhänge auf der Ostseite ging es dann noch weiter zur Sidelenhütte.

 

 

Für Samstag war dann ab Mittag Regen gemeldet, also ab an den nahegelegenen Hanibalturm um, mal wieder, die „Conquest of Paradise“ (VI, 170m) zu Klettern. Der mit fetten Quarzadern durchzogene rötliche Granit an dem Turm ist perfekt und normal ist der Turm an schönen Wochenenden auch völlig von Kletterern überlaufen. Ob der schlechten Wettervorhersage war aber außer uns nur noch eine andere Seilschaft in der Nachbartour zugange. Stefan führte diese Tour und wir waren dann auch zeitnah auf dem Gipfel mit seiner lustigen Bushaltestelle, auch wenn man dort vergeblich auf einen Bus wartet… Zügig machten wir uns an das Abseilen und waren kurz vor eins wieder an der Hütte. Kurz darauf setzte auch der Regen ein. Wieder mal alles richtig gemacht.

 

 

Nach einer weiteren Akklimatisierungsnacht dort steigen wir dann ab und fuhren weiter nach Saas Fee. Im zu Beginn noch Nieselregen machen wir uns dann an den 1500 Höhenmeter Hüttenanstieg auf die Mischabelhütte (3300 m). Zuerst geht es etwa 1000 hm in sehr vielen Kehren steil einen Hang hoch, bevor man dann über ein Art Klettersteig die letzten 500 hm auf einem Felsgrat zur sehr exponiert liegenden Hütte hochkrabbelt. Mit 3:45 h habe ich die angegeben Zeit für den Aufstieg immerhin noch unterbieten können, aber gegen Ende war das schon zäh. Zum Glück kam im Aufstieg die Sonne nicht raus, sonst wären wir dort wahrscheinlich ordentlich gegrillt worden. Für den folgenden Tag war dann aber bestes Wetter gemeldet, durch das schlechte Wetter am Sonntag waren aber nur knapp 20 Leute auf der Hütte.

 

 

Der Aufstieg über die lange Firnschneide, die zum Gipfel führt, war ein wahrer Genuss. Es gibt Gründe, warum diese Hochtour sehr beliebt ist. Da es tags zuvor wohl einiges geschneit hatte, lag dieser Grat jungfräulich und mit bestem Trittfirn vor uns. Kein Blankeis auf dem kompletten Grat, das hatte es wohl in den letzten Jahrzehnten im Juli selten gegeben. Nur die Felspassagen waren halt auch eingeschneit, was für uns als Kletterer in Ordnung war, aber bei nachfolgenden Seilschaften für Probleme sorgte und andere zur Umkehr zwang. Zu Beginn waren noch zwei Seilschaften vor uns, bald überholten wir aber eine und stapften dann nur noch einem Bergführer mit seiner Kundin hinterher. Merke: „Nie einen Bergführer überholen, wenn der schon alles spurt!“. Am Gipfelaufbau waren dann im ausgesetzten Gelände mit doch paar hundert Meter Luft unter den Steigeisen noch paar steile Meter im Schnee/Fels zu bewältigen wo man sich konzentrieren musste, aber um 08:00 Uhr waren wir dann auch schon auf dem winzigen Gipfel, der gerade so Paltz für uns beide bot. Die Aussicht war natürlich der Hammer mit lauter alpinen Paradegipfeln wie Dom, Matterhorn und Weißhorn direkt um uns herum. Die ganz große Phototapete halt.

 

Allerdings war der Gipfel kein Paltz zum Verweilen und zudem schlossen auch langsam die anderen fünf Seilschaften auf, die noch unterwegs waren. Und gerade am steilen und schmalen Gipfelaufbau war es mit dem Gegenverkehr doch interessant.

 

Der Abstieg über den Firngrat ging dann zügig, da bester Stapffirn, wobei man dann ab kurz vor dem Windjoch doch die Kraft der Julisonne merkte und der Firn in Sulzmatsch überging, und es war noch weit vor Mittag. Da ich wenig Elan hatte, den steilen 200 hM Hang vom Windjoch runter im Sulz zu stapfen kam dann von mir die Ansage „Arschabfahrt!“. Also hatten wir uns ausgebunden und mehr oder minder kontrolliert mit den Eispickeln als Steuergeräte den Hosenboden-Schnellabstieg auf den Hohbalmgletscher gemacht. Für so einen Scheiss ist man einfach nie zu alt! Nach einer kurzen Rast auf der Hütte zum Kleiderwechsel dann noch die letzten 1500 hm zu Tal (in Summe 2500 hm Abstieg…) hinter uns gebracht, wo wir dann um 13:00 Uhr das Auto erreichten. Große westalpine Firntouren müssen nun einmal am Mittag beendigt sein!

 

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© Thomas Schaub