Eis (Februar 2015)

 

Das mit dem Eisklettern ist so eine Sache. Jahrelang wollte ich das schon machen und habe mir die entsprechende Ausrüstung zugelegt, aber irgendwie hatte es trotz einiger Anläufe nie geklappt. Mal konnten die Eisfälle nicht gefunden werden, ein anderes Mal gab nur gefrorenes Gras und kalten Fels (Rubihorn-Nordwand) oder auf diversen Hochtouren war es einfach nur steiler Firn bei dem ich zwar Eisen und Pickel brauchte, man aber nicht wirklich von Eisklettern reden konnte und was gut seilfrei ging. Als passionierter Skitourengeher zog ich es zudem die letzten Jahre auch meist vor mich in der kalten Jahreszeit im Gebirge zu bewegen, anstatt mir in irgendeiner schattigen Schlucht mir beim Sichern den Arsch abzufrieren. Anfang Februar 2015 kam dann aber der Anruf von Stefan, dass wir doch mal Eisklettern gehen sollten um etwas zu Üben, immerhin wollten wir den darauffolgenden Juli eine Woche nach Chamonix und dort könnte man doch auch irgendein Couloir machen. Da Stefan, genauso wie ich, zuvor noch nie an gefrorenen Wasserfällen klettern war kam schnell der Entschluss, dass man dies sicher am besten erst einmal in Mehrseillängenrouten lernt. Den seit Jahren unbenutzt im Schrank stehenden Eiskletterführer zu Rate gezogen und siehe da, im Bregenzer Wald, den ich gut vom Tourengehen her kenne, hat es mit Hochkünzefall (WI3, 110m) und Gasthausfall (WI3+, 200m) zwei Fälle die lang genug und leicht sind.

 

Am zweiten Februarwochenende dann ab in den Bregenzer Wald, zudem noch die Tourenski eingepackt, die Fälle sollten ja schnell abgeknipst sein, da könnte man mittags doch sicher noch eine Tour machen. Die Bedingungen waren sowohl am Samstag wie auch am Sonntag herrlich: Richtig viel Powder ob der reichlichen Schneefälle zuvor, Plusgrade und pralle Sonne. Also herrlich zum Tourengehen, leider aber nicht zum Eisklettern.

 

Der Hochkünzefall stand zwar gefroren da, der Eisaufbau war in dem Winter aber anscheinend nicht so toll. Viel Schnee auf dem Eis und auch im Eis eingeschlossen, was eine wunderbare Zwiebelschalenstruktur ergab. Da kann man oft ganz toll und einfach die Eisgeräte wie in Styropor bis zum Anschlag einschlagen und auch die Eisschrauben gehen rein wie in Butter, halten aber leider auch im Zweifel nur so viel wie in Butter. Egal, es war ja nicht so steil, wobei WI3 einem Anfänger schon steil vorkommen kann, aber abfliegen war sowieso nicht vorgesehen. Ob der Plusgrade war es auch selbst im Schatten ordentlich am tauen, so dass wir teils in einem schönen Sprühregen kletterten, deshalb heißt es wohl auch „Wasserfall“. Es lief im Endeffekt doch ganz gut, der Fall wurde erfolgreich in Wechselführung begangen und der Abstieg durch die dick eingeschneite Steilmacchia auch mit Stil gemeistert. Gut angefixt ging es dann noch an die niedrigeren Linken Sennerbachfall (WI4) in einer wirklich schattigen Schlucht, den Stefan führte und ich in den Genuss des Seiles von Oben kam. Beim Sichern wurde es mir dann auch ob der klammen Kleidung durch die Dusche im Fall zuvor ordentlich kalt. Die ganze Zeit konnte ich dabei den Tourengehern am Toblermannskopf zuschauen, die sich an praller Sonne erfreuen konnten. Irgendwie wusste ich dann wieder, warum ich das Tourengehen im Winter bislang immer vorgezogen hatte. Das Ganze dauerte doch länger als geplant, so dass es mit der nachmittäglichen Skitour nichts wurde.

 

Anderntags dann zum Gasthausfall, dessen Einstieg wir mit einer Stunde Verzögerung ob der mangelhaften Zustiegsbeschreibung um neun Uhr erreicht hatten. Kurze Taktikbesprechung, bei welcher wir in etwa zu folgendem Ergebnis kamen: Der Fall hat 200m und wir haben 10 Eisschrauben. 2 Eisschrauben pro Stand, also haben wir 6 für die Zwischensicherungen. Das Ganze ziehen wir in vier 50m Längen durch, dann dürfen wir aber nicht alle 5 m eine Eischraube setzen. Das ist ja nur WI3, Arschbacken zusammen, da reicht max. alle 8m eine Schraube, wir klettern das schnell in 3 Stunden, 1 Stunde Abstieg, dann haben wir noch den ganzen Mittag für ein schöne Skitour, vor allem sind wir dann vor Mittag aus dem Eis, bevor es richtig warm wird.  

 

Aber wer am Boden plant, der plant zwei Mal. Es war morgens schon ziemlich warm, hinter dem Eis rann der Wasserfall und die ganzen 200m waren mehr oder minder ein Vorhang variabler Dicke der meist vom Fels abgelöst war und wieder mit dem schönen Zwiebelschalenaufbau. Es kam uns auch irgendwie komisch vor, dass wir an einem wunderschönen Wochenende weit und breit die einzigen Eiskletterer waren. 

 

Ob der Eisqualität, der für uns ungewohnten Kletterei haben wir beide es dann doch nicht so ganz durchgezogen mit den 50m Längen. Am Ende haben wir den Fall in sieben Längen in Wechselführung gemacht, das mit dem munter weit von den Sicherungen wegklettern haben wir dann Beide nicht wirklich gebracht. Interessant war es auch immer dann, wenn man sich einfach Tritte bis zum fliesenden Wasser durch den teils nur ein paar Zentimeter dicken Eisvorhang treten konnte, in dem auch die Sicherungen staken und am unteren Ende der Kumpel im Stand an den Eisschrauben hing. Auch war es ob mangelnder Eisqualität meist nicht möglich, vom Stand weg etwas zu queren, wie man es eigentlich machen sollte, damit man nicht direkt über seinem fixierten Partner klettert. Bei meinem, äh, souveränen Kletterstil habe ich manchmal doch einen Anflug von Besorgnis in Stefans Gesicht erkannt, bis die erste Eisschraube saß. Ich glaube es ist eine unschöne Vorstellung den Vorsteiger mit Steigeisen an den Füssen und zwei Waffen in den Händen auf den Kopf zu bekommen. Dazu kam natürlich noch das permanente Eisbombardement, was durch das Schälen des Zwiebeleises zwangsläufig entstand. Ich glaube Eisklettern kann ein objektiv gefährlicher Sport sein.

 

Aber auch dieser Fall war irgendwann gemacht, wobei der Abstieg auch seltsam war, ab einem Punkt ging es recht abenteuerlich durch einen senkrechten Wald nur noch abseilenderweise voran. Die Option an Eissanduhren über den Fall abzuseilen haben wir lieber nicht genutzt. Unser morgens geschmiedeter Plan ging leider nicht ganz auf, da wir dann erst um 17.00 Uhr Abends am Auto waren, so ein leichter 200m Fall kann also auch den ganzen Tag füllen.

 

Im darauffolgenden Juli in Chamonix waren wir dann übrigens nur Felsklettern.

 

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© Thomas Schaub