Halbhambra – Klettern mit kleinen Orientierungsproblemen (Tessin 2019)

 

Alter, Promotion und eine gewisse alpine Erfahrung schützen auch vor groben Verhauern leider nicht. Das man den richtigen Einstieg oder auch Abstieg bei einer Klettertour nicht findet, dass kann schon mal vorkommen. Wenn allerdings beides bei der gleichen Tour passiert, vor allem wenn es sich nicht um eine obskure und selten begangene Route handelt, sondern um einem vielbegangenen Sportkletterklassiker wie der „Alhambra“ am Monte Garzo (Tessin), dann muss man schon von kleinen Orientierungsproblemen sprechen. Aber der Reihe nach.

 

Das weit vorab mit Stefan geplante lange Alpinwochenende um den 03. Oktober sollte eigentlich irgendwo in den hochalpinen Granit gehen. Leider wurde die Wettervorhersage, je näher das Wochenende rückte, immer schlechter: Schneefall bis auf 1500 m in der Zentralschweiz, der gesamte Nordalpenraum Regen und auch um Chamonix herum sah es nicht besser aus. Einzig im Tessin sollte gutes Wetter sein, also spontane Planänderung am Mittwochabend und am Donnerstag ging es Richtung Ponte Brolla. Mit der „Alhambra“ (6b+, 18 SL) gäbe es dort auch einen adäquaten langen Sportkletterklassiker für uns. Also zumindest solange Stefan die schweren Längen macht.

 

 

Am Nachmittag erreichten wir den Campingplatz an der Maggia und latschten dann zur als „eine der schönsten Kletterrouten im Tessin“ hochgelobten „Quarzo“ (6a, 11 SL) am Speroni di Ponte Brolla. Ob der Beliebtheit der Route war unsere Taktik: Als letzte Seilschaft am Tag einsteigen, was wir dann um 15:15 machten. Direkt vor uns war niemand mehr, nur ganz oben am Ausstieg waren noch ein paar Seilschaften, die sollen dann aber weg sein, bis wir dort sind. Dachten wir uns zumindest. Die ersten 6 Seillängen waren schönes Tessiner Plattenschleichen im fünften Grad und wir kamen recht schnell voran. Im steileren oberen Teil war dann Wandklettern im tollen Gneis angesagt, leider staute es sich dort immer noch vor der 6a-Schlüssellänge. Es waren immer noch die Seilschaften, die wir vom Einstieg aus gesehen hatten, vor allem eine Viererseilschaft war wohl etwas überfordert und brauchte dementsprechend lange. Wir mussten erst noch einer Dreier- und Zweierseilschaft den Vortritt lassen die schon länger dort verweilten, bevor wir weiterkonnten, was uns gut eine halbe Stunde Wartezeit kurz vor dem Ausstieg bescherte. Dadurch stiegen wir erst kurz nach sechs aus, machten uns an den etwas krautigen Fußabstieg mit ein paar kleinen Verhauern und waren im Dunkeln um Acht wieder am Campingplatz.

 

Für Freitag war sehr gutes Wetter gemeldet, also zeitig los zur langen „Alhambra“ am Monte Garzo. Laut Topo soll es die Route am weitesten rechts und am tiefsten Punkt der Plattenwand am Mont Garzo sein und führt oben dann recht zentral durch die steile Headwall. So orientierten wir uns auch beim Zustieg und bogen aber irgendwie schon viel zu früh nach rechts ab, wie wir einen Tag später gut feststellen konnten. Wir fanden dann auch unten rechts and der Plattenwand eine Tour mit geklebten Edelstahlhaken und da laut dem uns zur Verfügung stehenden Kletterführermaterial die „Alhambra“ die am weitesten rechts startende Tour in der Wand sein sollte, gingen wir davon aus, auch selbige gefunden zu haben. OK, das Gelände sah für solch eine renommierte Tour schon recht krautig und wenig begangen aus, aber wir waren der Meinung: „Passt schon irgendwie mit der Beschreibung“. Die ersten beiden Längen der „Alhambra“ sollten ja auch nur 4b sein und da die Route damals im unteren Teil  „ausgegraben“ wurde und die Schwierigkeit dort passte in etwa. Ich hing die ersten beiden Längen zusammen und holte Stefan nach, der die nächste Länge über die mit etwas Vegetation (auch lästige Brombeerhecken) gespickten Platten machte. Alle 5-10 m kam ein Klebehaken, aber das Gelände war noch gängig. Laut Topo sollte in der „Alhambra“ nun eine 6a+ Plattenlänge kommen. Das Gelände sah aber echt nicht danach aus, vor allem zog es uns irgendwie nach rechts von der Headwall weg. Ich machte die vierte Länge und schwerer als 5 war das wirklich nicht. Langsam überkamen uns wirklich ernsthafte Zweifel, ob wir in der richtigen Tour sind. Stefan zückte sein Smartphone und googelte nach der „Alhambra“. Siehe da, am Einstieg der Alhambra soll der Tourenname gut sichtbar in angeschrieben sein. Jetzt wussten wir sicher: Wir sind falsch und haben keine Ahnung was wir eigentlich Klettern und wo diese Tour hinführt. Im Nachhinein stellt sich nach einiger Recherche im Netz heraus, dass es der selten begangene „Schwabenweg“ (15 SL, 6a) war, der aber in keinem Topo oder Kletterführer aufgeführt ist.

 

Da es jetzt schon zu spät war, um abzuseilen und den eigentlichen Einstieg der Alhambra zu finden und die Route ganz zu klettern, war unser Plan nach dem Ende der Plattenwand wenigstens irgendwie zur Alhambra zu queren, um wenigstens deren steile Headwallseillängen zu klettern. Also ging es munter irgendwo im fünften Grad weiter und nach in Summe zehn Seillängen steilte sich der Fels zur Headwall auf. Wenigstens waren die oberen Plattenlängen nicht mehr gar so krautig und zwar recht leicht, aber doch ganz nett zu Klettern. Wir sahen jetzt auch in etwa, wo die Alhambra sein müsste und nach etwas seilfreiem Gekrauche durch eine botanisch-schuttige Rinne und eine Wandstufe nach links standen wir dann vor der „Fingerlochplatte“ der „Alhambra“. Endlich in der richtigen Route. Die Haken gaben dann den Weg für die letzten 7 Seillängen der „Alhambra“ vor und hier wurde noch in zwei Seillängen steiler Gneiskletterei 6b gefordert, aber auch die 6a Längen waren nicht ohne. Zum Glück übernahm Stefan hier den Vorstieg in den schweren Längen, die hätte ich nicht gezogen und begnügte mich mit den Fünferlängen am scharfen Seillende. Wir nannten diese unfreiwillige und eher unlohnende Routenkombi „Halbhambra“, da wir von der eigentlich geplanten Route nicht mal die Hälfte gemacht hatten. Das konnten wir aber noch toppen.

 

Um 17:30 erreichten wir dann den Ausstieg und die verbleibenden 1.5 h Tageslicht hätten auch noch reichen sollen, um sich an den kombinierten Fuß-Abseilabstieg zu machen. Laut Topo sollte man nach dem Ausstieg noch 50 Meter weiter bergauf gehen, bevor ein Trampelpfad nach links in den steilen Wald abbiegt und man einem Grat mit Strommasten folgend an dessen Ende noch 6 mal abseilt. Irgendwie fanden wir den richtigen Abzweig nicht und folgten einem guten Trampelpfad viel zu weit nach oben (50m sind relativ…), bevor wir nach links abbogen. Nach einigem Abstieg durch den steilen Wald merkten wir, dass wir auf der falschen Seite der Rinne waren, die den Abstiegsgrat begrenzt. Mittlerweile war es schon 18:15, wir hatten nur noch gut eine dreiviertel Stunde Tageslicht und laut Topo sind für den Abstieg 1-2 h anzusetzen. Eine kurze Lagebesprechung ergab folgende Optionen a) wir gehen wieder den Hang hoch, zurück zum Ausstieg der Tour und hoffen, dann den richtigen Abzweig auf den Grat zu erwischen, wobei wir nur eine Chance haben da es bald dunkel wird oder die sichere aber lange Option b) laut Karte kommt nicht weit vom Ausstieg weiter den Hang hoch ein Wanderweg, der führt aber nach Monte Bré, also in die ganz andere Richtung wo wir eigentlich hin müssen, aber von dort sollte man auf Wanderwegen wieder zum Camping zurück queren können. Wir entschieden uns dann für Option b), da es doch angenehmer ist im Dunklen einen Wanderweg zu latschen, als irgendwelche Abseilstellen in der Tessiner Macchia zu suchen. Eine Recherche im Netz ergab auch, dass wir wohl nicht die ersten waren, die unfreiwillig eher die lange Abstiegsoption gewählt hatten. Also Berg hoch, nach Monte Bré, Dann die ganzen Höhenmeter einen Treppenweg runter und um den Ponte Brolla herum zum Camping queren. Um 21 Uhr im Dunkeln waren wir dann am Camping. In Summe waren wir 13 h unterwegs, haben sowohl den Einstieg der Tour als auch den richtigen Abstieg nicht gefunden und zudem unfreiwillig eine obskure Kombination geklettert. Aber immerhin waren es trotzdem gut 600 Klettermeter, die schönen Längen der Headwall der „Alhambra“ konnten wir machen und eine zünftige Wanderung gab es auch noch obendrauf. Am Ende des Tages waren wir trotzdem gut gelaunt, es war zwar alles recht verpeilt aber ganz lustig und nur das zählt, oder?

 

Kleine Orientierungsprobleme: In blau die "Alhambra" mit dem eigentlichen Abstieg. In grün unser Aufstieg und in rot dann der lange Wanderabstieg zurück zum Campingsplatz...

 

Am Samstag ging es dann nochmal zum Monte Garzo für die kürzeren Routen an der Plattenwand. Diesmal folgten wir auch dem richtigen Weg und siehe da, weiter oben war der Zustieg zu „Alhambra“ sogar fett mit roter Farbe angeschrieben. Passiert… Wir machten am Vormittag dann noch die sehr schöne „Havanna“ (5c+, 5 SL) nach der wir dann beschlossen, dass es uns beiden für das Wochenende jetzt reicht. Nach 34 Seillängen und gut 1150 Klettermetern in 45 Stunden in den engen Kletterschuhen war der Genussfaktor langsam etwas getrübt, vor allem steckte uns der vorherige lange Tag noch irgendwie in den Knochen bzw. Oberschenkeln. Also ging es nach Hause in den Regen, um sich am Sonntag noch etwas vom Plaisirklettern im Tessin zu erholen.

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© Thomas Schaub