Der Watzmann ruft (August 2017)

 

Bislang war der Watzmann für mich eine alpine Bildungslücke, welche ich im letzten Augustwochenende dieses Jahres endlich schließen wollte. Außer einem Familienausflug als Kind kannte ich von den Berchtesgadener Alpen bergtechnisch bislang eigentlich nichts und zumindest dem Watzmann sollte man als deutscher Bergsteiger doch schon mal einen Besuch abstatten.

Da Ben auch schon länger die klassische Ostwand über den Berchtesgadener Weg auf dem Plan hatte wurde von uns beiden recht langfristig ein verlängertes Wochenende freigeschaufelt, in der Hoffnung, dass das Wetter dann auch passt. Mit langfristiger Planung ist das natürlich immer ein zweischneidiges Schwert, denn je näher der Termin rückte, desto ungünstiger wurde die Wettervorhersage für die geplanten Tage. Für jeden Tag waren ab dem Nachmittag Gewitter vorhergesagt und die Bartholmäiwand ist ein ziemlich ungünstiger Ort um ein Gewitter zu erleben, vor allem wenn man die nicht unerhebliche Routenlänge in Betracht zieht.

Nach längerem Hin- und Her beschlossen wir dann doch zu fahren und hatten als sicherere Alternative die weniger bekannte Kleine Ostwand am Mittelgipfel über die „Wiederroute“ auf den Plan gesetzt. Kleine Ostwand ist hier allerdings in Relation zur 1800 m hohen Bartholomäiwand zu sehen, die Kleine Ostwand hat nämlich immer noch 600 m und über die klassische „Wiederroute“ darf man auch gut 1300 Klettermeter zurücklegen, da der Weg klassisches Schwachstellenklettern mit vielen Querungen durch eine aus größerer Entfernung recht unnahbar aussehende Wand bietet.

Die eigentliche „Wiederroute“ startet oben aus dem Watzmannkar auf etwa 2150 m und schlängelt sich dann geschickt über diverse Bänder, Rinnen und Wandstufen direkt bis zur Mittelspitze (2713 m), dem höchsten Punkt des Watzmannstocks. Die reine klettertechnische Schwierigkeit ist recht gering, an ein paar Stellen muss bis etwa 3- geklettert werden, das meiste spielt sich im Bereich 1-2 ab, auch Gehgelände findet sich vor. Wenn man wie wir im Spätsommer die Route angeht und die Schneepakete von den Bändern schon abgerutscht sind, dann sind auch die objektiven Gefahren recht gering. Wir haben in der ganzen Route keinen Steinschlag erlebt, obwohl oben am Watzmanngrat der Bär steppte.

 

Die "Wiederroute" durch die Kleine Ostwand auf die Watzmann Mittelspitze. Zustieg durch das Watzmannkar, dann durch eine im Bild nicht sichtbare Rinne zum markanten Wiederband und weiter über die exponierte Kante auf die Mittelspitze. Weiter über den Watzmanngrat zum Hocheck und Abstieg über das Watzmannhaus (unterer Teil des Zu- und Abstieges nicht im Bild; Aufnahme vom Grünstein aus).

 

Die Route an sich ist landschaftlich von außerordentlich Schönheit und auch der Fels durch den man sich bewegt ist mehrheitlich sehr solide, rau und es macht einfach nur Freude diesen zu beklettern. Zu Beginn geht es noch eine etwas schuttige Rinne hoch, aber bald ist man auf dem einzigartigen „Wiederband“: von Wasserrillen zerfressen zieht sich dieses autobahnbreite Band mit etwa 30° gleichmäßiger Neigung mehrere hundert Meter durch die Wand und bietet den Schlüssel für den vergleichsweise einfachen Durchstieg. Den Großteil des Bandes kann man aufgrund des sehr rauen Dachsteinkalks und der relativ geringen Neigung hochlaufen, nur an ein paar Schichtbruchstellen muss man Hand anlegen. Danach steigt man durch ein paar weitere Rinnen hoch und quert noch ein weiteres Band, bis man dann zur Gipfelkante der Mittelspitze gelangt. Hier wird dann über ein etwas luftiges, recht schmales, aber gut griffiges Band in die Bartholomäiwand gequert und auf einmal hat man gut 1800 m Luft unter den Solen. Beeindruckend! Danach geht es noch im 2-3 Grad in geneigtem und sehr solidem Fels mit großartiger Exponiertheit direkt auf den Gipfel. Das ist dann einfach nur ideales Steigen in traumhafter Position, bevor man in das Gewusel auf dem Watzmanngrat eintaucht.

Der Abstieg erfolgt dann am besten über den Grat zum Hocheck und von dort über das Watzmannhaus zum Ausgangspunkt beim Parkplatz Hammerstiel, so haben zumindest wir es gemacht. Alternativ kann man natürlich auch noch die Überschreitung zum Südgipfel und den Abstieg ins Wimbachgries dranhängen, dann dauert die an sich schon lange Tour allerdings noch länger.

Vom Charakter kann man die „Wiederroute“ am ehesten noch unter klassisches Bergsteigen einordnen. Als reine Klettertour ist es eigentlich zu einfach, für eine Bergwanderung aber doch schon eine ganze Nummer zu scharf. Aufgrund der Routenlänge inkl. Zu- und Abstieg ist die Route eh nur konditionell gefestigten Alpinisten anzuraten, damit man halbwegs Freude hat. Die Route ist für Bergsteiger mit Sinn für das Gesamtpaket empfehlenswert, uns hat die Kletterei einfach nur Spaß gemacht und man bewegt sich durch eine beeindruckende Felsszenerie. Sie eignet sich aber auch gut als Ostwandalternative für nicht ganz so stabile Bedingungen, da man wesentlich kürzer im exponierten Bereich unterwegs ist. Die vorhergesagten Gewitter kamen nämlich am frühen Abend und zwar recht heftig, von dem her war die Entscheidung für die „Wiederroute“ sicher nicht die dümmste Idee, wer weiß wie lange wir für die Bartholomäiwand gebraucht hätten…

Zur Taktik: Obwohl es sich nur um die Kleine Ostwand am Watzmann handelt, ist es für Voralpenverhältnisse eine relativ lange Tour, wenn man diese an einem Tag vom nächstgelegenen Parkplatz aus angehen will. Start und Zielpunkt ist der Parkplatz Hammerstiel auf ~ 700 m. Mit Überschreitung zum Hocheck und Abstieg über das Watzmannhaus ergibt dies (laut GPS Track) 2068 hm Aufstieg, ebenso viele im Abstieg und ziemlich genau 20 km Wegstrecke. Davon darf man 600 hm und 1300 Wegmeter auch noch kletternd zurücklegen. Hinzu kommt noch der Teil des Watzmanngrates zum Hocheck, an dem unter Umständen viel Betrieb herrscht, der aber recht einfach zu gehen/klettern ist, im Vergleich zu dem was man vorher gemacht hat. In den Führern ist die Route mit 12:30 h angegeben, wir haben dann aber inkl. kurzer Pausen und Einkehr im Watzmannhaus auf ein Kaltgetränk 10:45 h gebraucht (Parkplatz zu Parkplatz). Ob der Gewitterwahrscheinlichkeit sind wir schon um 04:30 gestartet, der Zustieg zum Watzmannkar geht aber auch problemlos mit Stirnlampe und wir waren deshalb auch schon um 15:15 wieder am Auto (trocken!). Allerdings sind wir die ganze Route seilfrei gegangen, wodurch man aufgrund der Kletterlänge sehr viel Zeit spart und was wohl auch von vielen so gemacht wird. Für die eigentliche Kletterei der „Wiederroute“ haben wir so nur ziemlich genau 2 h gebraucht. Wer über dem geforderten Schwierigkeitsgrad steht und mit Ausgesetztheit kein Problem hat kann das aus meiner Sicht verantworten. Der Fels ist solide wo man es sich wünscht und die Kletterei stabil. Wir haben uns nirgends ohne Seil unwohl gefühlt, allerdings ist man fast nur im Absturzgelände unterwegs, man sollte sich seiner Sache also wirklich sicher sein. Ein Ausrutscher oder Sturz wäre sehr ungesund. Als Rückfallposition und da wir die Route nicht kannten hatten wir ein Seil im Rucksack, da bleib es aber letztendlich auch die ganze Zeit. Ich vermute aber, dass bei konsequenter Sicherung der Zeitbedarf einfach zu hoch sein wird und am kurzen Seil gehen macht ergibt in dem Gelände m.E. keinen wirklichen Sicherheitsvorteil. Wer sich dieses Tagesprogamm nicht zutraut kann die Tour mit Übernachtung auf der Kührointalm oder dem Watzmannhaus auf zwei Tage verteilen.

 

Ein sehr gutes Topo sowie Beschreibung der Route findet sich auf bergsteigen.com: 

www.bergsteigen.com/klettern/bayern/berchtesgadener-alpen/wiederroute-kl-watzmann-ostwand

 

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© Thomas Schaub