Quarzit, Granit und Berberwhisky – Marokko 2016

 

Vor Jahren wollte ich mir einen Kletterführer des Atlas-Gebirges zulegen, da es dort ja richtig tolle Kalklettereien geben soll. Gesagt, getan, für ein paar Euro gab es einen Kletterführer des Anti-Atlas im Netz, welchen ich mir dann kurzerhand bestellte. Als ich diesen dann in den Händen hielt stellte ich zwei Dinge fest: a) ist der Anti-Atlas ein anderes Gebirge von dem ich zuvor nie gehört hatte und b) dort gibt es keinen Kalk. Klassischer Fehlkauf und das Buch verschwand dann erst mal für einige Jahre im Bücherregal. Diesen Februar sollte es mit der Gattin für eine Woche in die Sonne zum Klettern gehen und die Frage kam auf, wohin es denn soll. Die Kanaren waren eine Option, aber das ist mittlerweile ein ziemliches Modeklettergebiet und wir sind ja eher die Ruhesucher. Mir fiel dann wieder der Anti-Atlas Kletterführer ein und einen Blick darin ergab, dass es dort sehr viele Routen niedriger und moderater Schwierigkeit gibt, es sollte dort einiges für uns zu holen sein. Ich habe mich dann nochmal weiter informiert, mir ein paar aktuelle Kletterführer bestellt und siehe da, das klang eigentlich sehr interessant: Am Jebel-el-Kest Massiv gibt es tausende Trad-Routen im roten Quarzit mit bis zu 800 m Länge, wobei es südlich von Tafraoute ein großes Granitgebiet gibt, welches von manchen als „Joshua-Tree-Nordafrikas“ angepriesen wird. Da wir beide sowieso noch nie in Marokko waren fiel uns die Entscheidung für den Anti-Atlas dann relativ leicht.

Als Stützpunkt im Anti-Atlas bietet sich die lieblich und quirlige Ortschaft Tafraoute an, welche halbwegs gut von Agadir aus (3.5 h Flug von Frankfurt) durch eine dreistündige Panoramafahrt mit dem Mietwagen zu erreichen ist. Ein Mietwagen ist vor Ort dann ziemlich hilfreich, sonst wird es schwer die diversen Klettergebiete zu erreichen. Tafraoute selbst ist eine beschauliche Kleinstadt (~5000 Einwohner) die in einer idyllischen Oase liegt. Der Ort ist das Zentrum des westlichen Anti-Atlas mit aller nötigen Infrastruktur und auch nicht von Touristen überlaufen, dazu liegt es zu abgelegen. Die ansässige Berberbevölkerung ist ausgesprochen freundlich, das Preisniveau für deutsche Verhältnisse sehr niedrig, so dass es sich dort sehr gut aushalten lässt. Alle nötigen Informationen finden sich auf der exzellent gemachten Homepage www.climb-tafraout.com, über diese kann man auch die aktuellen Kletterführer sowie Topo-Karten beziehen. Da alle dort gemachten Angaben nach unseren Erfahrungen auch Hand und Fuß haben, spare ich es mir jetzt, dies hier alles wiederzugeben.

Die Klettereien rund um Tafraoute lassen sich, wie schon oben erwähnt, in zwei Gebiete mit ganz unterschiedlichem Charakter einteilen: Im Süden Granit und im Norden der Quarzit des Jebel-el-Kest Massives.

Die Granitgebiete wurden von Kletterern in den 70er Jahren entdeckt. Die Bezeichnung „Joshua-Tree-Nordafrikas“ ist aufgrund der optischen Ähnlichkeit (man ersetzte die Arganbäume durch Juccapalmen, dann sieht es wirklich so aus) nicht so abwegig. Tausende große, runde Granithaufen, die dort in der Steppe/Wüste liegen. Das sieht phantastisch aus und beim ersten Anblick denkt man, dass es hier eine unglaubliche Menge an Klettereien sowie Boulder geben muss. Da hört die Ähnlichkeit mit Joshua-Tree dann aber auch auf, da der Granit zu mehr als 90% absoluter Müll ist. Am Großteil der Felsen bröselt die Oberfläche des extrem rauen Granits einfach unter den Fingern weg und lädt überhaupt nicht zum Klettern/Bouldern ein. Dies hört sich jetzt erst einmal nicht sonderlich verlockend an, aber es gibt doch ein paar erlesene Schmankerln dort. 1984 hat der belgische Künstler Jean Veramme elf Tonnen Farbe über einige der Felsen verteilt, die „Painted Rocks“, was völlig bizarr aussieht und wenigstens einige Touristen in die Gegend bringt. Durch einen der komplett hellblau angemalten Felsen zieht ein 30m Handriss bolzengerade durch. Die Route nennt sich „Azules de Vergara“ (5c), lässt sich mit mobilen Sicherungen zukloppen und man hat die einzigartige Möglichkeit, einen blauen Riss zu klettern. Ok, die dicke Schicht blauer Wandfarbe macht die Reibungseigenschaften des Granites zunichte, aber im Riss klemmt man eh. Das sollte man mal gemacht haben, vor allem, wenn man einen Hang zu esoterischen Klettereien hat. Ansonsten gibt es aufgrund des plattigen Charakters der meisten Klettereien gebohrte Routen, hier sei z.B. die „Freeway“ (125 m, 4c) als Plaisirkletterei über den Palmen empfohlen. Das Ambiente ist grandios, allerdings knirschte der Granit unter meinen Sohlen öfters als mir lieb war, dafür stecken ausreichend Bohrhaken und zudem ist die Kletterei ziemlich leicht. Zum Bouldern ist es auch ganz nett, wenn man sich nicht davon ernüchtern lässt, dass sich viele gutaussehende Boulder quasi unter den Fingern auflösen.  

 

 

 

Von einem völligen Charakter ist dann die Kletterei im Quarzit des Jebel-El-Kest-Massives. Der Fels ist dort ausnahmslos roter Quarzit, welcher durch Zusammenschmelzen der Sandkörner einer dicken Sandsteinschicht unter der Erdoberfläche entstanden ist. Dies resultiert in einem immer noch rauen, dafür absolut nichtsandenem Material mit hohem Anteil an Griffen. Die Wände sind oft sehr strukturiert und von Weitem sieht das erst einmal relativ schrofig und wenig einladend aus. Dies ist wohl der Grund, weshalb dieses Gebiet erst in den 1990er-Jahren von britischen Bergsportlern zum Klettern entdeckt wurde. Praktischerweise wurde die Kletterethik der Briten ebenfalls importiert, weshalb man in den mittlerweile mehr als 2000 Routen keinerlei Fixmaterial findet (auch alle Stände dürfen selbst gebastelt werden). Einer der frühen Erschließer war Joe Brown in schon fortgeschrittenem Alter und wer seine Routen im Gritstone kennt, der weiß, dass man sich auf interessante Kletterrouten einstellen kann. Durch die Felsstruktur sind viele der Routen eher niederer Schwierigkeit, was auch nicht verkehrt ist, da man durch das Fehlen fixen Sicherungsmaterials doch einige Reserven haben sollte, da Absicherung und vor allem die Wegfindung nicht immer trivial sind. Dazu kommt noch, dass es keinerlei Bergrettung gibt und man beim Klettern ziemlich einsam unterwegs ist (in der ganzen Woche die wir dort waren begegneten wir keinerlei anderen Kletterern; die derzeit angesagten Sportklettergebiete im Atlas wie die Todra-Schlucht ziehen wohl eher die Massen an). Eigenverantwortung ist das oberste Gebot hier.

Immerhin ist das Gestein sehr solide und griffreich, aufgrund der wenigen Begehungen vieler Routen kommt man sich aber oft vor, als ob man in einer Erstbegehung unterwegs ist, da jegliche Begehungsspuren fehlen. Da kann man noch richtig On-Sight klettern (oder man muß…). Die Routen reichen von 8m bis 800 m, dazwischen gibt es alles. In die ganz langen Sachen sollte man auch nur einsteigen, wenn man deutlich über den Dingen steht und einiges an alpiner Erfahrung hat (man muß schließlich auch wieder runterkommen; gebohrte Abseilpisten sind Fehlanzeige). Am ehesten hat mich die Kletterei an die Red-Rocks in Nevada erinnert, auch die Vegetation im Anti-Atlas ist ähnlich stachelig. Der Anti-Atlas-Kletterführer ist auch der Einzige den ich kenne, welcher das „prickly“-Piktogramm für Kletterrouten vergibt, d.h. besonders viel dornigen Bewuchs in einer Route. Aber das soll einen nicht abschrecken, für den versierten Pfalzkletterer, der mit mobilem Sicherungsmaterial umzugehen weiß, ist die Kletterei einfach fantastisch. Der Fels ist wahnsinnig strukturiert und es sieht vom Boden aus eigentlich immer viel schwerer aus, als es dann ist. Das Gemäuer ist übersäht mit Henkeln, die man aber oft erst unmittelbar beim Klettern entdeckt. Zur Absicherung reicht ein Bündel Keile, Schlingen sowie ein Satz Cams bis 5. Den 5er konnte ich erstaunlich oft in Plattenklettereien unterbringen, wo sonst nichts ging, da es dort öfters große Löcher gibt, in denen einfach nichts Anderes passt. Für diejenigen, die es vorziehen gemütlich unterwegs zu sein kann ich aus eigenen Erfahrungen folgende Gebiete und Routen empfehlen:

 

Robin Hood Rocks: „Odysseus“ (MS), „Varsity Games“ (HS 4b), „Trivial Pursuit 1“ (S)

Maid Marion Rocks: „Imhotep“ (S)

Cheshire Cheese Crag: „We called it Macaroni“ (D), „Coledade Horseshoe“ (VD), „Sunset Rib“ (VD), „Edam“ (D)

Palm Tree Gorge: „Rum Keg“ (VD)

Tizgut Gorge: „Trivial Pursuit 2“ (S), „Sams´s Shadow“ (VS 4b), „Play it again Sam“ (S)

 

Zur tollen Kletterei kommt auch noch das wirklich beeindruckende Ambiente durch das grüne Tal der Ameln, dem Übergang des Anti-Atlas in die Sahara sowie die teils riesigen Wandfluchten des Jebel-El-Kest-Massives. Auch die teils mutig in die Hänge gebauten Berbersiedlungen (inkl. sehr ausgesetzter Zufahrtswege) bereichern das Landschaftsbild. Als Rasttag sei jedem auch eine Besteigung des Jebel-El-Kest als höchsten Gipfel des Anti-Atlas empfohlen. Der landschaftlich wohl schönste Fußaufstieg erfolgt vom pittoresken Anergui aus und ist in etwa 7 Stunden (Hin- und Zurück) zu machen. Man sollte allerdings etwas Gespür bei der Wegfindung habe, viele mit Steinmännchen markiert Pfadspuren sind Sackgassen und führen nur zu verlassenen Schäferunterkünften. Die Aussicht auf dem Gipfel ist allerdings schlicht und ergreifend fantastisch und reicht vom Atlas über den ganzen Anti-Atlas bis in die Sahara. Interessant ist auch das Eis in den Nordhängen des Gipfels, welches sich nachts aus der Luftfeuchtigkeit bildet und tagsüber schmilzt. Ein bizarrer Anblick in dieser sonst sehr trockenen Gegend.

Alles in allem war es wirklich richtig gut und abwechslungsreich. Wer einen Sinn für das Gesamtpaket hat und das kleine Abenteuer sucht, für den ist es ein hervorragendes Winterziel, für den gemeinen Hardmover oder Bohrhakenclipper ist es aber wohl eher nicht die richtige Wahl. In der ganzen Woche Ende Februar hatte es keinen Regen und zum Klettern ideale 15-20°C. Als Abstinenzler fand ich auch Gefallen an der lokalen Teekultur („Berberwhisky“) und trotz aller Vorsätze mir keinen Tand andrehen zu lassen, haben wir jetzt einen Berberteppich zu Hause liegen. Die lokalen Teppichhändler verstehen ihr Handwerk und sind wahre Marketinggenies, wobei der Teppich auch wirklich schön ist. In diesem Sinne, ich glaube da gehen wir wieder hin.

 

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© Thomas Schaub