White Out! - Skitourendesaster im Berner Oberland (April 2012)

 

Freud und Elend liegen ja beim Bergsteigen oft nahe beinander: Sitzt man in der Aprilsonne nach dem Aufstieg mit den Ski auf dem Gipfel eines 4000er und hat ein geniales Panorama der gezuckerten Alpen vor den Augen dann gibt es für einen nichts Geileres auf der Welt. Tags darauf schwört man sich bitter frierend nach einem 20 stündigen Sitzbiwak in 3500 m Höhe in einer Schneehöhle nur noch in den Mittelgebirgen zu klettern, wo das Auto nicht mehr als zehn Minuten entfernt steht. Auch habe ich oft das Maul aufgerissen, das es schlechtes Wetter nicht gibt, sondern das dies einzig und alleine von der Leidensfähigkeit abhängt („bei Sonnenschein kanns jeder!“). Die Dienste eines Bergführers wollte ich auch nie in Anspruch nehmen und ich war bislang  immer der Meinung, dass ich mich mit Karte, Kompass und Höhenmesser in jedem Gelände zurechtfinden würde. Die Ereignisse an Ostern 2012 die ich hier schildere, sollten mich eines Besseren belehren.      

 

Die lange geplante Skitour zum Finsteraarhorn mit Stefan über Ostern 2012 wollten wir aufgrund der Wettervorhersage, die bis auf Karfreitag sehr wechselhaftes Wetter vorhersagte eigentlich abblasen. Da aber auch anderswo in den Alpen keine bessere Bedingungen sein sollten, und wir aufgrund der sehr hohen Schneelage und des günstigen Lawinenlageberichtes (Stufe eins im Berner Oberland) unbedingt auf die Ski wollten, starteten wir wetterbedingt mit einem Tag Verspätung am Gründonnerstag doch in Richtung Lauterbrunnen.

 

Die 174 Franken für die Bahn zum Jungfraujoch mussten abgedrückt werden, da wir den einen Tag länger dauernden Aufstieg von Münster aus zeitlich nicht mehr hinbekommen hätten. Mittags um elf wurde es über den noch unverspurten Jungfraufirn in den aufziehenden Wolken angeseilt zum Konkoridaplatz abgefahren. Im Nebel und Schneefall rumstochernd kamen dann die 500 Hm des einfachen Aufstieg durch die Grünhornlück.

 

Dort trafen wir dann ein Schweizer Pärchen, welche ein GPS dabei hatten, wodurch wir im White-Out dann von dort ohne Verhauer direkt zur Finsteraarhornhütte abfuhren. Anderntags war zwar gutes Wetter vorhergesagt und dies sollte der Tag für das Finsteraarhorn werden. Leider gab es über den Gründonnerstag und in der Nacht einen halben Meter Neuschnee, so dass wir von diesem Plan Abschied nehmen mussten, da uns unter diesen Bedingungen die Kletterei am ausgesetzten Gipfelgrat zu heikel erschien. Ein Bergführer wies uns am Abend vorher auch darauf hin, dass die Bedingungen am Grat derzeit sehr ungünstig seiene und in den letzten Wochen auch ohne den Neuschnee eigentlich nur geführt Gruppen zum Gipfel kamen. Bei Neuschnee bot sich allerdings das Hintere Fiescherhorn als sehr gutes Alternativziel an, da man dort mit den Ski bis zum Gipfel kommt und es sich immerhin auch um einen 4000er handelt. Am Karfreitag bei wolkenlosem Himmel los, eine Achtergruppe Franzosen voraus, die die Überschreitung Richtung Mönchsjoch machten, konnten wir genüsslich in deren Spur im Tiefschnee in fünf Stunden die Ski gen Gipfel schieben.

 

Das Tiefland und die Täler hingen in den Wolken, die hohen Gipfel stachen aber alle durch die Wolken und die Sicht auf Finsteraarhorn, Weishorn, Matterhorn, Mont-Blanc und das Dreigestirn war bei strahlendem Sonnenschein einfach atemberaubend. Da wir als erstes die Abfahrt antraten konnten wir 1100 Hm durch unverspurten, knietiefen Pulverschnee genießen. Der Traum eines jeden Tourengehers! Zur Mittagszeit an der Hütte konnten wir den Rest des Tages gemütlich auf der Sonnenterasse der Hütte rumgammeln, um uns herum die herrliche Berglandschaft in der prallen Sonne. Eigentlich war Hauptsaison, es hatten sich zusammen mit uns aber nur zehn Gäste auf der Hütte eingefunden, obwohl diese bis kurz zuvor über Ostern komplett ausgebucht war.

 

Aufgrund der bis auf Karfreitag relativ schlechten Wettervorhersage für diese Tage hatten die meisten ihre Reservierung wieder storniert. Nicht verwunderlich, da sowohl der Hin- als auch der Rückweg zur abgelegenen Hütte normalerweise schon Tagestouren sind. Uns war es recht, weil es dadurch sehr gemütlich war und man zu einem erholsamen Schlaf kam. Der großräumige Wetterbericht Freitagsabends im Fernsehen versprach wechselhaftes Wetter und Niederschläge im Gebirge für die nächsten beiden Tage. Dies war die einzige Info die wir bekamen, da es dort hinten keinen Handyempfang bzw. Internetzugang gibt, um einen detaillierten, aktuellen Wetterbericht der Gegend zu bekommen. Auch der Hüttenwirt hatte nur die Informationen des Fernsehberichtes.

 

Da uns das Wetter zu unsicher erschien, verzichteten wir darauf einen weiteren Gipfel anzugehen und wählten stattdessen die lange Abfahrt nach Münster ins Rhonetal, um dann mit dem Zug nach Lauterbrunnen zurückzukehren. Zusammen mit dem Schweizer Pärchen, die auch diesen Weg gehen wollten, ging es dann den Fieschergletscher hinunter Richtung Bächlilicke. Dort trafen wir noch auf ein kroatisches Paar aus der Hütte und wir versuchten zu sechst im mittlerweile White-Out den Weg über den Galmigletscher zu finden. Nach einigen Verhauern im Eisbruch trotz GPS der anderen beiden Seilschaften gelang dies jedoch nicht und wir beschlossen umzudrehen und den langen, uns eigentlich bekannten Rückmarsch zum Jungfraujoch über die Grünhornlücke incl. 1300 Hm Aufstieg anzugehen. Das Wetter wurde zwischendurch wieder besser (~ 500 m Sicht) und wir kamen zusammen mit den beiden Schweizern zügig bis zum Konkoridiaplatz, wo dann sogar die Sonne rauskam und man eine kilometerweite Sicht hatte. Über den Weiterweg den Jungfraufirn hoch machten wir uns keine Sorgen, da wir diesen von der Abfahrt her kannten und dieser bei guter Sicht und Spur unproblematisch ist. Die beiden Schweizer gingen gleich weiter, während wir noch eine Essensrast einlegten. Nach zwei weiteren Stunden des Aufstieges auf etwa 3200 m Höhe schlug das Wetter um: es zog Sturm auf, begann stark zu schneien und wir landeten in einem völligen White-Out. In Kürze wurde die Spur verblasen und konnte von uns auch nicht mehr aufgefunden werden, sodass wir uns mit Kompass, Höhenmesser und Karte nach oben arbeiteten.

 

Irgendwann müssen wir leicht von der Idealline durch die obere Spaltenzone abgewichen sein, da plötzlich Spalten vor uns auftauchten, wo eigentlich keine sein sollten. Durch den Schneefall der letzten Tage waren die teils riesigen Spalten dort auch oft überwechtet, so dass man diese bei der sehr schlechten Sicht erst sah, wenn man fast schon hineingefallen war. Von der Abfahrt am ersten Tag wussten wir auch, dass es heimtückische Längs- und Querspalten in dem Bereich hat, welche normalerweise weiträumig umgangen werden. Da uns aufgrund des sehr schlechten Wetters jedoch jegliche Orientierungspunkte fehlten und wir nicht mehr genau feststellen konnten wo wir uns genau befanden, gelang es uns nicht, eine sichere Linie durch die Spaltenzone zu finden.

 

Da wir ein paarmal haarscharf an den Spalten vorbeigeschrammt waren und wir wirklich nicht wussten, wie wir aus dem Labyrinth bei diesen Bedingungen ohne die hohe Wahrscheinlichkeit eines Spaltensturzes herauskommen sollen, beschlossen wir, dass es zu gefährlich ist, jetzt noch weiterzugehen. Laut Höhenmesser waren wir schon in etwa auf der Höhe des Sphinxstollens im oberen Teil des Jungfraufirns, und dieser konnte auch nicht mehr so weit weg sein. Unserer Meinung nach sollte deshalb eine halbstündige Wetterbesserung (Sicht!) reichen um diesen errettenden Punkt zu finden, weshalb wir ein Biwak für die vernünftigste Lösung hielten. Zudem hatten wir mittlerweile auch schon 13 Stunden auf den Ski in den Beinen. Laut Wetterbericht sollte das Wetter ja wechselhaft sein und da auch mittags mal die Sonne rauskam, sollte es doch auch jetzt irgendwann mal kurz aufklaren bzw. am nächsten Morgen müsste es doch besser sein (schlechter konnte es ja eigentlich nicht mehr werden). Da Wind und Schneefall immer stärker wurden, fingen wir an uns eine Schneehöhle zu graben, um vor dem Wind geschützt zu sein, und ein paar Grad mehr durch den isolierenden Schnee im Inneren zu haben. Nach rund anderthalb Stunden des eifrigen Schaufelns war das Loch groß genug, damit wir beide uns sitzend im Inneren kauern konnten. Stefan hatte zum Glück noch eine 100 g Kartusche Gas für Notfälle und einen Minikocher dabei, und so konnten wir uns wenigstens noch Tee durch Schneeschmelzen zubereiten, bevor diese leer war.

 

Ich hatte noch einen Hüttenschlafsack mit, ansonsten mußten die Einwegbiwaksäcke und alles was noch an Klamotten die im Rucksack war als Isolierung reichen, um durch die Nacht zu kommen. Durch den Schneefall und das Schaufeln war die Kleidung allerdings relativ nass und klamm. Mit den Seilen als provisorische Isomatten platzierten wir uns in sehr unbequemer Haltung in dem Loch, während der Schneefall nicht weniger wurde. Bitter frierend (im Nachhinein erfuhren wir, dass es in dieser Nacht am Jungfraujoch -19°C hatte) war in der Position an wirklichen Schlaf nicht zu denken. Ich nickte zwar ein paarmal kurz ein, wurde aber immer wieder von dem Schnee den der Wind durch die Höhlenöffnung in mein Gesicht blies aufgeweckt. Die Stunden vergingen extrem zäh, uns schneite es langsam den Eingang zu während wir beiden Doktores uns verfluchten und nur darauf warteten, bis es draußen hell wurde. Als es langsam dämmerte und wir uns aus der Höhle gruben, mussten wir zu unserer Enttäuschung feststellen, dass die Sicht keinen Deut besser war, und es zudem über Nacht mehr als einen halben Meter Neuschnee gegeben hatte. Völlig durchgefroren wie wir waren beschlossen wir uns jetzt trotzdem einen Weg rauszufinden, da wir uns einfach bewegen mussten. Nach einer halben Stunde gleichen Herumirrens wie am Abend zuvor, der Fast-Bekanntschaft mit einigen Gletscherspalten und da keinerlei Wetterbesserung in Sicht war gaben wir es auf.

 

Wer noch nie in einem völligen White-Out mit viel Neuschnee auf einem Gletscher war wird sich kaum vorstellen können, wie schwer es ist sich dort zu orientieren. Wir hegten arge Zweifel, eine zweite Biwaknacht unter diesen Bedingungen unbeschadet zu überstehen (wir beide hatten schon Erfrierungen an den Zehen und Fingern), weshalb wir beschlossen unseren Stolz bei Seite zu lassen und die Bergwacht zu rufen, damit diese uns hoffentlich herausholen können.

 

Um halb acht wählten wir also den Notruf und gaben unseren etwaigen Standort durch. Zuerst wurden Bahnangestellte informiert, die kurz vor acht mit der ersten Bahn hoch starteten, damit diese in unmittelbarer Umgebung des Stollenloches akustische Signale geben und uns evtl. mit den LVS schon orten konnten, falls wir uns in der Nähe des Stollenloches befinden. Laut Auskunft des Leiters der Aktion kam es schon vor, dass Leute unter ähnlichen Bedingungen 20 Meter neben dem Stollenloch biwakiert hatten, da dieses nicht mehr aufgefunden wurde, um dann die Bergwacht zu alarmieren. Da die Bahn allerdings fast zwei Stunden braucht um hochzufahren wurde uns erst mal gesagt, wir sollen uns gedulden (ja was denn sonst!) und eingraben. Da die Spur zurück zur alten Höhle schon verblasen war, ging es also wieder ans Buddeln, was im ausgezehrten Zustand sehr mühsam war. Bei der Saukälte war uns die Bewegung trotzdem willkommen. Allerdings war die Idee den Hüttenschlafsack fürs Buddeln im Sturm einfach nebenan auf den Schnee zu legen weniger intelligent, da den eine Böe  kurzerhand über den Gletscher fegte und sich jetzt wohl jemand im Rhonetal über ein Fundstück freuen kann. Tja, die Stunden in der zweiten Schneehöhle waren dann halt noch etwas kälter und wir wissen jetzt, dass Promotion nicht vor Dummheit schützt.

 

Von der Einsatzzentrale wurde noch der Wirt der Mönchsjochhütte alarmiert, der mit seinem Pistenbully den Weg vom Mönchsjoch zum Jungfraujoch abfuhr, falls wir irgendwo in der Nähe dieser Spur sind. Sobald wir den Bully hörten, sollten wir die Rettungsstelle verständigen, damit diese in etwa wissen, wo wir sind. Zwei Stunden später war der Bully zu hören (wir gaben auch regelmäßig Signale mit der mitgeführten Pfeife) und verständigten die Leitstelle. Anscheinend hatte auch einer der Bahnmitarbeiter am Stollenloch das Pfeifen gehört, wodurch diese zusammen mit unserer Höhenangabe in etwa wussten wo wir sind. Als erstes bekamen wir die Aufforderung ja dort zu bleiben wo wir sind, da die Spaltenzone dort sehr heikel sein muß (dazu später einer der Bergführer zu uns: „In dem Bereich haben wir schon einige Leute aus Spalten bergen müssen, die meisten davon tot.“). Durstig und hungrig kauerten wir im immer stärker werdenden Schneefall in unserem neuen Loch. Um zehn Uhr gab uns die Bergwacht durch, dass sie nun vier Bergführer für eine Rettungsaktion zusammen hätten und diese sich mit dem nächsten Zug vom Tal aus auf den Weg machen. Uns wurde klar, dass es wohl noch eine ganze Weile dauern wird, da die Bahn ja ewig braucht. Wenn halt kein Helikopter fliegen kann, dann dauert eine Bergrettung lange, aber bei Flugwetter wären wir auch nicht in diese unrühmliche Situation gekommen. Die Zeit verging sehr schleppend und wir froren weiter. Alle Stunde mussten wir den Eingang des Schneeloches freigraben, da es massiv Schnee rein blies (insgesamt fiel ein Meter Neuschnee). Um halb eins waren die Bergführer dann oben und fingen mit der Suche an. Der Leiter der Aktion rief dauernd an, und gab uns Bescheid, wie gerade der Stand der Dinge ist. Wir gaben weiterhin ständig Signale mit der Pfeife ab, damit die Retter uns nach Gehör orten konnten. Um kurz vor zwei erblickten wir dann endlich die Konturen der vier Bergführer im Nebel und uns fiel ein Stein vom Herzen.

 

Der Vorrausgehende hatte eine vier Meter lange Lawinensonde in der Hand und sondierte bei jedem Schritt das Gelände vor ihm auf Spalten, und arbeitete sich vorsichtig durch den Tiefschnee (auf unsere Frage später ob er das mit dem Sondieren auch in einer Zweierseilschaft machen würde verneinte er und meinte auch, dass er bei dem Wetter und dem Gelände wo wir waren auch nur zu viert reingeht). Die vier Jungs liefen einen Riesenumweg um zu uns zu gelangen, da wir unser Loch in den Spaltenrand gegraben hatten, was von uns bei der Sicht und Schneedecke nicht bemerkt wurde. Als sie bei uns ankamen gab es erst mal ein dickes Dankeschön von uns und für uns von den völlig entspannten Bergführen heißen Tee und Schokolade. Da meine Kleidung und die Handschuhe mittlerweile steifgefroren waren bekam ich ein paar trockener Handschuhe, die Bergführer nahmen uns ans Seil, und zügig konnten wir hinter den Rettern her auf eigenen Füßen den Rückweg durch die Spaltenzone nehmen. So wie die Profis den Weg durch das Gelände gelegt haben, hätten wir ihn bei der Sicht nie gefunden.

 

Der Rückweg war kurz wie wir dann feststellen mussten, dass wir unser Biwak nur 500 m vom Stolleneingang entfernt aufgeschlagen hatten! Trotzdem dauerte es über sechs Stunden, bis wir gefunden wurden. Wenn einem da weiter abseits bei solchem Wetter was Ernsthaftes passiert, dann wird es eng. Erschöpft, unterkühlt und mit gefühllosen Fingern und Zehen erreichten wir dann um drei die Bahnstation am Jungfraujoch, was aufgrund der Horden gaffender asiatischer Turnschuhtouristen völlig bizarr war, wenn man in steifgefrorener Bergmontur da aus dem Hochgebirge rein stolpert. Raus aus den klammen Klamotten gab es in der Cafeteria zuerst ein kühles Blondes für die Nerven. Für die insgesamt acht Mann der Truppe die im Einsatz waren gab ich auch unverzügliche eine Runde Bier aus, welches dankbar entgegengenommen wurde. Um vier nahmen wir dann zusammen mit den Bergrettern die Bahn nach unten und konnten uns dadurch auch noch eine ganze Weile mit denen unterhalten. Die Männer machten den Eindruck, als ob dies eine willkommene Abwechslung für die war, um an diesem Ostersonntag bei dem Wetter noch rauszukommen, wo die Bergführer eh keine Kunden gehabt hätten (wie die Rechnung später zeigte wurden sie auch gut dafür entlohnt). Sie meinten auch, dass wir in der Situation genau das Richtige gemacht haben, die Bergrettung zu rufen. Die Heimfahrt haben wir dann auch noch irgendwie gebacken bekommen und wir waren sehr froh, als wir daheim ankamen. Ich habe mich selten so auf eine heiße Dusche gefreut.

 

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© Thomas Schaub