Im Fernen Osten 

 

Gewöhnungsbedürftiges Essen, Sprachen denen man überhaupt nicht mächtig ist, seltsame Gesetze und andere Seltsamkeiten: Willkommen im Fernen Osten! Ok, in der heutigen, globalisierten und vernetzten Welt ist gefühlt eigentlich nichts mehr wirklich exotisch, aber etwas anders als im gewohnten Europa ist es dann doch, wenn man sich weit nach Osten begibt. In den letzten Jahren hatte ich das Vergnügen, (Süd)Korea, Singapur und Japan zu besuchen. Alles sehr interessante Länder mit hohem Lebensstandard, aber auch reich an kleinen, meist amüsanten Merkwürdigkeiten.

 

Den Anfang mache ich hier mit Sapporo, Hauptstadt von Hokkaido, der nördlichsten Hauptinsel Japans. Im Gegensatz zu Tokio oder Kyoto zieht Sapporo nicht wirklich viele westliche Touristen an, die Quote an Ausländern ist in Japan aufgrund der strengen Einwanderungsgesetze sowieso sehr niedrig, so dass man als langhaariger, mehr oder minder blonder, Westler doch ziemlich im Stadtbild aufgefallen ist. Als ich mittags mal ein paar Stunden Luft hatte, fuhr ich mit der Tram an den Stadtrand, um auf den Hausberg zu wandern. Ich war die einzige Langnase in der vollen Bahn, trotzdem hatte ich ausreichend Platz, da die Japaner einen Sicherheitsabstand um mich hielten und mich sehr kritisch schweigend betrachteten. Ein unangenehmes Gefühl, aber jeder ist Ausländer, fast überall. Immerhin waren dann beim Wandern alle Einheimischen die mir im Wald entgegenkamen ausgesprochen freundlich und begrüßten mich mit einem herzlichen „Koinnichwa“ und ich machte auch munter den Grüßaugust (so viel japanmisch kann ich wenigstens noch). Am Berg sind halt doch alle gleich. Weniger gleich fühlte man sich dann abends bei zwei zufällig ausgewählten Restaurants, wo uns an der Tür mit einem „No Europeans!“ rüde der Einlass verwehrt wurde. Gut, als Europäer kommt man nicht oft in den Genuss das Opfer von Rassismus zu sein, es fühlt sich aber nicht wirklich gut an. Oder wir zufälligerweise Yakuza-Läden gestoßen und hätten die ehrenwerte Gesellschaft gestört, wer weiß. In den anderen Restaurants wurden wir dafür sehr zuvorkommend behandelt und genial verköstigt, von dem her… 

 

Immerhin wird auch Sapporo nicht von deutschem Kulturimperialismus verschont, da zu der Zeit das jährliche deutsche Bierfest stattfand. Zünftige Festzelte, ein prächtiger Maibaum, ein Franziskanerzelt, Brezeln, Wurstsalat (mit japanischem Einschlag; sehr gewöhnungsbedürftig), die Halbe Weizen umgerechnet ~15 €, Bier im Masskrug und viele Japaner im Dirndl und Lederhosen sowie alles weiß-blau beflaggt. Deutschland = Bayern, aber das kommt im ferneren Ausland leider doch öfters vor. Tommy und ich waren in Zivil dort und fielen auf, da man als Schwabe bzw. Badener einfach keine Lederhose trägt. Weiteren deutschen, äh, Einfluss sah ich leider auch in einem Kostümgeschäft in der belebten Fußgängerzone: Dort hingen prominent im Schaufenster Hakenkreuzarmbinden und SS-Totenkopfmützen (siehe Bild; da ich keine verfassungsfeindlichen Symbole hier zeigen will habe ich die entsprechen Symbole mit blauen Kreisen unkenntlich gemacht). Dies fand ich wiederrum dann doch verstörend.

 

Nervig war auch das völlige Fehlen von öffentlichen Mülltonnen. An jeder Ecke standen Verkaufsautomaten für alle möglichen Getränke, aber wohin danach mit der leeren Dose? Einfach auf die Straße oder ins Gebüsch pfeffern ging irgendwie nicht, es lag wirklich nirgends Müll in der Stadt herum und die Einheimischen hätten dies sicher auch nicht goutiert. Tja, dann halt immer in einen der allgegenwärtigen 7-Eleven Minishops rein, dort standen im Eingangsbereich wenigstens immer Mülltonnen. Rein, Müll in die Tonne und raus ohne was zu kaufen. Ungewohnt waren auch die Rauchergesetzte: Rauchen auf der Straße war verboten und zwar damit man nicht die Kippenstummel in der Gegend verteilt (öffentliche Ascher gab es genauso wenig wie Mülltonnen). Dafür durfte man in so gut wie jedem Restaurant rauchen. Normalerweise kam immer gleich und ungefragt mit der Speisekarte der Ascher auf den Tisch. Bei uns ist das irgendwie anders geregelt.

 

Speisekarte ist ein gutes Stichwort, wobei ich auf den Speisekarten eigentlich kein Wort verstanden habe, da diese, zumindest in den Läden wo wir waren, ausnahmslos auf Japanisch waren. Da die japanische Küche aber eigentlich noch besser als ihr schon exzellenter Ruf ist haben wir munter blind bestellt und auf irgendwas auf der Karte gezeigt. Mutige vor! Das Meiste war super-lecker (wenn man rohes Meeresgetier mag…), manch anderes gewöhnungsbedürftig. Das rohe Pferd mit einem rohen Ei drauf war eher ein Lowlight, es gibt schon einen guten Grund warum man Pferd für einen rheinischen Sauerbraten ein paar Tage in einlegt. In Japan habe ich auch mit Stäbchen Essen gelernt. Was will man denn auch machen, wenn man Hunger hat, in einem Fischrestaurant ist und man keine Ahnung hat, wie man nach Messer und Gabel fragen soll, wenn das Personal kein Englisch kann und man auch nicht weiß, ob die sowas überhaupt haben. Mit viel Hunger kann man es dann in 30 Minuten soweit erlernen, dass es sitzt. Die richtige Motivation ist alles. In einem kleinen Ramen-Laden, betreiben von einem betagten Ehepaar welches nur Japanisch sprach, haben wir auch sehr zu deren Erheiterung unsere schauspielerischen Qualitäten zeigen dürfen: Ich wollte Ramen mit Rind, also mit den Fingern zwei Hörner gemacht und „Muh-Muh“ von mir gegeben; Tommy wollte Huhn, also hat er mit angewinkelten Armen geflattert und „Kickerikiii“ von sich gegeben. Hat super funktioniert, wir haben bekommen was wir wollten. Im Nachhinein fragten wir uns aber was wir wohl als Vegetarier gemacht hätten. Wie spielt man eigentlich eine Möhre?

 

Zum Meeresgetier: Der Fisch in Japan ist qualitativ wirklich das allerbeste und nicht vergleichbar mit dem, was bei uns serviert wird. Die Japaner sind eben auch gewillt für Qualität einen entsprechenden Preis zu zahlen und kaufen munter das Beste vom Weltmarkt auf (oder fangen es gleich selbst). Für uns preissensitive Deutsche bleibt wohl das übrig, was die Japaner nicht mal an ihre Katzen verfüttern würden. Andererseits kann man in ein Fischstäbchen auch jeden Beifang packen, mit genügend Panade ist alles genießbar. Das absolute Highlight dort war die frische Königskrabbe. Mitunter das Beste, was ich je gegessen haben. Eine Spezialität aus dem rauen Beringmeer, die man dort noch lebendig auf dem Fischmarkt erhält. Die Tiere sind ziemliche Brocken. Wir gingen auf dem Fischmarkt zu einem Händler und bekamen irgendwie mit Händen und Füßen heraus, dass er auch einen Topf kochendes Wasser hat, um uns diese zuzubereiten. Dann ab an die Aquarien und ein schönes Exemplar rausgesucht. Für ein Erinnerungsfoto mit dem zu dem Zeitpunkt noch lebende Tier drückte mir der Fischhändler das Monster in die Hand, danach verschwand es für 30 Minuten im Kochtopf. Derweil wurden uns am Straßenrand zwei Plastikstühle und ein Tischchen angerichtet uns als Aperitif gab es (ebenfalls frisch aus dem Aquarium) japanische Austern. Die Königskrabbe wird weder gewürzt, noch gibt es irgendwelche Beilagen oder Soßen dazu. Einfach nur das sehr fein texturierte und aromatische Fleisch genießen, genügend war es eh. Ein absoluter Genuss, Hummer ist dagegen richtig ordinär. Allerdings haben wir 120 € für die Krabbe auf dem Fischmarkt bezahlt… In einem Restaurant dort wären es gut 300 € gewesen. Qualität hat halt seinen Preis.

 

Sapporo

 

Das Essen führt mich zum östlichen Nachbarland, nach Südkorea. Dort verweilte ich auf der Vulkaninsel Jeju, dem „Hawaii Südkoreas“. Während die Japaner im Allgemeinen eher leicht essen, kann das Essen in Korea durchaus sehr deftig sein, was man auch daran erkennt, dass man doch deutlich mehr moppelige Leute in Korea sieht als in Japan. Rohes Meeresgetier gehört zwar genauso auf die Speiskarte, aber es wird doch auch mal gekocht, was in Japan eher seltener der Fall war. Abalone (eine Meeresschnecke) zum Beispiel schmeckt gekocht sehr lecker und geht Richtung Miesmuschel, roh erinnert diese aber eher an einen salzigen Radiergummi. Weil so ziemlich alles gegessen wird, was sich im Meer tummelt, erinnert der lokale Markt auch eher an eine Zoohandlung. Und alles muss richtig frisch sein, also unter Umständen gaaaanz frisch. Eine Spezialität ist Oktopus, den man noch lebend(!) verspeist. Als ich das gesehen habe, beschloss ich, dass ich mich doch irgendwie einschränken muss: ich esse oder probiere zumindest alles, was sich nicht mehr bewegt. Roh darf es sein, aber es muss tot sein. Die sehr phallisch aussehenden und sich noch bewegenden rosa Seegurken habe ich dann auch lieber ausgelassen. Immerhin verschmähen die Koreaner auch nicht ein ordentliches Stück gegrillten Bauchspeck. Dieser wird dann auf dem Tisch im Restaurant mit einem speziellen Grill frisch zubereitet, am Besten vom Schwarzborstenschwein. Dazu lecker Kimchi, das scharfe koreanische Sauerkraut. Als Andenken hatte ich noch eine Dose gekochte Seidenspinnerraupen mitgebracht, aber irgendwie verstaubt diese jetzt schon eine ganz Weile ungeöffnet in der Speiskammer. Ich habe gehört die sollen entfernt nach Leberwurst schmecken, wir hatten bislang aber nicht den Mut, uns da ranzutrauen.

 

In Korea hatte ich aber, trotz hervorragender Pisa-Ergebnisse des Landes, wie in Japan das Problem, dass man mit Englisch nur schwer durchkommt. Geht aber auch so. Der Grenzbeamte bei der Einreise in Seoul hat mich mit irgendwas auf Koreanisch zugetextet, als er meinen Pass in der Hand hatte. Ich habe dann ein Lächeln aufgesetzt, große Augen gemacht und einfach mit den Schultern gezuckt. Nach weiteren Erläuterungen auf Koreanisch nochmal das gleiche Spiel von mir, er schüttelte nur resigniert den Kopf und ich bekam meinen Einreisestempel. Jeju selbst ist eigentlich eine sehr schöne Insel. Tropisch angehaucht, viel Basalt, schöne Bauwerke, nette Leute, zumindest wenn man sich mit jemandem verständigen kann. Irgendwie fühlte ich mich auch nicht ganz so fremd wie in Sapporo. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass die koreanische Küche, bis auf ein paar Ausreißer, richtig gut ist?

 

Jeju

 

Zu guter Letzt dann noch der reiche Stadtstaat Singapur, gelegen am Äquator und ganz anders als Japan oder Korea. Die Bevölkerung ist ein bunter Mix aus Chinesen, Malayen und Tamilen, wobei Singapur als intentionales Finanzzentrum und Umschlagplatz der globalen Warenströme auch sonst viele andere Ausländer anzieht. Kein ethnisch eher einheitliches Land wie Korea oder Singapur. Dazu ist Englisch Amtssprache, die Verständigung ist also gar kein Problem. Das autokratisch regierte Singapur ist bekannt dafür drakonische Strafen zu verhängen, selbst für Dinge, die bei uns höchstens als Bagatelle angesehen werden. Auf dem Campus wäre die Strafe fürs Rauchen im Freien bei umgerechnet 4000€ (!) gelegen. Tja, da verzichte auch ich mal auf eine Kippe. Und so sieht die Stadt auch aus: pikobello sauber, keinerlei Graffiti etc. Nett, aber irgendwie auch steril. Der Zettel den man bei der Einreise in den Pass bekommt ist auch, äh, freundlich: „Death for drug taraffickers under singapur law“ und das ziehen die auch durch. Ich frage mich, was dort die singapurische Jugend in der Sturm-und-Drang-Zeit macht.

Nichtsdestotrotz, die Stadt besticht durch eine Fülle an wunderbarer, modernster Architektur. Da wurde mal richtig viel Geld mit Stil verbaut. Das fand ich schon sehr beeindruckend. Als ich durch die Stadt schlenderte gab es einige WOW!-Momente. Die Singapurer fand ich auch wesentlich aufgeschlossener und gesprächiger als die Japaner oder Koreaner, wobei natürlich auch die Sprachbarriere fehlte. Wie die Bevölkerung ist auch das Essen dort ein reichhaltiger Mix und man bekommt eigentlich alles. Die gekochten Hühnerfüße werde ich aber wohl eher kein zweites Mal essen. Sehr zu empfehlen ist ein Besuch des Dachgartens über dem 55sten Stock des Marian Bay Sands Resorts. Das Gebäude ist schon krass, aber die Aussicht ist auch vom Allerfeinsten: Auf der einen Seite die Stahl- und Glastürme des Finanzdisktriktes, unter einem die tolle Anlage des Gardens by the Bay und auf der andere Seite die dort nur 2.8 km breite Straße von Malakka, durch welche ¼ des weltweit per Seeschifffahrt beförderten Handels gehen. Unglaublich, wie viele Schiffe dort durchfahren und das sind alles wirklich große Pötte. Da bekommt man wirklich ein Gefühl dafür, wieviel durch die Globalisierung eigentlich um die Welt geschippert wird. Und das sind nur die Schiffe an einem Tag.

Singapur ist wirklich einen Besuch wert und beeindruckend, für mich gab es nur einen ganz großen Nachteil: Es liegt voll in den Tropen. Das Klima kann ich überhaupt nicht ab. Bei jeder Bewegung draußen habe ich wirklich geschwitzt wie ein Schwein und nachts wurde es auch keinen Deut besser. Und das ganze Jahr über bleibt es mehr oder minder so. Nein, das wäre auf Dauer wirklich nichts für mich, dann doch lieber in eine Wüste oder in Richtung Eis.

 

Singapur

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© Thomas Schaub