Tessin - "Ich scheiss auf Ponte Brolla" (September 2011)

 

Das Tessin wird meist mit Plaisirklettern auf Gletscherschliffplatten am Ponte Brolla ohne signifikanten Zustieg, Bouldern an den unzähligen Blöcken in den Tälern sowie gediegenem Badeurlaub am Lago Maggiore verbunden. Ignoranten! Hat das Tessin doch eine solch wunderschöne und einsame Bergwelt zu bieten. Trotz der eher geringen Gipfelhöhen (max. 3272 m; Basodino) muss man sich zum Erreichen vieler Gipfel aufgrund der teils sehr tiefen Täler ordentlich Höhenmeter in die Beine laufen. Dazu eine für Schweizer Verhältnisse eher bescheidene Hütteninfrastruktur, die meisten Gipfel sind nicht mit einem Steig oder ähnlichem erschlossen und erfordern doch öfters mal Kletterei im II-IV Grad. Dies sorgt dafür, dass die Wandererspreu erfolgreich vom Bergsteigerweizen getrennt wird und man dementsprechend oft niemanden unterwegs antrifft. Von den reinen Sportkletterern ganz zu schweigen.

 

Die von den Gletschern plattgehobelten Plaisirgebiete rund um den Ponte Brolla sind an schönen Septembertagen hoffnungslos überlaufen, während im alpinen Gelände weit über den Tälern allerfeinster, rauester, einsamer und meist von fixen Sicherungen verschonter Hochgebirgsgneis auf einen wartet. Aber wer schleppt schon 800 Hm das Seil und Gerödel hoch, um dann den 50 Meter langen Nordgrat an der Sassariente zu klettern? Wir schon, laut Gipfelbuch aber sonst so gut wie niemand. Auch Routen wie der Nordostgrat der Cristallina mit knapp 3 km Länge im moderaten II-III Schwierigkeitsgrat ziehen aufgrund des grasgespickten Felses und des bei aperen Verhältnissen übel schuttigen Abstieges auf dem Normalweg (und des langen Rückweges, den man bei der Überschreitung noch dazubekommt) auch nicht gerade die Massen an.

 

Die Tour von Foroglio durchs Val Calnegia, eines der schönsten Alpentäler, das ich kenne, nach Bosco Gurin tun sich heutzutage auch nur wenige an. Dies könnte daran liegen, dass man 2000 Hm Aufstieg und 13 Stunden Gehzeit zu bewältigen hat, freilich ohne das man dabei noch einen Gipfel besteigt. Beim Pizzo del Prevat, an dem die Südseite mittlerweile zu einem großen Klettergarten „saniert“ wurde, hat man im by-fair-means Stil (ohne die Seilbahn vom Val Leventina aus zu benutzen) vom Val Lavizzara aus auch seine 1300 Hm Zustieg. Wählt man den zum Glück noch komplett fixsicherungsfreien NNW-Grat als Aufstieg für die Überschreitung, dann ist ein geniales und luftiges Bergerlebnis zu haben. Auch die mindestens 1800 Hm auf die Graskuppe des Pizzo Mezzodi, der eine wunderschöne Aussichts-warte ist, wollen bewältigt werden. In der wild-pittoresken Gneiswüste um den Pizzo Arzo wird man aufgrund weglosen Geländes ebenso vom Trubel verschont.

 

Auch das erhabene Wandfluhorn (schlappe 1400 Hm Zustieg), welches über Bosco Gurin wacht, bietet eine wunderschöne einsame alpine Krabbelgratkletterei, während sich die Tourimassen unten die alten Walserhäuser im Freiluftmuseumsdorf anschauen. Der weglose Steilschotter über die NO-Flanke des Pizzo del Lago Sucro vom Lago Superiore steht wohl auch nicht hoch im Kurs. Dafür kann man im Rahmen der Überschreitung den herrlichen Westgrat im Abstieg begehen. Für einen gepflegten Tessinbesuch weit abseits ausgetretener Wege seien einem die hervorragenden SAC-Clubführer von Giuseppe Brenna ans Herz gelegt, in denen wirklich alles drin ist. Wer sich also noch als Bergsteiger ansieht, weglose lange Zustiege nicht scheut, cleanen Fels mag, wunderbare Aussichten und Landschaften schätzt sowie keinen Bock auf Menschenansammlungen hat, dem sei ein Besuch der Tessiner Hochgebirgswelt wärmstens anzuraten.

 

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© Thomas Schaub