Dem Himmel nah... (Peru 2017)

 

Sich einen Traum zu erfüllen ist immer ein zweischneidiges Schwert: Es könnten sich die Erwartungen an ein idealisiertes Traumbild nicht erfüllen und man ist danach fruchtbar enttäuscht. Außerdem hat man danach ein Ziel weniger, auf welches es sich hinzuarbeiten lohnt. Andererseits können aber auch langgehegte Erwartungen erfüllt werden und man ist hinterher in einen Zustand tiefster Zufriedenheit, von welchem man lange Zeit zehren kann.

 

Ein seit Kindheitstagen langgehegter Traum meiner Liebsten war es, einmal Machu Picchu zu besuchen, um diese legendärere Inkastadt mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben. Ich hatte hier immer Vorbehalte, da ich solche touristischen Highlights ob der potentiellen Menschenmassen und den Begleiterscheinungen eigentlich eher meide. Und Machu Picchu ist eigentlich DIE begehrteste Sehenswürdigkeit schlechthin in Südamerika. Da mich Susanne aber in den letzten Jahren auf doch einigen, teils anstrengenden, Unternehmungen begleitetet hat, welche eher meinen Wünschen entsprungen waren, hatte sie auch einiges auf der Haben-Seite und ich meinte irgendwann: „Wenn es solch ein langgehegter Traum von dir ist, was soll es, wir haben das Geld dafür, also lass uns mal Machu Picchu besuchen, in Peru waren wir ja auch noch nie.“ Als die Planung dann etwas konkreter wurde bekam ich zufälligerweise über einen Newsletter von einem Allgäuer Bergtourenveranstalter ein Angebot ins Haus, welches ideal erschien: Eine 15tägige, geführte Bergreise mit Machu Picchu und anderen hochgelegenen kulturellen Sehenswürdigkeiten als Auftakt und zur Akklimatisierung, gefolgt von der Besteigung eines technisch einfachen 6000er als Abschluss. Da ich eh schon immer mal in den Anden zum Bergsteigen gehen wollte erschien dies perfekt: Susanne bekommt Machu Picchu und ich auch mal einen Gipfel der etwas über die maximalen Höhen in den Alpen hinausgeht. Eine klassische Win-Win-Situation.

 

Bislang hatten wir aber auch keine geführten Touren unternommen und bei solchen Reisen weiß man natürlich auch nie, wer sonst noch alles mit dabei ist, und ob es menschlich passt. Der Vorteil ist allerdings, dass einem im Vorfeld die komplette Organisation abgenommen wird und man davon ausgehen kann, dass alles vor Ort mehr oder minder klappt, was natürlich furchtbar bequem ist. In Zeiten ordentlicher beruflicher Auslastung kam uns dies doch sehr entgegen, vor allem da ich bei den bislang selbst organisierten Reisen den zu erbringen Aufwand im Vorfeld doch sehr gut kenne.

 

Im Frühjahr 2017 stand dann soweit alles, der Veranstalter hatte mit uns eine überschaubare Gruppe von neun Gästen zusammen und im Oktober sollte es nach Peru gehen. Doch dann kam im April die unerwartete und traurige Nachricht, dass der Veranstalter (und Bergführer der Tour) verstorben ist. Dies war natürlich ein Schock und wir wussten erst einmal auch nicht, wie es weitergehen sollte. Nach ein paar Wochen bekamen wir dann aber die Mitteilung, dass eine benachbarte Bergagentur die geplante Reise übernimmt, damit diese trotzdem stattfinden konnte. Ein befreundeter Bergführer des ursprünglichen Veranstalters, welcher die Peru-Tour auch schon öfters geführt hatte, erklärte sich dann auch dafür bereit, die Tour zu führen. Natürlich lag durch diese Umstände dann doch eine nachdenkliche Stimmung über der Tour und vor Ort haben wir auch öfters über dieses Thema diskutiert, wobei ich auf die Details hier nicht eingehen will.

 

Die Tour selbst war bezüglich der Höhenanpassung für die Bergziele zum Ende hin schon ideal geplant: Eine Woche Kulturprogramm in Höhen von 2300-4100 m, um dann das Hochgebirge anzugehen. Wenn man sich das Höhenprofil der Reise anschaut, dann sollte man richtig akklimatisiert sein. Mangelnde Akklimatisierung ist das größte Problem für einen technisch einfachen Hatsch-6000er und wie uns berichtet wurde scheitern wohl viele Flachlandaspiranten an genau dem Punkt, wenn nicht die nötige Geduld zur Akklimatisierung aufgebracht wird. Auf >6000 m ist die Luft halt doch schon etwas dünner… Da Susanne und ich bislang auch nicht annähernd in solchen Höhen unterwegs waren gab es natürlich auch eine gewisse Spannung ob wir beide, die auch noch Raucher sind, dies wegstecken. Aber Versuch macht bekanntlich klug!

 

Das für die Akklimatisierung ideale Höhenprofil unserer Reise

 

Unsere Reise begann dann in der alten Inkahauptstadt Cusco, von wo aus wir einige lohnende Sehenswürdigkeiten in der Umgebung wie die Salinen, das heilige Tal, die Inkaruine Sascsayhuaman sowie Ollantaytambo aufsuchten. Leider konnte man so auch sehen, was von den Konquistadoren und den nachfolgenden Generationen von den Inkaerschaffungen zerstört bzw. überbaut wurde, was das noch mehr oder minder unzerstört erhaltene Machu Picchu auch deshalb so attraktiv macht.

 

Was ich vorher nicht so ganz auf dem Schirm hatte ist die Abgelegenheit im zerklüfteten Regenwald und eingeschränkte Erreichbarkeit von Machu Picchu, weshalb über Jahrhunderte nur bei den Einheimischen bekannt war, dass es dort noch eine alte Inkastadt gibt, bevor diese Anfang des 20ten Jahrhunderts „entdeckt“ bzw. publik gemacht wurde. Heutzutage hat man im Prinzip zwei Möglichkeiten dorthin zu gelangen: Mittels einer viertägigen Wanderung über den Inka-Trail, quasi von Oben, wobei die Begehung desselbigen heutzutage nur mittels einer Genehmigung erfolgen darf, welche auf 500 pro Tag limitiert sind. Die andere Option ist eine etwa zweistündige Zugfahrt, deren Tickets limitiert sind, durch die wilde Schlucht des Urubamba von Ollantaytambo zu dem nur per Bahn zu erreichenden Retortenort Aguas Caliente. Dieser Ort liegt eingequetscht in der tief eingeschnittenen Schlucht und ist der Stützpunkt um morgens in der Früh dann noch per Bus die etwa 600 hm über eine interessante Schotterpiste nach Machu Picchu zurückzulegen. Die eingeschränkte Erreichbarkeit zu Fuß und per Bahn ist in diesem Falle ein Segen, da so die Zahl der Gäste die pro Tag Machu Picchu besuchen können auf etwa 3000 eingeschränkt ist (früh im Voraus buchen!), sonst wäre dort sicher noch viel mehr los, was der alten Inkastadt noch weniger als der heutige Trubel bekommen würde. Da Machu Picchu recht groß und umfangreich ist verteilt sich dies Gästeanzahl ganz gut dort und es war mit dem Andrang weit weniger schlimm, als ich es vorab befürchtet hatte.

 

Um einen der ersten Busse zu bekommen (diese starten um 05:30), hieß es im Dunkeln eine Stunde anstehen, was sich aber gelohnt hatte. Gegen Mittag ziehen in der Gegend meist Wolken auf und es wird recht dunstig, wer also noch schönes Licht zum Fotografieren haben will, sollt früh oben sein, vor allem ist dann auch noch nicht gar so viel los. Es dauert nämlich eine ganze Weile, bis die Busse mit 40 Sitzen die Touristen hochgeschaufelt haben. Und was gibt es zu Machu Piccu selbst zu sagen? Es war wirklich fantastisch und beeindruckend! Die Lage der Stadt hoch oben auf diesem Felskamm, dem Himmel zustrebend, über wilden grünen Schluchten und dann dieses wunderbar erhaltene Dokument der Inkabaukunst haben etwas magisch-mystisches. Auch wenn natürlich viel los ist, es ist auf jeden Fall einer der Orte die man besuchen sollte, wenn man die Möglichkeit dazu hat, aber da lasse ich dann auch doch lieber die Bilder für sich sprechen.

 

 

Susanne war begeistert, sich diesen Traum erfüllt zu haben, und sie hat es auch absolut nicht bereut. Merke: Träume sollte man verwirklichen, wenn man die Möglichkeit dazu hat und nicht ewig hadern. Um dann noch etwas Abstand zu gewinnen und die Ruine aus einer anderen Perspektive zu bestaunen bestiegen wir den Cerro Machu Picchu (3050), dessen Gipfel man es auf nicht enden wollenden Stufen über 600 hM auf einem alten Inkapfad erreicht. Auch wenn es alpinistisch trivial ist, dessen Besteigung lohnt sich als zusätzliches Schmankerl auf jeden Fall, die Sicht aus der Vogelperspektive auf Machu Picchu ist wirklich toll. Zudem ist dort auch deutlich weniger los, da der Aufstieg kontingentiert ist.

 

Nach diesem ersten Highlight ging es für die weitere Akklimatisierung und andere kulturelle Sehenswürdigkeiten an den Titicacasee, der ja auch schon auf 3830 m liegt. Auf der Insel Amantani im Titiacasee konnte Susanne dann auch mit der „Pachamama“ endlich ihren ersten 4000er besteigen, was in der Trainingswoche im Juli in den Alpen ja leider nicht geklappt hatte. Allerdings war dies ein Gipfel, der nur minimalsten bergsteigerischen Wert hat, da es ein besserer Hügel war, dessen höchster Punkt mittels eines halbstündigen Abendspaziergangs erreicht wurde. Kein Kunststück, wenn die Seeoberfläche schon auf 3830 m liegt. Aber egal, 4000 er ist 4000er, auch wenn man auf dem Weg dorthin schon mit dem Bus über Pässe gefahren ist, die über 4000 m liegen…

 

Nach gut einer Woche moderater Höhenluft setzten wir dann nach Arequipa über, der staubigen Metropole im trockenen Süden von Peru. Dort begann dann der bergsteigerische Teil unseres Perubesuches. Die Berge, welche wir zum Ziel hatten, liegen in der Cordillera Volcanica. Die Gipfel in der 5000 bis 6000 m Region sind dabei alles ausnahmslos Vulkane, zum Teil erloschen, zum Teil noch ziemlich aktiv (dazu später mehr). Die Gegend an sich ist sehr trocken und wüstenähnlich (die Atacama fängt hier langsam an), wobei die Gipfel teils recht verstreut und dadurch dominant sind, was einem ein schönes Gefühl der Weite gibt. Da es aber Vulkane sind, sind diese Gipfel im Allgemeinen wenig steil und ob des Mangels an Niederschlag am Ende der Trockenzeit teils bis in Höhen über 6000 m schnee- und eisfrei, also technisch zum Teil recht einfach zu haben. Wer solch bekannte Andenbergbilder wie von den stark vergletscherten Felsbergen über der 6000m Marke in der Cordillera Blanca im Kopf hat muss hier sein Bild der Anden etwas revidieren. Allerdings sollte angemerkt sein, dass es sich bei den meisten Bergen dort um riesige Geröll- und Aschehaufen handelt. Die Besteigungen können also, trotz mangelnder technischer Schwierigkeit, durchaus mühsam sein (ein Schritt vor, drei zurück).

 

Für die weitere Akklimatisierung und zum Eingewöhnen an die Aschehatscherei fuhren wir ins Hochland im Süden von Arequipa mit dem Ubinas (~5600 m) als Ziel. Alleine die vielstündige Fahrt über die teils ausgesetzte Schotter/Sandpiste dorthin war schon interessant, vor allem wenn man dann mal weiß, durch welches Gelände man einen Mercedes Sprinter noch bewegen kann. Hut ab vor dem routinierten Fahrer! Auf dem Hinweg sahen wir dann etwas, was wir im Oktober dort in der Wüste eigentlich nicht zu sehen bekommen sollten: Regen- und Graupelschauer. Auf meine Frage an den lokalen Führer, wie oft es denn im Oktober hier Niederschlag hat kam als Antwort: „Nie! Wenn es überhaupt Niederschlag hat, dann in der Regenzeit im Januar-März!“ Immerhin sorgten die frisch gezuckerten Berge für ein paar sehr schöne Motive, das Ganze hätte uns aber doch schon zu denken geben sollen.

 

Mitten im Nirgendwo schlugen wir dann unser komfortables und idyllisches Basislager auf 4400 m auf. Das Lager und die Führung wurden hierbei von einer lokalen Agentur organisiert und ich muss sagen, die haben das richtig gut gemacht. Pro zwei Personen gab es ein Schlafzelt, ein großes Essenszelt wurde gestellt, ein dezidiertes Küchenzelt und sogar ein Latrinenzelt, was in der windigen und kalten Gegend beim großen Geschäft doch angenehm war. Geht zwar auch ohne, aber wenn man hat, dann hat man. Da auch ein eigener Koch mitgebracht wurde, gab es im Lager pro Mahlzeit drei Gänge, zum Frühstück frisch gebratenen Eier und so weiter, wie auch immer der das alles für so viele Personen in seinem Miniküchenzelt zusammengebruzelt hat. Es ist schon etwas Feines sich im Zelt auf 4400 m Abends ein frisch gebratenes Alpakasteak mit Fritten und Salat servieren zu lassen, aber mei, wir hatten ja schließlich Urlaub. Ich glaube aber nicht, dass dies expeditionstypisch ist, ich hatte mich vorab eigentlich mehr auf Tütensuppe im Camp eingestellt. Das war zumindest bisher meine Verpflegung, wenn ich das Zelt und Nahrung selbst auf dem Rücken irgendwo gen Berg bringen musste. Mit dem Alter kommt wohl die Dekadenz.

 

Am Ubinas sollte dann bis zum Kraterrand (~5400 m) auf- bzw. von dort zum Sekundärkrater hinabgestiegen werden. Bei der Lagebesprechung am Tag zuvor gab es von unserem deutschen Bergführer noch ein paar Infos, der den Gipfel schon öfters gemacht hatte: „Also, der Ubinas ist technisch sehr einfach und der Aufstieg dauert auch nicht zu lange. Das Ganze dient rein der gemütlichen Akklimatisierung. Da die Bedingungen hier zu der Jahreszeit völlig stabil sind, müssen wir auch nicht früh los, wir haben den ganzen Tag Zeit. Ich habe auch keine Lust nachts in der Kälte zu frühstücken, das machen wir schön in der Sonne und starten gegen 09.00 Uhr.“ Hm, Thema stabile Bedingungen: er hatte wohl die Schauer auf der Hinfahrt schon vergessen. Aber dafür hat man bei einer geführten Tour einen Führer, er wird schon wissen, was Sache ist.

Um sich einiges an Laufstrecke zu ersparen wurden wir mit dem Geländewagen noch ein Stück gen Berg gefahren, bevor wir dann den monotonen Ascheaufstieg zum Gipfel beginnen durften. Das lief eigentlich recht gut. Wir merkten, dass wir schon gut akklimatisiert waren, und so erreichten wir dann problemlos den Kraterrand auf etwa 5400 m. Ein neuer Höhenrekord für Susanne und mich. Unser erster 5000er! Die gelegentlichen Graupelschauer im Aufstieg hätten uns aber („stabile Bedingungen zu der Jahreszeit“ sag ich nur) schon etwas stutzig machen sollen. Der Ubinas ist eigentlich gerade aktiv und der Krater selbst ist eine graue, abweisende Aschewüste. Glücklicherweise brodelte er gerade nur auf Sparflamme, so dass man sich dem Sekundärkrater in der Mitte nähern konnte. Je näher man kam, desto stärker wurde der Schwefelgeruch und am Sekundärkrater angelangt blieb mir erst einmal der Atem weg: Plötzlich steht man vor einem kreisrunden, etwas 250m tiefen Schacht mit senkrechten Wänden und in der Tiefe brodelt es. Sehr beeindruckend und völlig anders als ich es von den Vulkanen kannte, auf denen ich bislang war. Da kann gut man erahnen, welche Energie die Eruptionen als haben, wenn sich so ein Loch ausbilden kann und man vor allem nicht in der Nähe sein will, wenn sich dies ereignet.

 

Nachdem wir wieder zu Kraterrand hinaufgestiegen waren zog es immer mehr zu und auch der Graupel setzte wieder ordentlich ein. Es wurde düsterer und plötzlich kam der erste Blitz. Bei mir gingen alle Warnlampen an: Wir sind exponiert auf einem einsam in der Gegend stehenden Berg über 5000 m Höhe und befinden uns gerade in einer Gewitterwolke! Die beiden peruanischen Führer die dabei waren schauten etwas perplex, da die mit solchem Wetter wohl nicht gerechnet hatten und verzogen sich erst einmal hinter einem Stein. Ich daraufhin zu Susanne: „All meine alpine Erfahrung sagt mir, dass wir JETZT ziemlich schnell schauen sollten, dass wir von dem Kraterrand hier runterkommen, sonst wird es ziemlich ungemütlich.“ Ich gab noch den anderen in der Nähe Bescheid, die sich der Lage noch nicht gar so bewusst waren und dann ging es im Schnellabstieg runter. Dies ist übrigens ein großer Vorteil von solchen Aschebergen: Hoch ist mühsam, runter kann man die Asche aber einfach wie ein Schneefeld abfahren. Innert weniger Minuten waren wir aus der Gewitterwolke draußen und auch bald wieder am Geländewagen. Erst dachte ich etwas überreagiert zu haben, da außer uns keiner aufgebrochen war. Aber dann kam innerhalb weniger Minuten ein Teilnehmer nach dem anderen, inkl. Führer, aus den Wolken raus die Asche runtergerauscht, mittlerweile hatte sich oben wohl ebenfalls die Erkenntnis durchgesetzt, dass es bessere Plätze gibt ein Gewitter auszusitzen als ein exponierter Gipfel. Kommentar des Bergführers: „Ich komme seit etlichen Jahren her, aber das habe ich hier noch nie erlebt.“ Das Leben ist immer voller Überraschungen.

 

 

Nach einer weiteren Akklimatisierungsnacht im Lager am Ubinas sowie einer Erholungsnacht im Hotel in Arequipa wurde dann der bergsteigerische Höhepunkt (also was die Höhe angeht) der Reise in Angriff genommen. Der Chachani ist ein mehrgipfliger Vulkan, welcher sich als dominantes Massiv erhebt, wobei dessen höchster Punkt bei 6075 m liegt, aber am Ende der Trockenzeit, zu welcher wir dort waren, Schnee- und Eisfrei ist. Ob dies eine Besteigung jedoch vereinfacht sei in Frage gestellt, im Prinzip ist es ein gut 6 km hoher Haufen Asche und Schutt. Im Trittfirn aufzusteigen wäre sicher auch nicht anstrengender gewesen. Der Chachani gilt als der einfachste 6000er, da technische Schwierigkeiten fehlen und die Bedingungen normalerweise stabil sind. Als einziger kritischer Punkt gilt die Höhe. Also das ideale Ziel, wenn man zuvor nicht mal annährend in solchen Höhen war um zu testen, ob man dafür überhaupt geeignet ist. Erstaunlicherweise war trotzdem eigentlich nichts los am Berg: Außer unser Gruppe waren noch fünf andere Bergsteiger am Berg, was sich an einem Gipfel dieser Größe natürlich völlig verläuft.

 

Es lief erst einmal ähnlich ab wie am Ubinas: Eine mehrstündige Fahrt soweit uns der Sprinter brachte, dann Transfer mit dem Geländewagen soweit es durchs Gelände ging zum Basislager in 4900 m Höhe, also schon über Mont-Blanc-Niveau. Analog dem Ubinas wurde das Zeltlager errichtet, diesmal durften wir uns aber auf eine kurze und kalte Nacht einstellen: Weckzeit am anderen Tag war nämlich 01:00 Uhr und Abmarsch um 02:00 Uhr. Pffff. So viel zum Thema Erholungsurlaub, aber man fühlt sich ja als Alpinist, da muss man dann wohl oder übel durch. Die Westalpen lassen grüßen. Nach wenig erholsamer und kurzer Nacht zauberte uns der Koch aber trotzdem noch um viertel nach eins in der Früh Rühreier, so hatten wir also wenigstens eine gescheite Grundlage im Magen, bevor es losging. Tags zuvor hatte ich mir noch eine Thermoskanne voll ordentlich starken Coca-Tees gerichtet, dieser sollte dann den restlichen Auftrieb zum Gipfel geben (“Inka-Doping“…).

 

Um zwei war dann pünktlich Abmarsch und die ersten beiden Stunden durften wir im Lichte der Stirnlampen erst einmal ohne merklichen Höhengewinn durchs Blockgelände queren, bis wir zu der eigentlichen Aufstiegsroute gelangten. Da wir ob der Höhe nur ein recht langsames Tempo gingen und es recht frisch war (< -10°C) lief auch die Maschine nicht so richtig warm, ergo alles an Klamotten an, was im Rucksack war. Der eigentliche Aufstieg verlief dann äußerst monoton über sechs Stunden in endlosen Serpentinen entlang einer >1000 hm Sand/Aschereiße, welche vom Gipfel herabzog. Irgendwann wurde es zwar hell, aber wir stapften immer noch im Schatten rum, wodurch sich immer noch nicht das wohlige Gefühl von Wärme einstellen wollte. Wir waren echt froh, als wir irgendwann in die Sonne kamen. Da der Aufstieg ziemlich offensichtlich und unkritisch war zog sich unsere Gruppe, je weiter wir nach oben kamen, auch immer mehr auseinander, es war ja eh nur monotone Latscherei. Es ist schon erstaunlich wie sich die Höhe auswirkt, im Vergleich zu alpinen Aufstiegen machten wir nur zäh Höhenmeter. Aber Susanne und ich fühlten uns eigentlich recht wohl, Kopfweh, Kurzatmigkeit oder Übelkeit hatten wir keine, man war halt nur irgendwie fertig. Je weiter wir nach oben kamen, desto öfters mussten wir kurze Verschnaufpausen einlegen. Zwischendurch stellte ich mir doch öfters selbst die Frage, warum man solch eine monotone und mühsame Hatscherei eigentlich macht, aber da der Gipfel lockte kam ein Abbruch nicht in Frage. Wenn nicht dieser 6000er, dann wird das nie was. Wie ich erwartet hatte erwies sich meine Liebste als außerordentlich zäh. Obwohl sie hier eigentlich nur mir zuliebe mitgekommen war und sie von sich aus so etwas nie angegangen hätte gab es keinerlei Murren und sie zog konsequent ihren Stiefel gen Gipfel durch. Aber alle Mühen habe irgendwann ihr Ende und ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir dann freudig und noch in erstaunlich guter Verfassung (zumindest die Gipfelkippe hat mir noch geschmeckt) den höchsten Punkt.

 

Obwohl der Aufstieg eigentlich Müll war, hatten sich die Mühen wirklich gelohnt: die Aussicht vom Gipfel war einfach überwältigend! Da die nächsthöheren Berge gut 40 km entfernt sind und sich der Chachani als Vulkan dominant aus der Ebene erhebt war es eine absolute Aussichtloge, über einem ganz nah der tiefblaue Himmel. Als weiteres Highlight brach auch noch gerade der benachbarte Vulkan Sabancaya (5976 m) aus und spuckte innerhalb von Sekunden eine kilometerhohe Aschewolke in den Himmel. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas mal mit eigenen Augen sehe, vor allem noch von einem solchen perfekten Aussichtspunkt aus. Dies war tief beeindruckend und so verweilten wir auch eine ganze Weile auf dem Gipfel und ließen uns von der Höhensonne wärmen. Der Chachani, unser erster 6000er und dann noch zusammen als Familie erreicht! Sehr schön, jedes Jahr müssen wir uns das allerdings auch nicht geben, so prickelnd ist die Höhenlatscherei natürlich auch wieder nicht.

 

Der Abstieg von dem Haufen gestaltete sich dann aber, wie beim Ubinas, als wenig anstrengend und schnell: Die Aschereiße über die wir uns in sechs Stunden hochgekämpft hatten konnten wir in weniger als einer Stunde auf den Hacken einfach abrutschen. Allerdings sahen wir danach aus wie sau, das Ganze war schon eine sehr staubige Angelegenheit.

 

 

Zum Ausklang ging es dann noch in das beschauliche Colca-Tal, wo wir die majestätischen Kondore beobachten konnten und uns auch einen halben Tag im örtlichen Thermalbad gönnten. Irgendwann sollte man sich im Urlaub ja auch noch erholen. Trotz mancher Vorbehalte von mir gegenüber geführten Touren war die Reise sehr eindrücklich, intensiv und lohnend. Glücklicherweise war es eine angenehme und lustige Reisegruppe von Bergsteigern, wodurch größere Konflikte ausblieben und auch ansonsten alles reibungslos ablief. Hätte ich es selbst organisieren müssen, ich glaube eine solche Dichte an verschiedenen Zielen in 15 Tagen wären wir nicht angegangen, von dem her schadet es auch mal nicht, wenn man die Planung und Durchführung den Profis überlässt.

Peru war ein wirklicher Win²-Win² für uns beide, da sich Susanne zum einen endlich ihren Traum von Machu Picchu erfüllen konnte und mir es dort auch wirklich sehr gut gefallen hat, zum anderen war ich endlich mal in den Anden auf einem etwas höheren Gipfel, dies noch zusammen mit Susanne die sich da tapfer hochgekämpft hatte und auch sichtlich auch stolz darauf war. Was lernen wir daraus? Nicht träumen, sondern machen!

 

Weitere Bilder der Peru-Reise finden sich hier: www.morchel.org/der-westen/

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© Thomas Schaub