4215m - Saisonabschluss mit Akklimatisierungsproblemen (April 2022)

10 Jahre nach unserem mäßig erfolgreichen Skitourenosterausflug ins Berner Oberland (siehe: White Out!) wollten wir Ostern 2022 dann doch mal wieder zusammen gepflegt ein paar Skihochtouren machen. Ganz einfach, weil diese Konstellation, also Stefan und ich, Ostern und Skihochtour, naja, schon mal fast ordentlich in die Hose ging. Aber wir sind als Naturwissenschaftler schließlich nicht abergläubig, warum nicht auf ein Neues und jeder von uns hat auch zehn Jahre mehr an Erfahrung auf dem Buckel. Als Ziel wählten wir dieses Mal die schön hoch gelegene Mantova-Hütte im Monte Rosa Massiv, von der aus man in drei Tagen, wenn es gut läuft, sechs Viertausender (Punto Giordani und Balmenhorn zählen nicht) mit Ski machen kann.

 

Wir hatten uns von Karfreitag bis Ostermontag dort eingebucht und die Wettervorhersage war perfekt: nachts kalt, aber vier Tage am Stück nur Sonne. Da es sich daheim am Schreibtisch immer super plant, wurde folgendes Programm festgelegt: Karfreitag Anreise. Samstag dann Parrotspitze (4443 m), Ludwigshöhe (4344 m) und Corne Nero (4322 m). Sonntags Zumsteinspitze (4562 m) und Signalkuppe (4554 m). Am Montag dann noch die Vincentpyramide (4215 m), Abfahrt ins Tal und heim. Also sechs Viertausender an einem langen Wochenende mit Ski, alle sechs Gipfel von der technischen Schwierigkeit her auch was in unserer Liga.

 

Ein großartiger Plan, allerdings mit einem kleinen Haken: Ich war den ganzen Winter über nicht höher als 2500 m unterwegs und das auch nur kurz (siehe: Die epische Abfahrt). Ansonsten waren alle Skitouren deutlich niedriger bzw. ich war viel im Schwarzwald bzw. Lappland, was zwar für die Kondition hilft, aber nichts zur Akklimatisierung beiträgt. Das letzte Mal wirklich in der Höhe war ich letzten August, gut akklimatisiert, aber das war schon zu lange her (Bergsteigen in Ostanatolien).

 

Tja, aber wenn man halt unbedingt will, dann wird darüber hinweggesehen, es sind ja schließlich „nur“ die Alpen und ich war ja auch schon deutlich höher unterwegs. Ok, dafür aber halt gescheit vorbereitet (siehe:  Dem Himmel nah... ). Stefan merkte im Vorfeld schon an, ob es wirklich eine gute Idee sei, quasi von null (wir leben ja nur auf etwa 100 m Höhe) gleich auf eine Hütte auf etwa 3500 m zu übernachten? Er war immerhin ein paar Wochen zuvor noch an der Zugspitze, den Jubi-Grat im Winter machen. Wider besseren Wissens, dass ich sowas ohne Akklimatisierung eigentlich nicht vertrage (siehe: Hochtouristen mit Bürgerpass), wischte ich den Einwand mit „dann hauen wir uns halt ein paar Ibuprofen rein“ beiseite.

 

Gesagt, getan, also Karfreitag in der Früh nach Stafal gegurkt, gleich mit der Bahn auf 3300 m und noch die 200 hm weiter zur Mantova-Hütte. Tja, irgendwie merkte ich beim relativ kurzen Hüttenzustieg mit dem ganzen Geraffel dann doch schon die Höhe und mir ging ordentlich die Pumpe. Für die Nacht dann Ibuprofen rein. Da ich aber schon merkte, dass das zäh wird, kam die erste Planänderung: Doch erst einmal auf die nahegelegene Vicentpyramide und dann auf die höheren Gipfel.

So schoben wir dann am Samstagmorgen zum Sonnenaufgang die Ski über den nur leidlich eingeschneiten Gletscher mit schon einigen schönen Spaltenlöcher die gen Vincentpyramide. Ab etwa 3800 m ging mir ordentlich die Pumpe und ich quälte mich letztendlich, die letzten 80 hm mit den Steigeisen, den sehr verharschten Schnee hoch auf die Vincentpyramide (4215 m). Immerhin war, außer dem Wind, das Wetter top und die Aussicht war Klasse. Aber es war saumäßig zäh, die Nacht gleich auf 3500 m hatte mir nicht wirklich gutgetan. Leider waren wir noch viel zu früh dran, aber für einen weiteren Gipfel fehlte mir voll die Power. Also Abfahrt zur Hütte, leider im immer noch bentonhart gefrorenen Schnee, war das ein elendes Geholper.  Aufgefirnt war da leider noch nichts. Um halb zwölf waren wir wieder an der Hütte und ich nutzte den Tag um mich in der Sonne auf dem Hüttenbalkon zu erholen. Immerhin bekommt man auf italienischen Hütten selbst in 3500 m Höhe einen super Kaffee zu moderaten Preisen aus einer Siebträgermaschine. Aber irgendwie trug das nicht zur Akklimatisierung bei.

 

Sonntag dann der Plan mit Parrotspitze und Corne Nero. Also wieder zum Sonnenaufgang los. Aber ich merkte, dass mir immer noch bei jeder Bewegung die Pumpe ordentlich ging. Irgendwie hatte ich mich, durch das nichtvorhanden Akklimatisierungsprogramm, noch nicht an die Höhe gewohnt. Auf 3800 m merkte ich, dass es genauso zäh war wie am Vortag, nur das wir heute noch auf höhere Gipfel wollten. Irgendwie war das für mich nur Quälerei und ich war saulangsam, so als ob mir jemand einen Autoreifen hinten dran gebunden hat.

 

Ich schlug Stefan dann vor, falls dass für ihn kein Problem sei, ob er nicht einfach alleine weiter will, weil ich ihm mit meinem Tempo nur den Tag versaue. Er meinte, in dem Gelände und so viele Leute wie hier unterwegs sind, macht er das auch alleine. Just als ich umdrehte, kam eine deutsche Zweierseilschaft an uns vorbei (erkannten wir daran, weil wir mit einem „Hallo“ beim Vorbeigehen gegrüßt wurden). Stefan meinte dann, er frägt die einfach mal, ob er sich bei denen dranhängen kann und ging denen hinterher.

 

Ich fuhr dann ab zur Hütte, war dort zurück um 8 Uhr und legte mich erst mal noch bis halb eins ins Bett, um dann den Rest des Mittags in der Sonne auf dem Hüttenbalkon zu verbummeln. Gegen 15 Uhr kam dann auch Stefan wieder zurück, nachdem er an der Zumsteinspitze und der Signalkuppe erfolgreich war. Dann erzählte er mir, wie es war.

 

Also, als ich umdrehte fragte bei der ihm bis dahin unbekannten deutschen Zweierseilschaft nach, ob er sich denen anschließen kann. Die waren ihm wohlgesonnen und hatten kein Problem damit, dass er sich bei denen einband. Also gingen die zu dritt erst mal auf die Zumsteinspitze und dann weiter auf die Signalkuppe, wo die in der Margheritahütte eine Pause machten. So kamen die dann ins Gespräch und der Mann der Zweierseilschaft meinte dann, als Stefan erzählte, dass er aus der Pfalz kommt und dort auch Klettert nur: „In die Pfalz muss ich auch mal wieder zum Klettern. Da war ich schon öfters, da hat der Morchel sogar schon Kletterfotos von mir für Jahrbuch der Pfälzer Kletterer gemacht.“ Stefan darauf: „Der Morchel? Das war der, der unten gerade umgedreht hat!“ Tja, der bis dato Unbekannte der Seilschaft stellte sich als der Christian heraus, und natürlich kenne ich den, wie er sagte, wir waren hier schon klettern und ich war mit ihm auch schon auf Skitour. Nur als wir uns unten auf dem Gletscher flüchtig begegnet sind haben wir uns, dick eingepackt, überhaupt nicht erkannt und vor allem nicht damit gerechnet, einander zu begegnen. Als mir Stefan erzählte, dass der von der Seilschaft, der er sich zufällig angeschlossen, mich eigentlich kennt, fand ich das sehr amüsant. Und ich dann nur zu Stefan: „Und du hast ihn übrigens auch schon mal getroffen“. Er nur: „Wirklich? Wo?“ Ich: „Letztes Jahr im Kleinwalsertal am Parkplatz, als wir beide auf die Hammerspitze gingen und er zum Elfer. Das war der, den ich dort zufällig getroffen habe und mit dem wir uns eine ganze Wiele unterhalten haben, bevor wir los sind.“ Stefan nur: „Oh je, das hatte ich jetzt völlig vergessen.“ Tja, kleine Welt aber so hatte Stefan immerhin einen sehr schönen Tourentag mit angenehmer Begleitung und ohne Rumgejammer von mir, während ich auf der Hütte fünfe gerade sein ließ.

 

Am Montag beschlossen wir dann, dass es gut war, stiegen zu Fuß von der Hütte ab und nahmen die erste Bahn zurück ins Tal. Bei der leider sehr dürren Schneedecke für die Jahreszeit hatten wir auch wenig Elan, das doch steinige Gelände von der Hütte weg abzufahren.

 

Somit war dann mein Skitourensaisonabschluss „nur“ ein Viertausender und das noch die Vincentpyramide, nicht gerade die größte Nummer, aber immerhin, ein Viertausender mehr in meiner (kleinen) Sammlung. Und im Gegensatz zu Ostern vor zehn Jahren, musste uns die Bergwacht nicht rausholen… Nichtsdestotrotz, ich sollte wirklich beim nächsten Mal dran denken, mich irgendwie vorher zu Akklimatisieren, bevor ich solche Ziele angehe. Ich sollte es langsam wirklich besser wissen, dass ich es so nicht vertrage. Kommt Alter, kommt hoffentlich Weisheit.

 

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© Thomas Schaub