Hochtouristen mit Bürgerpass – By no fair means (Wallis 2019)

Wie schon an Ostern eifrig lamentiert, waren wir dieses Jahr relativ viel anderweitig verplant, weshalb die Besuche im großen Gebirge im Süden bislang zu kurz kamen. Im einwöchigen Sommerurlaub wollten wir uns deshalb als Hochtouristen betätigen, um den ein oder anderen höheren Haufen im Wallis zu besteigen. Susanne war zwar schon auf einem (technisch leichten) 6000er in den Anden, aber ein 4000er in den Alpen stand immer noch aus (siehe auch: www.morchel.org/ziele-geschichten/6580-hoehenmeter-training-für-die-anden-juli-2017/ ). Rund um das Saastal stehen mit dem Weißmies, dem Allalinhorn und dem Lagginhorn ein paar der leichtesten und gängigsten Viertausender im Gebirge und das waren dann auch die Ziele für uns, damit die Liebste auch mal auf einem Alpengipfel über dieser Höhenmarke stehen konnte.

 

Als jemand der gerne zeitig plant, hatte ich die Übernachtungen auf der Almagellerhütte (für das Weißmies), der Britanniahütte (fürs Allalinhorn) und den Weißmieshütten (fürs Lagginhorn) schon drei Monate vorab reserviert, in voller Hoffnung, dass die Bedingungen an den weit vorab geplanten Gipfeltagen auch passen. Aber wie lautet in etwa die alte Alpinistenweisheit? Wer drei Monate vorab plant, plant mehrfach… Als Stützpunkt im Tal für die Nächte dazwischen organisierte ich uns noch eine Ferienwohnung in Saas-Almagell, bei dieser war dann im Rahmen der obligaten Kurtaxe (7 Franken pro Nase und Tag) der „Bürgerpass der freien Ferienrepublik Saas Fee“ inbegriffen, der einen zu Besteigungen nach dem by-no-fair-means-Prinzip verleitet, dazu aber später mehr.

 

Bei Tour 1 zum Akklimatisieren und dem ersten Alpen-4000er für Susanne sollte es sonntags die etwa 1200 Hm Aufstieg zur Almagellerhütte gehen um dort eine Nacht zur Akklimatisierung zu verbringen (bei mir war die letzte Tour in Höhen über 3000m schon gut zwei Jahre her) und dann den mir bekannten und als schön in Erinnerung behaltenen Südgrat auf das Weißmies am Montag zu machen. Was meinte die Wettervorhersage am Samstag? Sonntag Top-Wetter, Montag schon ab der Früh Niederschlag und Gewitter. Da wir beide wenig Lust darauf hatten ein Gewitter auf dem Weißmies zu erleben, kam es dann zur ersten Planänderung: Wir probieren es am Sonntag vom Tal ab in einem Rutsch zum Gipfel, hoffen dass es passt und übernachten beim Abstieg auf der Almagellerhütte. In einem Rutsch heißt in dem Fall von 1660m auf 4023m, ergo 2363 hm Aufstieg. Ohne jegliche Akklimatisierung. Hört sich nach einem nicht ganz so tollen Plan an, und ging deshalb auch ordentlich schief. Wir starteten um kurz nach Vier in Saas-Almagell und waren um 07:30 an der Almagellerhütte auf 2860 m. Dort gab es kurz das zweite Frühstück und bis dahin lief es eigentlich sehr gut. Weiter ging es zum Zwischenbergenpass (3268 m) und dann noch bis auf etwa 3350 am Südgrat, aber dann hatte es mir den Stecker gezogen. Nach gut 1700 hm Aufstieg und ohne Akklimatisierung brummte mir fies die Rübe, ich war ziemlich fertig und das Ganze ergab keinen Sinn mehr. Gesackt, wobei ich die Tour immerhin vor ein paar Jahren schon mal erfolgreich im Alleingang gemacht hatte, aber Schade für die Holde, der es noch ziemlich gut ging und die gerne den Gipfel gemacht hätte. Nach einigem Herumlungern am Zwischenbergenpass ging es zurück zur Hütte, für die Akklimatisierungsnacht, die eigentlich vorher sinnvoll gewesen wäre für jemand, der auf nur gut 100 m Höhe lebt. Die Hütte war aufgrund der Wettervorhersage mit nur 14 Übernachtungsgästen spärlich besucht, immerhin hatten wir dadurch den Luxus eines Einzelzimmers, das war auch mal etwas Feines auf einer Hütte.

 

Als Alternative wollten wir mal noch schauen, wie es am Montag in der Früh aussieht, evtl. stimmte die Wettervorhersage ja doch nicht. Aber dem war nicht so, morgens um halb fünf gab es strammen Regen, also drehten wir uns wieder rum und schliefen aus. Eine britische und eine italienische Seilschaft machte sich trotzdem um fünf auf dem Weg zum Gipfel, die kamen aber gegen acht wieder recht bedröppelt an der Hütte vorbei als wir gerade mit dem Frühstück fertig waren: Alles nass, Grat bis auf gut 3500 m mit Neuschnee eingezuckert weshalb beide Seilschaften die Besteigung abgebrochen hatten. Für uns ging es dann auch zu Tal, und wir hatten jetzt wenigstens eine Nacht etwas höher verbracht als solide Grundlage.

 

Da wir jetzt irgendwie den Tag rumbringen mussten, nutzten wir unseren tollen Bürgerpass, mit dem man fast alle Bahnen (außer die Metro Alpin) ohne weiter Kosten nutzen konnte und fuhren noch zum Hochsaas um die Verhältnisse im Normalweg auf das Weißmies anzuschauen. Nicht gut, durch den Eisbruch wird es spät im Jahr wohl auch immer haariger. Und da durch bin ich mal alleine abgestiegen, das würde ich heutzutage wohl auch nicht mehr machen. Man wird älter.

 

 

 

Für Tour 2 war geplant am Dienstag vom Tal zur Britanniahütte aufzusteigen um dann am Mittwoch aufs Allalinhorn zu gehen. Wettervorhersage: Dienstag Dauerregen mit Neuschnee bis auf 3500m, Mittwoch Top-Wetter. Tja, der Bürgerpass macht einen faul und bequem: Wenn die Bahn eh schon bezahlt ist, wieso dann 3 h im Regen zur Hütte aufsteigen, wenn man vom Felskinn in einer Stunde hinüberqueren kann? Ebendarum, also die Seilbahn. Da wir die Metro-Alpin eh am anderen Tag brauchten, lösten wir schon das Ticket, dank Bürgerpass muss man wenigstens nur einmal die 40 Franken dafür abdrücken und kann dann so oft man will in der Zeit in der man den Bürgerpass hat die Metro Alpin nutzen. Also ging es erst einmal bis ganz hoch zum Mittelallalin auf etwa 3500m um die ganz nett gemachte Eisgrotte noch mitzunehmen (in der wir zu dem Zeitpunkt ob Mistwetter oben die einzigen Besucher waren), damit wir nicht den ganzen Tag auf der Britanniahütte rumgammeln mussten. Dabei konnte ich noch einen Blick auf den Normalweg aufs Allalinhorn werfen, soweit man das zumindest noch bei dem Wetter sehen konnte. Zwar war niemand am Berg, aber die Spur am Anfang war noch zu sehen. Dies war nämlich auch mein Plan für Susannes ersten Kontakt mit einem Gletscher, der doch die ein oder andere Spalte hat und es auch mal an ein paar Stellen etwas steiler wird, um das Ganze etwas zu üben. Bislang ist sie mit mir nur eher harmlose und flache Gletscher gequert und das Allalinhorn als klassischer „erster Viertausender“ bzw. „Jedermannsviertausender“ sollte hierfür bestens geeignet sein um Susanne mal dem Gelände näherzubringen. Da das Allalinhorn DER Brot-und-Butter-Gipfel der Saaser Bergführer ist und sehr oft begangen wird (die nur knapp 500 hm Aufstieg vom per Bahn erreichbaren Mittelallalin machen die  Sache als Tagestour überschaubar anstrengend und zudem ist der Normalaufstieg recht leicht) war mein Plan einfach der laut diversen Führerwerken „immer breit ausgetretenen Trasse“ zu folgen und gemütlich gen Gipfel zu stapfen. Einfach der Karawane hinterher, was auch heißt, dass man viele „Schneebrückenprüfgewichte“ vor einem hat. 

 

 

Zurück zum Felskinn querten wir zur Britanniahütte, wo wir uns mal noch unten vom Gletscher den Hohlaubgrat anschauten (ein Ziel für das nächste Mal) und das Klein Allalin mitnahmen. Entgegen einiger Kommentare, die ich im Netz über die eigentlich stark frequentierte Britanniahütte vorab gelesen hatte, war das Personal sehr freundlich und das Essen Top. Es könnte natürlich daran gelegen haben, dass die Hütte ob Wetter mit 30 Übernachtungsgästen auch nicht so stark frequentiert war und das Hüttenpersonal deshalb auch nicht sonderlich gestresst waren.

 

Die Besucher der Britanniahütte können schon um 06:30 eine Metro Alpin zum Mittelallalin nehmen, während vom Tal aus zum Felskinn erst um 07:15 die erst Bahn startet. Das war dann auch das kleine Problem mit meinem oben erwähnten Plan: Außer uns wollte von der Britanniahütte aus niemand über den Normalweg aufs Allalinhorn aber irgendwie nahmen wir natürlich trotzdem die erste Bahn. So standen wir dann morgens vor dem Normalaufstieg, es hatte durch den Niederschlag am Tag zuvor einiges an Neuschnee und von der „breit ausgelatschten Trasse“ über den Gletscher war nach kurzer Zeit auch nicht mehr viel zu sehen. Zwei Seilschaften kamen noch, bogen aber nach kurzer Zeit zum Alphubel ab. Als notorisch ungeduldiger Mensch wollte ich aber auch nicht warten, bis dann endlich mal jemand aus dem Tal kam, also hieß es Spuren. Am Normalweg aufs Alallinhorn. Bei bestem Wetter.  Als Tourist ohne Führer. Das passiert einem wohl auch sehr selten an dem Berg. Die Schneebrückenprüfgewichte waren dann also wir und ich hatte ehrlich gesagt auch nur ganz grob den Plan, wo der beste Weg dort hoch war (ich wollte eigentlich eh nur den anderen hinterherstapfen). Naja, als später die Karawanen kamen stiegen dann doch die Meisten in unserer Spur auf und ab, so verkehrt war es dann wohl doch nicht. Aber es ging auch, wir hatten im Aufstieg unsere Ruhe und ein paar Meter unter dem Gipfel schloss dann die eine geführte Seilschaft zu uns auf, die mit der ersten Bahn vom Tal kamen. Am Gipfel waren wir leider nicht die ersten, da über den Hohlaubgrat schon ein paar oben waren, die ebenfalls auch auf der Britanniahütte genächtigt hatten. Der Gipfel füllte sich dann doch recht schnell mit anderen Leuten, aber das war dort zu erwarten.

 

Aber so war Susanne zum ersten Mal auf einem 4000er in den Alpen, endlich hatte auch das geklappt, selbst wenn es nur das Allalinhorn war. Nichtsdestotrotz, durch seine zentrale Lage war die Aussicht auf im Prinzip alle anderen 4000er des Wallis (incl. Matterhorn) bis hin zum Montblanc bei dem Wetter schon fantastisch, da lohnt es sich schon mal auf diesen Jedermanns(fraus)viertausender zu steigen. Mit einigem Gegenverkehr ging es dann wieder zurück, bevor der Firn zu arg aufweichte. Die an der ersten Spalte aufgestellte große Holztreppe konnten wir glücklicherweise sowohl im Auf- als auch Abstieg noch im steilen Firn rechts umgehen, ein kleines bisschen „by fair means“ musste dann schon ein. Im Tal lohnte sich dann wieder der Bürgerpass, mit dem gab es nämlich verbilligten Eintritt im Hallenbad von Saas-Fee und wir legten uns im Anschluss an die Tour erst einmal dort für eine halbe Stunde in den Whirlpool. Man hatte schließlich Urlaub…

 

 

Kommen wir zum Plan für Tour 3, dem Lagginhorn als weiteren eher leichten Viertausender. Hier wollten wir am Donnerstag gemütlich zu den Weißmieshütten auf 2726m, noch das Jägihorn mitnehmen, um dann am Freitag in der früh über den Westgrat (Normalaufstieg) gen Gipfel zu gelangen. Blöderweise meinte die Wettervorhersage: Donnerstag stabiles und sonniges Wetter, am Freitag ab Mittag Gewitter. Da das Lagginhorn auch nicht zu den Orten gehört, wo ich in ein Gewitter gelangen will und die Tour doch gut 7-8 h dauert, also wieder eine Planänderung: Dank Bürgerpass mit der ersten Bahn um 07:30 vom Tal Richtung Hohsaas auf 3100 m um es von dort aus anzugehen um dann auf dem Abstieg in den Weissmieshütten übernachten. Das mit dem „by fair means“ wird eh überbewertet und zum Glück war das Allalinhorn tags zuvor Dank Metro Alpin auch nicht sonderlich anstrengend.

 

Nach der gut gängigen Querung von Hohsass zum sterbenden Lagginhorngletscher ging es diesen hoch bis wir an den Westgrat auf etwa 3350m gelangten. Der spaltenfreie Gletscher war ob des späten Starts schon angesulzt, so dass wir ohne Seil und Steigeisen gut über diesen aufsteigen konnten. Ab dem Westgrat war es dann, da spät in der Saison, ein reiner Felsaufstieg zum Gipfel. Feinstes Krabbelklettern und Gehen in zwar teils steilem, aber gut gängigem und wenig ausgesetztem Gelände. So was hatten wir schon oft gemacht und es war für uns beide Heimgelände. Ein paar Stellen im zweiten Grad gab es zwar zu überwinden, aber die machte auch Susanne problemlos ohne Seil im Aufstieg (nur eine Plattenstelle sicherte ich sie im Abstieg kurz runter). An sich war es kurzweiliges Steigen bei sehr guten Bedingungen. Am steilen Gipfelaufschwung lag zwar noch etwas Schnee zwischen den Felsen, aber mit etwas Vorsicht ging das auch gut zu machen. Bei den Bedingungen fanden wir es schon verwunderlich, dass am Normalaufstieg aufs Lagginhorn schon so viele tödliche Unfälle passiert sind (immerhin der Gipfel in der Schweiz mit den drittmeisten tödlichen Unfällen nach Matterhorn und Eiger), aber das Prädikat „leicht“ lockt halt viele Unerfahrenere an bzw. man versucht den Gipfel auch bei schlechten Bedingungen. Steil genug ist das Gelände schon, dass man nicht runterfallen sollte.

 

Uns kamen dann auch die ganzen Seilschaften entgegen, die morgens um 5 an den Weimieshütten gestartet waren, aber wir hatten Zeit. Das Wetter war stabil, beim harmlosen Gletscher unten war es egal ob der Schnee sulzig ist oder nicht und wir mussten erst um 18:30 an der Hütte zum Abendessen sein. Wir genossen es dort oben mit einer ausgiebigen Gipfelrast, machten uns gemütlich an den Abstieg und waren dann auch die letzten die an dem Tag vom Berg gingen. Der zweite 4000er für Susanne, gleich einen Tag nach dem ersten. Sehr schön, das freut einen natürlich sehr und auch für mich zwei Gipfel, auf denen ich vorher noch nicht war. Im Abstieg sahen wir dann 5 vollbepackte Alpinisten, die die hässliche sommerliche Skipiste Richtung Hohsaas hochlatschten anstatt die Bahn zu nehmen. Ich meinte zu Susanne nur: „Schau mal, die haben bestimmt keinen Bürgerpass!“ Ich konnte es mir auch nicht verkneifen mal im Prospekt der lokalen Bergführer auf der Hütte nachzuschauen, was es Susanne gekostet hätte, von einem Profi per Privattour über die Normalanstiege aufs Allalinhorn und Lagginhorn geführt zu werden: 550 sowie 700 Franken und es gibt keine Ermäßigung mit dem Bürgerpass.

Den nutzten wir nach der Nacht in der Weißmiesshütten dann gleich nochmal um nach kurzem Abstieg zum Kreuzboden mit der Bahn gen Tal zurückzukehren. Bezahlt ist schließlich bezahlt und meine lädierte Bandscheibe dankte es einem auf gut 800 Hm Abstieg mit schwerem Rucksack zu verzichten. „By fair means“ muss man sich auch leisten wollen…

 

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© Thomas Schaub