Strubichweg - Elbsandstein (Mai 2014)

 

Das Elbsandstein ist immer wieder dafür gut einem in Erinnerung zu rufen, dass die Bewältigung reiner technischer Schwierigkeiten beim Klettern nicht unbedingt alles sein muss. Das die wahre Crux einer Route im vermeintlich leichten Gelände nach den formell schweren Stellen kommen kann, sind Erfahrungen, die man beim reinen Sportklettern eher nicht macht, wie diese Anekdote zeigt.

 

In der Himmelfahrtswoche 2014 ging es als Vorhut der PK-Programmtour in die Schrammsteine. Nachdem Thomas und ich den alten Weg, der wohl nur in Sachsen vergebenen Schwierigkeit „III anstr.“, auf den Nördlichen Schrammturm gemacht haben stoß noch Ben hinzu und der nahegelegene Dreifingerturm wurde als Ziel gewählt. Da Thomas (nein, nicht der Autor) mit dem Vorstieg an der Reihe war, fiel die Wahl des Aufstieges auch ihm zu. Der Alte Weg (III), der in reiner Kamin/Schrubber-Kletterei zwischen dem Mittel- und Hauptfinger auf den Gipfel führt überzeugte ihn nicht wirklich, aber es gab ja auch noch den Strubichweg (VI), welcher sogar als Sternchenweg aufgeführt ist, also eine besonders schöne Kletterei bieten sollte. Dieser führt zuerst mehr in Wand/Risskletterei, welche die VI-er Stelle darstellte, in den Kamin zwischen Kleinem- und Mittelfinger. Über diesen Kamin sollte man dann auf den kleinen Finger und durch einen Übertritt weiter zum Hauptfinger und damit dem Gipfel gelangen. Der Kamin sollte nur etwa im Dreierbereich sein, also auch bei übersichtlicher Sicherung kein Problem darstellen.

 

Gesagt getan und Thomas stieg souverän und sehr flott über die VI-er Stellen bis in den Kamingrund zwischen Kleinem- und Mittelfinger, wo er Ben und mich nachholte. Von den sehr ortskundigen Sachen bekamen wir noch mit auf dem Weg, dass es jetzt gegessen sei, da nur noch IIIer-Kamin folge, aber man auf den Mittelfinger solle, da es dort eine Nachholmöglichkeit gäbe. Nachdem Ben und ich bei Thomas angelangt waren hätte auch die Möglichkeit bestanden, durch ein Loch in den Kamin des Normalweges zu gelangen, dessen oberer Kamin etwas gängiger (enger) aussah als der des Strubichweges, und in dieser Wegekombination der Gipfel auch oft bestiegen wird. Da der Vorsteiger aber den Strubichweg machen wollte, ging es für ihn auch den Strubichweg weiter.

 

Zuerst schaffte sich Thomas (natürlich ungesichert) den anfangs engen Kamin, welcher sich kontinuierlich weitete, nach Oben. Nach gut zwanzig Metern, das Seil frei durch den Kamin hängend, stand er dann in Spreizstellung am Ende des Kamines und nun galt es eigentlich auf den Mittelfinger zu gelangen. Die Suche nach brauchbaren Griffen um sich auf den Mittelfinger zu ziehen blieb für ihn leider erfolglos und ob der nichtvorhandenen Sicherung leidete auch etwas die Souveränität, es einfach mal irgendwie zu versuchen, vor allem wenn man die klassischen Sachsen-Spreizkamin-Ausstiege nicht sonderlich gewöhnt ist. Nach etwas Hin- und Her machte Thomas aber brauchbare Griffe auf dem kleinen Finger aus, und gab uns zu erkennen, dass er erst mal da hoch machen werde, um von dort zu schauen, wie es auf dem Mittelfinger aussieht. Das sich allerdings das Zurückkommen in die weite Spreize sicher als schwierig gestalten würde und auch ein Sprung auf den Mittelfinger ob schlechten Landegeländes auch nicht die beste Idee war, kam von Ben und mir als Reaktion: „Steig ja auf dem Mittelfinger aus!“. Leider war die Antwort: „Geht nicht“ und schon war er auf dem kleinen Finger.

 

Ben und ich schauten uns kurz an und kamen überein, Thomas habe nun eine richtige Niete gezogen… Was nun? Immer noch ohne Sicherung, da Thomas nach seiner Angabe keine Nachhol- oder Sicherungsmöglichkeit gefunden hatte (natürlich gab es keinen Ring oder Ähnliches auf dem Mittelfinger; warum auch, es ist ja schließlich das Elbsandstein), wollte er auf den kleinen Finge überfallen, merkte aber, dass dies sehr weit ist und er immer noch Gefahr lief bei Nichtgelingen weit in den Schacht unter ihm zu rumpeln. Die Idee von ihm zu springen wurde von den Nachsteigern mit einem „Mach das lieber nicht!“ kommentiert. So dauerte es eine Weile bis unerwarteterweise von Oben kam: „Ich hol euch jetzt erst mal nach und dann probiert das einer von euch“ .

 

Dem aufmerksamen Leser wird evtl. nicht entgangen sein, dass einige Zeilen weiter Oben davon die Rede war, dass Thomas keine Sicherungsmöglichkeit für den Überfall gefunden hatte. Woran will er uns jetzt dann nachholen?

 

Wir etwas verwunderten Nachsteiger stellten dem Vorsteiger also genau diese Frage. Die Antwort war für beide von uns sehr überraschend: „Ich hole euch an der Birke nach!“ Birke? Ben und ich schauten uns wieder verwundert an, seit wann wächst denn da oben irgendwo eine Birke? Wer die Türme in der Gruppe dort kennt weiß, dass auf den runden, strukturlosen Gipfelköpfen eigentlich keine Bäume wachsen. Ist uns da irgendetwas entgangen?

 

Da Thomas erfahren und auch nicht lebensmüde ist wird er schon wissen was er macht, und ich stieg los. Die Birke konnte man von unten zwar nicht sehen, aber Thomas hatte daran einen Hängestand im Kamin bezogen, so dass es wohl doch sicher etwas solideres sein sollte. Als ich in der Spreize kurz unter ihm ankam, aber noch nicht auf den kleinen Finger sehen konnte fragte ich ihn zuerst, wo da denn eine ordentliche Birke sei? Daraufhin: „Schau lieber nicht rüber und klettere einfach gleich weiter auf den Mittelfinger“.  Da bei mir das Seil von der Seite kam und im Gegensatz zu den Versuchen von Thomas nicht 20 m durch den Kamin hing gelang der Zug auf den Mittelfinger dann doch erstaunlich leicht. Auf dem Mittelfinger angekommen drehte ich mich um, sah die Birke an welcher Thomas hing und brach in Gelächter aus: Ein ~50 cm hohes, etwa daumendickes Birklein, welches einsam in einem Riss sein Dasein fristete.

 

Immerhin war es fest genug für das Körpergewicht von Thomas, immer wieder erstaunlich was die Botanik hält. Auf dem Mittelfinger konnte ich wenigstens einen soliden SU/Köpfelstand basteln und die beiden Anderen nachholen. Ben machte noch den Übertritt auf den großen Finger, wodurch wir den Gipfel sogar in geteilter Führung erreicht hatten.

In jedem anderen Klettergebiet wäre auf dem kleinen Finger wohl eine Ring oder Ähnliches, ich hoffe in diesem Fall, dass die Birke von den folgenden Klettergenartionen sorgsam behandelt wird, irgendwann wird es ein solider Stand sein.

Und was lernen wir nun daraus? Ich glaube nichts…

 

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© Thomas Schaub