Und wieder Chamonix... (Juli 2016)

 

Schon wieder Chamonix? Wie schon im letzten Jahr und das Jahr zuvor? Tja, wie 2014 war eigentlich etwas ganz Anderes lange vorab geplant: Stefan und ich wollten in Dolomiten und diese für uns alpine Bildungslücke mit einer Woche Klassikerklettern füllen. Aber wieder einmal machte uns die Wettervorhersage einen Strich durch die Rechnung. Ein paar Tage vor dem Start waren für die ganze Woche in den Dolomiten Gewitter gemeldet, also spontane Umplanung. Der Wetterbericht für Chamonix versprach eine Woche allerbestes uns stabiles Sommerwetter und so sollte es dann auch sein. Und Chamonix ist ja auch alles andere als eine zweitklassige Alternative, im Gegenteil!

 

Der erste Anlaufpunkt war die uns bekannte Argentière-Hütte. Dort hat es allerbesten Granit und auch das Hüttenwirtpaar sorgt für eine sehr angenehme Atmosphäre (siehe auch: Eis und Goldener Granit – Der Argentiérekessel (August 2014)). Zudem kam dieses Jahr zum ersten Mal ein dezidierter Kletterführer über den Argentiérekessel heraus („Mont Blanc Granite – Volume 1, Argentiére Basin“ von F. Damilano, J. Dèsécures und L. Laurent). Bislang waren nur Infos zu vereinzelten Routen in manchen Auswahlführern zu finden, der neue KleFü deckt nun dieses Gebiet mit über 100 Routen reichlich ab. Dass es dort so viel Geniales zu klettern gibt hatte sich aber anscheinend noch nicht herumgesprochen. Trotz allerbester Kletterbedingungen waren nur noch 2-3 andere „Kletterseilschaften“ auf der Hütte, der Rest ging auf Hochtouren. Selbst schuld, aber dadurch war auch Ruhe am Fels. Wer Weltklassegranit sucht, aber den Trubel am Fels an anderen Ecken im Mont-Blanc Massiv scheut, der ist an der Argentière-Hütte immer noch sehr gut aufgehoben. Hinzu kommt natürlich noch die wunderbare Lage der Hütte vor der mächtigen Nordwandbastion der Courtes, Droites und Verte. Es gibt wohl nur wenige Hütten in den Alpen, wo man vom Balkon aus so eine beeindruckende Aussicht hat. Wir haben diese mal auch festgestellt, dass der Zustieg von der Mittelstation („Lognan“) über den Gletscher rein zwar länger (3 h vs. 2 h), aber angenehmer ist als mit der Seilbahn bis ganz hoch zu fahren und erst mal 700 Hm abzusteigen (mit Ski im Frühjahr ist dies aber sicher die sinnvollere Variante). Man lernt nie aus, egal was im KleFü steht.

 

Zur Kletterei: Wirklich Spaß hat man dort eigentlich erst ab 5c, ein paar Reserven sind nicht verkehrt. Bohrhaken stecken i.A. nur dort, wo mobil nichts geht bzw. es stecken auch noch einige Normalhaken. Da die Kletterei meist sehr risslastig ist, darf man also einiges an Blech für eine vernünftige Absicherung mitschleppen (zwei Sätze Cams bis 3 und ein 4er sind sehr nützlich; ein Bündel Keile gehört natürlich auch an den Gurt). Der Fels ist aber ausnahmslos sehr gut und die Cams kann man in die Risse relativ einfach reinfeuern. Da man um die 3000-Meter Marke klettert, man das ganze Sicherungsmaterial am Gurt hat und die Granitkletterei generell eher athletisch ist, kommt man als nicht akklimatisierter Rheinebenenbewohner dabei schon etwas ins Schnaufen.

 

Wir haben in den drei Tagen auf der Hütte 24 SL mit etwa 800 Klettermeter gemacht, das hat uns dann auch gereicht. Der Auftakt machten die „Dièdre Central“ (6a, 200 m) am Plateau du Jardin. Eine astreine Verschneidungskletterei, bei der viel des mobilen Sicherungsmaterials zum Einsatz kam. Die riesige 60 m Verschneidung war dabei ein echtes Schmankerl. Zwar waren die meisten Risse durch den Regen den Tag vorher noch nass, aber es war alles kletterbar. Wir merkten auch in der letzten schwierigen Länge, dass 5b in solchen Trad-Gebieten durchaus giftig und gefühlt schwerer als die 6a-Länge zuvor sein kann. Man sollte sich nie zu früh freuen.

 

Tags darauf stand die Aiguille du Génépi auf der Speisekarte. Zuerst machten wir die „Un éclat de rire“ (6a, 200 m), welche sich mitten durch die Südostwand schlängelt. Ich hatte in der ersten Länge noch etwas Startschwierigkeiten, weshalb dort Stefan ran durfte. Die Crux ist hier eine schöne Fingerrisstraverse in der zweiten Länge und es stecken dort sogar ein paar Bolts. Die Felsqualität ist einfach als fantastisch zu bezeichnen, die Aussicht während des Kletterns ebenso. Von der Aiguille du Génépi kommt man mit zwei 60 m Abseilfahrten und etwas Abklettern schnell wieder zum Einstieg, so dass wir problemlos die „Mort du Rire“ (6a+, 200 m) als nächste Tour dranhängen konnten. Wie der Routenname zu interpretieren ist sei mal dahingestellt, aber ich war froh, dass ich die Schlüssellänge nicht führen musste. Eine sehr seltsame Querung über ein rissloses Granitdach, um sich dann aus dem Dach raus auf eine Reibungsplatte zu ziehen. Ich fand das sogar mit Seil von Oben (bzw. von der Seite) nicht sonderlich prickelnd, aber Stefan hatte das sauber im On-Sight erledigt, von dem her darf man dann als Nachsteiger auch nicht jammern. Bis auf diese Länge war es aber auch wirklich eine außerordentlich schöne Kletterei.

 

Am letzten Tag im Argentiérekessel gönnten wir uns dann noch einen der wenigen moderaten Leckerbissen vom Rissmeister Bettembourg: Die „Bettembourg Right-hand“ (5c, 200m) an der Aiguille du Refuge. Im Kletterführer steht schon: „Archetypal granite climb on perfect rock.“ und der Kommentar traf auch voll zu. Risse aller Breiten (Finger über Schulter bis Stemmkamin), Schuppen, Piazstellen und sogar ein paar Meter Platte. Auf 200 m alles was das Granitklettererherz höherschlagen lässt. Die Bewertung: klassisch 5c… Danach Abstieg aus dem vergletscherten Hochgebirge und ab ins Tal auf den Camping in Argentiére.

 

Ursprünglich wollten wir weiter in die Dauphine, aber da das Wetter in Chamonix weiter bombastisch war, gab es keine Veranlassung für einen Standortwechsel, v.a. da es ja noch die Aiguilles Rouges gibt, an denen ich zuvor noch nie Klettern war. Mir war zwar nach einem Rasttag, aber Stefan wollte Klettern und das Wetter war super. Also mit der Seilbahn rauf bis zur Bergstation des Index-Liftes. In Chamonix wird man übrigens etwas lauffaul. Während es in den Ostalpen meist keinerlei Diskussion gibt mehr als 1000 Hm vor der Kletterei zuzusteigen (OK, oft fehlt bei den Kletterzielen auch die Infrastruktur), wird man bei der sehr guten Liftinfrastruktur in Chamonix schon schwach. Leider lag in den Südseiten der Aiguilles Rouges immer noch verhältnismäßig viel Schnee. Ich war aber eigentlich auf Fels eingestellt und hatte nur die turnschuhartigen Zustiegsschlappen dabei. Das noch hartgefrorene Schneefeld morgens zum Einstieg der „Asia“ (6a, 250 m) an der Aiguille de la Floria war so schon etwas ätzend. Beim Zustieg konnte man aber schon das noch viel größere Schneefeld des Abstieges begutachten, und da hatte ich an dem Tag einfach keinen Bock drauf. Gut, die Route wurde gemacht, war aber vom Fels und der Kletterei her nichts Besonderes. Viele Bohrhaken und durch etwas schrofigen Gneis gelegt. Den Abstieg über das steile Schneefeld wollte ich eigentlich als Arschabfahrt machen, ging aber nicht so wirklich, also irgendwie im Sulz mit eher ungeeignetem Schuhwerk runtergeeiert. Meine Laune war dann im Eimer, Stefan und ich bekamen uns in die Haare und sind dann erst einmal getrennten Weges abgestiegen. Naja, eventuell wäre ein bei mir Rasttag besser gewesen. Am Camping haben wir uns dann wieder zusammengerauft und schon für den nächsten Tag geplant. Es sollte eine eher klassischere Bergfahrt werden: Die sehr schöne und interessante Gratkletterei „Chapelle de la Gliére“ (5b, 400 m) an der Aiguille de la Gliére.

 

Da wir von anderen Kletterern auf dem Campingplatz wussten, dass im nicht ganz unheiklen Abstieg noch einiges an Schnee lag, gingen dieses Mal auch die Bergstiefel und ein Pickel mit, der Mist vom Tag zuvor sollte mir nicht noch mal passieren, lieber trug ich die paar Kilo mehr über den Grat.

 

Zum Originaleinstieg hätte man sich noch ein dick mit Schnee gefülltes Couloir hochwühlen müssen. Da wir darauf keinen Bock hatten wurde die ersten beiden Längen einfach durch die ersten drei Längen der „Oraison“ (5b+, 5a und 4b) umgangen. Eine sehr schöne Einstiegsvariante auf den Grat und früh im Jahr so auch wohl üblich. Danach folgte sehr schöne Grat- und Verschneidungskletterei, bis man in der 7ten Länge auf die „Rasierklinge“ trifft. Ein sehr ausgesetzter, messerscharfer Reit/Hangelgrat, der spektakulär aussieht, aber im Prinzip einfach zu klettern ist, wenn einem die Ausgesetztheit nichts ausmacht. Im Hintergrund das ganze Mont-Blanc-Massiv, Fun-Kletterei mit Panorama! Eine absolut empfehlenswerte Tour für die Freunde klassischer Kletterei. Als Krönung gab es dann noch die Besteigung der Felsnadel „Clocher“. Im Abstieg habe ich es nicht bereut, Stiefel und Pickel durch die Tour getragen zu haben. Tags zuvor habe ich mich übrigens noch in der Seilbahn über die Leute lustig gemacht, die einen Pickel mit in die Aiguilles Rouges nehmen…

 

Zum Ausklang gönnten wir uns dann eine Plaisiroute par excellence am Nordende der Aiguilles Rouges. Am unscheinbaren Mont Oreb gibt es die herrliche „L´Ète Indien“ (6a, 230 m) die durch perfekten Gneis führt. Überreichlich mit Bohrhaken bestückt, so dass 12 Exen am Gurt völlig ausreichen. Dazu kein Gepäck, da man eh über die Route abseilt. Das ist eine reine Funkletterei ohne Anspruch, durch die man einfach durchrennen kann. Gelohnt hat es sich aber trotzdem, auch wenn es von Kletterei und Ambiente her ganz weit weg vom Hochgebirgsgranit im Mont-Blanc-Massiv ist. Selbst für 6a fanden wir die Route recht soft bewertet, im neuen Plaisir-Führer ist sie aber sogar mit 6b drin. Naja, gefühlt werden die Routen in der Gegend softer bewertet, je weiter unten man klettert und zudem steig die Zahl der fixen Sicherungen. Es kann natürlich auch daran liegen, dass es einem einfacher vorkommt, wenn man auf 2000 m statt auf 3000 m klettern, nicht das Gewicht von zwei Sätzen Cams am Gurt zieht und auch einem die reichlichen Bohrhaken den Weg nach oben weisen. Schwierigkeiten sind immer relativ, aber dies ist ja nichts Neues. Mal schauen, wann ich das nächste mal wieder in Chamonix lande…

 

 

 

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© Thomas Schaub