Easy Desert Rock - Utah und Nevada (September 2014)

 

Sandstein, Burger, Autofahren. Dies ist in etwa die Kurzbeschreibung der letztjährigen Kletterausfahrt der Kleinfamilie Schaub, welche in den Südwesten der USA führte. Wie im Jahr zuvor natürlich wieder im September, da es zu der Zeit tagsüber dort kuschelig warm ist (30 - 40°C) und noch nicht gar so viele Kletterer unterwegs sind. Die Reise führte uns von Las Vegas nach Moab in Utah, welches mittels einer läppischen achtstündigen Autofahrt zu erreichen ist, für amerikanische Verhältnisse also quasi ein Katzensprung.

 

Als sicherer Hafen für ein paar schöne Klettertage zu Beginn und zum Ende Reise ging es bei Las Vegas in die Red Rocks zum Klettern. Man kannte es schon vom letzten Jahr und ob der mannigfaltigen Kellen sowie der vielen hervorragenden Tradrouten in niedrigen Graden das erklärte Lieblingsklettergebiet der Gattin, wobei ich dort natürlich als derjenige mit dem scharfen Seilende bei jedem Klettermeter, wie bei dieser Seilschaft üblich, auch so richtig meinen Spaß hatte. Im Gegensatz zum Camper im letzten Jahr wählten wir dieses Mal als Basislager eine Suite im Red Rock Resort Hotel (zum Glück relativ abseits des Las Vegas Strip Irrsinns), man gönnt sich ja sonst nichts. Sich vor dem Klettern morgens um fünf vom Zimmerservice das Frühstück ans Bett bringen zu lassen hört sich jetzt vielleicht etwas dekadent an, ist aber durchaus eine sehr angenehme Sache, an die man sich gewöhnen kann. Die Annehmlichkeiten der Poollandschaft des Hotels waren Abends nach dem Klettern natürlich ebenfalls nicht zu verachten, man wurde nur etwas skeptisch angeschaut, wenn man nach vollbrachtem Tagwerk mit den staubig-zerschlissenen Klamotten und dem Klettergerödel am schweren Rucksack erst einmal durch das riesige, hoteleigene Casino laufen durfte, um in den Hoteltrakt zu gelangen. Trotz der zu dieser Jahreszeit brütenden Hitze konnten wir grandiose Perlen klettern, bei denen ich mich um die Zwischensicherungen selbst kümmern durfte, diese wunderbaren Fels boten und auch die Schwierigkeit passten soweit, damit wir Beide unseren Spaß hatten. Die absoluten Highlights die wir dort machen konnten waren neben einigen anderen Routen die Wege Rising Moons (5.5), Chips and Salsa (5.4), Physical Graffiti (5.7), Ragged Edges (5.8) und Doobie Dance (5.6). Ich bleibe dabei: Die Red Rocks sind das Kalymnos für Trad-Climber. Nach zwei Besuchen in der warmen Jahreszeit sollten wir demnächst aber dem Gebiet einen Besuch im Winter abstatten, dann haben wir auch sicher etwas mehr Spaß in den sonnenexponierten Wänden.

 

Die zehn Tage in Moab hingegen waren ein schöner Kontrast zu Las Vegas: Der kleine Ort als Zentrum für Outdoorsportler aller Couleur (neben dem Klettern ein hervorragendes Revier zum Mountainbiken, Raften, Reiten und leider auch für Off-Road Motorsport) ist umgeben von rauem, dünnbesiedelten Sandsteinland, welches von unzähligen Canyons durchzogen ist. Hier finden sich hunderte, freistehende Felstürme, welche allerdings meist selbst auf dem einfachsten Anstieg schon solide Rissklettertechniken im sechsten Grad verlangen, was in einem ausgewiesenen Rissklettergebiet ob der relativ strammen Bewertung schon einiges fordert. Hier gibt es sie dann, die ideal grifflosen und wie gefräst wirkenden „Utah-Risse“ welche im Allgemeinen natürlich auch clean sind. Das kleine Problem hierbei war nun, dass mir die Gattin eigentlich nur bis zum fünften Grad nachsteigt, was natürlich die Auswahl der Kletterziele merklich einschränkte. Aber da es dort sehr viel Fels gibt und auch reichlich Kletterführermaterial von der Gegend auf dem Markt ist, lies sich doch einiges finden, was dem Anforderungsprofil entsprach. Dies war zumindest der Fall, als ich mir im Vorfeld zu Hause die Führerwerke zu Gemüte führte.

 

Die gewählten Kletterziele rund um Moab erwiesen sich aber als durchaus vielseitig, vor allem auch was die Felsqualität betraf. Den besten Fels fanden wir am Ice Cream Parlor, welcher sich weit hinten in einem Canyon nach einer etwa 10 Kilometer langen Schotterpiste befindet, auf welcher der eher wenig geländegängige Mietwagen durchaus gefordert wurde. Hier gab es allerbesten Wingate Sandstein, das gleiche Material aus dem auch der Indian Creek besteht, aber neben den allgegenwärtigen cleanen Rissen wurde auch gebohrte Plattenrouten durch geneigtere Wandteile geboten, die sich mobil nicht absichern lassen. Kletterbar sind diese für die relativ niedrigen Grade eigentlich nur durch den „Desert Varnish“, eine schwarze, feste Kruste, die an viele Stellen weggeplatzt ist. Von diesen Plattenrouten haben wir die tollen Left Slab (5.7) und Black Slab (5.7) gemacht, ich konnte natürlich aber auch nicht die Pfoten von den Plaisirrissen Brewed Awakenings (5.5) und Corner Crack (5.6) lassen. Interessant war es den amerikanischen Bergfreunden nach mir zuzuschauen, die im Corner Crack trotz massiven Chalkeinsatz einfach nicht abhoben. Der Riss niedriger Schwierigkeit hat zu Beginn eher Schulterrissbreite, die Versuche diesen zu piazen misslangen ob der runden Risskanten und auf die Idee, wie ich, Hacke-Spitze zu stehen kamen sie einfach nicht. Das Problem lösten diese dann nach etlichen Versuchen kurzerhand durch Nullen am ersten Friend. So viel zur strammen US-amerikanischen Kletterethik bei Trad-Routen…

 

Ähnlich guten Fels boten auch die River Road Dihedrals, wobei aufgrund der Straßennähe der Zustieg sehr kurz war und man direkt unter sich den Colorado hat. Allerdings fehlt hier der Desert Varnish und damit auch die Griffe. Das Ziel war die Route mit dem verlockenden Namen Bloody Knees (5.9). Ein 40 Meter langer, trichterförmiger Riss (erinnert an den Peapod in Froggat, nur etwa dreimal so lang), der sehr komisch zu klettern war. Der Trichter ist nicht tief und durch die sehr glatten, nach außen aufgehenden Seiten nicht als Kamin kletterbar oder auszuspreizen, also durfte ich tief im Riss von Breithand bis Schulter klemmen wobei permanent irgendein Körperteil im Weg war. Dazu kam noch, dass ich nur zwei Sätze Cams bis 3 dabei hatte und den Cam 4 und 5 nur einmal. Bei einem Riss der permanent größer als handbreit und homogen schwer ist kann sich der geneigte Leser denken, dass der ganze Kleinkram und die Keile überflüssiger Ballast am Gurt waren und mir nach etwa halber Wegstrecke das Sicherungsmaterial ausging (die vorsorglich mitgeführten BigBros erwiesen sich selbst in Utah wieder einmal als unnützer Tinnef). Da half nur eines, den letzten Cam liegen lassen, Riss abklettern (mit Seil von oben im letzten Cam), Cams unterhalb einsammeln, wieder hochrampfen (mit Seil von oben im letzten Cam) und weiter. Keine Ahnung was die amerikanische Trad-Ethik dazu meint, aber im Indian-Creek KleFü gibt es ja auch oft solche Angaben wie: „Zwölfmal Cam 1 zur Sicherung“. Irgendwann erreichte ich dann auch den Stand und hatte dabei durch die Einsammelaktionen doch etwas mehr als die 40 m des Risses als Kletterstrecke absolviert. Besonders nett war es für die nachsteigende Gattin, da auf der ersten Hälfte keine Sicherung mehr lag und so konnte Sie es auch nicht A0 klettern. Und siehe da: Wenn es nicht anders geht, dann konnte sie mir auch im Sechsten Grad nachsteigen. Die Knie sahen bei uns, entgegen dem Routennahmen, eigentlich noch ganz passabel aus, durch die Wühlerei im Riss nach guten Klemmpostionen waren allerdings die Arme (nicht die Hände) etwas verschlissen. Die Nachbarroute namens Bloody Elbows haben wir dann lieber sein lassen.

 

In Bezug auf Straßennähe und minimalsten Zustieg waren natürlich die Klettereien an der Wall Street unschlagbar, auch wenn der Navajo Sandstein schon etwas weicher war, aber immer noch Premiumrouten bot. Die mehr als 130 Routen befinden sich an einem etwa 1.5 Kilometer langen Felsriegel direkt an der Straße, wobei abgesehen von ein paar Lastwagen am Tag von der nahgelegenen Kalimine nur wenig Verkehr auf der Straße herrschte, so dass es erstaunlich ruhig war. Sehr komfortabel befand sich vor quasi jeder Route eine Parkbucht, die Wand lag ab etwa 16.00 Uhr im Schatten und man hatte ebenfalls den Colorado direkt daneben. Dadurch war die Wall Street öfters das perfekte Ziel für den Tagesausklang, vor allem wenn man zuvor im Sandkasten von Arches war und noch was Gescheites klettern wollte. Die Kletterei war vielfältig und bot einen angenehmen Mix aus Wand-, Platten- und Rissrouten, von vollständig eingebohrt bis clean. Im Prinzip ein bisschen wie daheim und von den eigenen Begehungen seien als gemütliche Wege zu empfehlen: 30 Seconds over Potash (5.8), Grama & the green suede shoes (5.7), Holy Moley (5.5), Practical Religion (5.5), Yogingi (5.7), Neopolitan (5.7), Hidden Message (5.5) und Slab Route (5.7).

 

Neben den ganzen Massivklettereien versuchten wir uns natürlich auch an eher freistehenden Sandsteingebilden. Eines der einfachsten dieser Art ist der Looking Glass Rock, der sich in drei Seillängen leicht über die Cowboy Route (5.6) ersteigen lässt und irgendwie deplatziert in der Prairie steht. Eigentlich ist es harmloses Plattengeeiere über einen geneigten Rücken, wobei auch ein paar Bolts stecken, der Fels allerdings etwas sandet, was den versierten Pfalzkletterer aber nicht weiter störte. Das Highlight war aber die frei hängende Abseilfahrt durch ein Felsfenster in eine riesige Gufel, bei der auch das Runterkommen wirklich Spaß machte. In einer ähnlichen Liga war die Wilson Arch, einer der wenigen Felsbögen in der Gegend, der legal beklettert werden darf. Hier ging es ebenfalls in drei Seillängen, allerdings ohne jedes Fixmaterial, über die South West Rib (5.5) hoch, wobei der Fels dann teils etwas unangenehm sandig und auch die Sicherungssituation eher übersichtlich war. Immerhin gab es eine eingerichtete Abseilstelle direkt über dem Felsbogen, was ein sehr originelles Abseilmanöver ermöglichte.

 

Wie der Kletterführer schon prophezeite, war der Fels an den Türmen im Arches Nationalpark „notorisch sandig“ und teils wirklich unangenehm (Entrada Sandstein). Landschaftlich eine traumhafte Gegend mit unzähligen Felsbögen und Türmen, allerdings ist die Felsqualität nicht wirklich gut und der Park ist stark von Besuchern frequentiert, da man dort konsumentenfreundlich viel sehen kann ohne sich weit weg vom Auto zu bewegen, so wie es viele Einheimische mögen. Am Owl Rock durfte ich dann auch spüren, wie sich marmorierter Sandstein anfühlt. Der einfachste Anstieg (5.8) folgt zwar einem abdrängenden, breiten Riss, aber ungewöhnlicherweise gibt es dort riesige Kellen, weshalb man verhältnismäßig leicht und ohne besondere Klemmtechnik gen Gipfel gelangt (wie zu erwarten darf man sich natürlich die Sicherungen selbst legen). Durch diese Besonderheit wird der Fels allerdings auch sehr stark beklettert, da er als einer der gängigsten Türme in der Region gilt, was zu der Politur der Griffe führte. Schön war die Kletterei nicht wirklich, aber schließlich war der Gipfel das Ziel und nicht der Weg. Eine Nummer angenehmer war die Besteigung des Bullwinkle Tower über den West Chimney (5.6), dort durften wir dann endlich auch mal einen vernünftigen Kamin hochschrubben.

 

Das Thema Kamin leitet über zum Klettergebiet mit dem schlechtesten Fels den wir in der Ecke vorgefunden haben: Die Fisher Towers. Eine unglaublich surreale Felsgruppe, als ob Salvadore Dali auf LSD diese entworfen hätte. Mit dem knapp 200 Meter hohen Titan steht dort einer der höchsten freistehenden Sandsteintürme, wobei für den Normalverbraucher eigentlich nur der Stolen Chimney (5.8, A0) auf die Ancient Art als Ziel taugt. Die Fisher Towers sind aus Cuttler Sandstein aufgebaut, ein Konglomerat mit sehr unregelmäßigen Kieselschichten, über welchem sich eine mehrere Zentimeter dicke Schlammkruste befindet. Dadurch sehen diese aus wie mit flüssigem Wachs übergossen, allerdings ist getrockneter, senkrechter Schlamm sehr unangenehm zu klettern und bietet auch mobilem Sicherungsmaterial nur eingeschränkten Halt. Das Timing nach einer sehr regnerischen Nacht in den Stolen Chimeny einzusteigen war vielleicht nicht das Beste. Obwohl der Weg anscheinend für Fisher Tower Verhältnisse oft gemacht wird, war durch den Regen der Kamin als Freiklettercrux voll mit frischem Schlamm. Die beiden Längen mit den A0-Stellen an Bohrhaken waren vergleichsweise harmlos (zumindest bei meiner Reichweite), aber der abdrängende, breite Kamin im unteren sechsten Grad bei wenig solider Sicherung im schlammbedeckten Fels fand ich nicht sonderlich prickelnd. Die bessere Idee wäre es wohl gewesen einige Tage zu warten, bis ein paar andere Seilschaften den gröbsten Dreck abgeklettert hätten, so blieb diese Aufgabe leider an uns hängen. Nach drei Seillängen auf dem Absatz vor dem Gipfelaufbau, dem Corckscrew Summit, angekommen hatte ich dann den Kanal voll. Obwohl die klettertechnischen Schwierigkeiten vorbei waren, hätten wir extrem exponiert die letzten paar Meter absolvieren müssen, um auf diesen wohl bizarrsten Gipfel der Region zu kommen (siehe Bild). Meine Motivation war sowieso schon relativ weit unten angesiedelt dort noch hochzuklettern und anstatt eines aufmunternden „Allez!“, „Geht Scho!“ oder „Das bringste!“ kam von der mich mit herzerweichenden und besorgten Augen anschauenden Gattin hingegen „Mir wäre es eigentlich ganz recht, wenn du da jetzt nicht hinaufkletterst“. Daraufhin wurde kurzerhand der Vorgipfel zum Familiengipfel erklärt. Nach Nichterreichen des eigentlichen Gipfels versuchten wir uns dann noch am Dog Rock, aber da brach ich nach drei erfolglosen Ansätzen im ungesicherten Steilschlamm den Besteigungsversuch ab und wir ließen es bei der Felsgruppe lieber sein. Allerdings stellten wir einige Tage später fest, dass diese doch wirklich was her macht, wenn man sie beim Reiten einfach nur hoch zu Ross betrachtet. Es ist wie im Strip-Club: Anschauen, aber nicht anfassen und dies sollte man auch dort besser beherzigen. Gäbe es unter dem Kletterervolk nicht doch noch einige Romantiker und würden die Türme nicht so phantastisch aussehen, ich glaube es würden nur sehr wenige an diesem Müllfels klettern.

Auf die halbherzigen und dadurch erfolglosen Versuche den Castleton Tower und das Independence Monument zu besteigen gehe ich hier jetzt nicht im Detail ein, den Sack am  Corckscrew Summit hier auszubreiten sollte dem gehässigen Teil der Leserschaft als Futter ausreichen. Die nicht vollständig mit Klettern ausgefüllten Tage wurden übrigens auch für anderweitige Beschäftigungen wie Reiten in allerbester Wild West Umgebung oder Wanderungen in den nahegelegenen Nationalparks Canyonlands sowie Arches genutzt. Die einsamen Wanderungen wie die Syncline Loop um den Upheaval Canyon oder zum Confluence Point (Zusammenfluss von Green River und Colorado) waren weit mehr als eine Ersatzbeschäftigung.

 

Wie man der vorangegangen Zeilen entnehmen kann, war die Suche nach „Easy Desert Rock“ aus unserer Sicht durchaus erfolgreich. Die Entscheidung wieder in die Staaten zu fliegen haben die Schaubs in keinster Weise bereut und wird auch nicht der letzte Besuch dieser Gegend bleiben. Die letzten beiden Tage des Aufenthaltes entschieden wir uns aber für leichte, gemüsereiche Kost vom Asiaimbiss, da wir die Schnauze voll hatten von Burgern.

 

Falls sich jemand aus der Leserschaft auch in die Gegend verirrt und beabsichtigt, eher moderate Routen zu klettern, dem seien folgende Kletterführer empfohlen, in welchen sich alle hier aufgeführten Routen (und viele mehr) finden:

Fun Climbs Red Rocks, Jason D. Martin, 2009, Sharp End Publishing

Best Climbs Moab, Steward M. Green, 2011, FalconGuides

High on Moab, Karl Kelly, 2014, Sharp End Publishing

 

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© Thomas Schaub