Eiskratzen (März 2018)

 

Ob mangelnder Optionen die letzten beiden Winter, zumindest wenn ich als Zeit hatte, konnten wir das erste Wochenende im März 2018 mal wieder zum Eisklettern nutzen. Der bisherige Winter war bezüglich des Eisaufbaus wohl ganz gut, allerdings waren wir fast schon ein Wochenende zu spät dran, da nach mehreren Tagen bei Temperaturen von bis zu -21°C im Allgäu das Thermometer wieder in den zweistelligen Plusbereich drehen sollte. Aber was will man machen, wenn man nur Zeit hat, wenn es wieder warm wird. Das ist das Schicksal der ansonsten auch mit anderen Verpflichtungen gut ausgelasteten Wochenendalpinisten.

 

Nach der Aktion 2015 im Bregenzerwald (siehe: Eis) gab es bei Stefan und mir schon eine gewisse Skepsis, ob wir nicht schon wieder auf irgendwelchen sich im Auftauen befindlichen Eisvorhängen über satt fließenden Bächen rumturnen müssen. Und das noch bei unserer eher mäßig ausgeprägten Beurteilungskompetenz bezüglich Eisqualität, dafür machen wir das einfach zu selten. Aber es half alles nichts, das Eis rief und so kamen noch die Tourenskier mit, falls das Eis doch nichts taugt, dann konnten wir wenigstens noch Skitouren machen.

 

Ob mangelndem Können meinerseits sollten es zwar etwas längere Fälle sein, diese dafür aber auch nur bis max. WI4. Nach etwas Recherche im Netz fanden wir heraus, dass die „Stufen ins Glück“ (WI 3+; ~200 m) am Haldensee im Tannheimer Tal noch gut dastehen sollten. Am 10 Uhr ging es bei leichten Plusgraden am Parkplatz los über den gefrorenen Haldensee, wo wir nach 20 Minuten schon am Einstieg standen.

 

Um nach zwei Jahren Eisabstinenz wieder reinzukommen wollte ich dann gleich die erste Stufe vorsteigen. Irgendwie sagte mir das Eis unten nicht so zu, dann wollte ich ein Stück höher von rechts aus den Schrofen auf bessere Eis einqueren, das ging dann aber irgendwie nicht mehr. Am Ende habe ich mich dann neben dem Fall durchs gefrorene Gemüse über die erste Stufe ohne Eiskontakt hochgearbeitet. Stefans Kommentar hinterher: „So ein Schrott hättest du auch in der Pfalz an irgendeiner gefrorenen Grünrinne klettern können.“ Netterweise gab es noch Publikum unten durch eine andere Seilschaft, da hatte ich mich mal wieder so richtig schön zum Brot gemacht. Nachdem wir wieder im Fall waren übernahm dann Stefan die zweite Stufe in schönem Eis. Langsam fing aber auch der Bach an zu gluckern, denn die Temperaturen stiegen weiter. Jetzt war ich auch langsam drin, Stufe drei konnte ich dann führen, Stefan bekam die schöne Stufe vier und die fünfte machte ich dann noch. Da mittlerweile der Bach unter einem merklich floss und man auch ab und an schon durchbrach waren wir froh, oben zu sein. Ob der Wärme war alles im Schmelzen inbegriffenes Softeis. Der Abstieg gestaltet sich als relativ schnell, da man eine steile Rinne neben dem Fall absteigen konnte, die perfekten Stapfschnee aufwies.

 

Fall gemacht, das Problem war aber, dass es erst 15 Uhr war als wir wieder am Auto waren. Was tun bis zum Abendessen? Gut, dann noch eine kurze Skitour. Ich warf die Kühgundspitze ins Rennen, das sind von Schattwald aus gut 800 hm und ich war da auch schon öfters. In relativ zügigem Tempo ging es aufwärts, aber nach 500 hm war die Luft dann bei mir raus. Das frühe Aufstehen, die Anfahrt, eine nicht auskurierte Erkältung und die Eiskletterei zuvor hatten mir die Zähne gezogen. Ich verzichtete auf den Gipfel und wartete auf Stefan, der noch bis hoch ging. Immerhin war es dann schon so spät, dass außer uns niemand mehr unterwegs war und wir konnten dann noch die einsamen Pisten abfahren. Auch mal was anderes nach jahrelanger Pistenabstinenz.

 

Nach einem Autobiwak war das Ziel des anderen Tages die Wildenbachfälle im Kleinwalsertal. Da für Sonntag bis zu +10°C im Tal gemeldet waren wollten wir etwas höher hinaus als am Tag zuvor und es sollte auch schattig sein. Die Hoffnung war, dass es dort wenigstens nachts noch gut durchfror. Die Wildenabchfälle liegen auf etwa 1500m und sind mit Tourenski in etwa einer Stunde zu erreichen. So waren wir dann um neun am Einstieg, wobei der schwere Rucksack mit dem ganzen Eisgerödel doch etwas zäh zu schleppen war. Als sicherheitsbewusste Bergsteiger hatten wir natürlich auch noch den Lawinenkram dabei (also Schaufel, Sonde, LVS) und steigeisenfeste Bergstiefel im Rucksack, damit wir nicht in den Skistiefeln klettern müssen. Vor Ort entscheiden wir dann aber doch in Skistiefeln zu klettern, was erstaunlich gut ging. Die Bergstiefel hatten wir im Endeffekt dann als Ballast für das Training-für-was-auch-immer mitgeschleppt.

 

Es herrschten Top-Bedingungen für die Skitour auf den Elfer, wobei man zu den Wildenfällen auf dem gleichen Aufstieg unterwegs ist. Über den Tag gingen ~40 Tourengeher an uns in der Sonne vorbei Richtung Elfer, während wir die einzigen waren, die an den schattigen Wildenfällen im Eis rumkratzen. Wir entscheiden uns dort wieder für einen leichten Fall, nämlich den „Linken Wildenbachfall“ (im Eiskletterführer mit WI II, 150 m angegeben). Das Eis stand bis unten, also ginge es auch dort mit der ersten Stufe los, diesmal aber von Stefan souverän geführt. Nach etwas Schneestapferei kam die zweite Stufe, die ich dann machte. Bis dahin auch alles nicht schwerer als WI II. Nach gut weiteren 70m steiler Firnstapferei kam dann die dick vereiste Hauptstufe. Im Gegensatz zum Vortag kein Softeis, sondern recht spröde und splittrig. Immerhin war es in dem Schattenloch ziemlich kalt, so dass auch nirgend der Bach gluckerte. Der einsetzende Föhn führte dauernd zu Spindriften, da kam ein gewisses Nordwandfeeling auf. Am Stand war Frieren angesagt, während man den Tourengeher in der Sonne zusehen konnte. Ich hatte ein Déjà-vu: Kaum kommt das Frühjahr und die Sonne, verziehen wir uns in irgendwelche schattigen Eislöcher. Stefan stieg hier weiter vor, aber irgendwie wurde es auch steiler und sah (und fühlte sich hinterher) auch nicht mehr so nach WI II aus. Entweder wurde die Linie nicht getroffen oder das Eis war in dem Jahr komisch. Ich war froh, dass ich es nicht vorsteigen musste. Es war auf jeden Fall deutlich anspruchsvoller als der formell schwerere Fall den Tag zuvor. Nach zwei Längen, geführt von Stefan, waren wir dann aber auch schon aus dem Gröbsten raus. Ich querte noch raus und ging den finalen, kurzen Firnhang hoch in die Sonne. Dort konnte ich dann von einer Birke aus im Warmen nachsichern, während Stefan noch aus dem schattigen, vereisten Loch rauskreuchen durfte. Nach schnellem Fußabstieg zu den Skiern und im mittlerweile Sulz zurück zum Auto abgefahren.

 

Dieses Mal waren war unser Zeitmanagement besser und wir waren vom Eis weg, bevor es zu arg tauen konnte. Ob es gutes Eis war hatte sich uns nicht wirklich erschlossen. Am Tag zuvor taute es ziemlich und am Wildenfall war es ziemlich splittrig. Kommt Zeit, kommt Erfahrung, aber wohl nicht, wenn man das nur alle Jahre mal macht. Immerhin haben wir uns nicht ganz so blöd angestellt wie beim letzten Mal und waren auch deutlich zügiger unterwegs. Allerdings ist es auch nicht die Art Sport, die ich unbedingt mehr als ein Wochenende pro Winter machen will. Dann doch lieber Skitouren oder Felsklettern.

 

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© Thomas Schaub