Fels und Wasser – 10 Tage zu Fuß durch den Triglav-Nationalpark (2020) 

 

Viel Fels und viel Wasser in einer Ecke der Alpen wo sich noch Bär, Auerhahn und Steinbock gute Nacht sagen können. Willkommen in den Julischen Alpen!

 

Diese erheben sich im Südosten des Alpenbogens als beindruckender Gebirgsstock, bevor das dinarische Gebirge beginnt. Die absoluten Gipfelhöhen mit maximal 2864 m (Triglav) sind auch im alpenweiten Vergleich erst mal nicht beeindruckend, allerdings sind die Täler sehr tief und das Profil ist äußerst schroff, so dass man sich da durchaus einiges an Höhenmetern in teils recht steilem Gelände in die Beine laufen darf. Ein Großteil des slowenischen Teils der Julischen Alpen ist seit Jahrzehnten durch den Triglav-Nationalpark vor einer weiteren Erschließung geschützt, aber nichtsdestotrotz gibt es eine hervorragende Infrastruktur an rustikalen Berghütten für Mehrtagestouren (wild campen im Nationalpark ist eh strikt verboten).

 

Uns stand schon länger zur Abwechslung nach einer Weitwanderung von Hütte zu Hütte, und nur das mit dabei zu haben, was man auf dem Rücken trägt. Die Prämisse war eine möglichst abwechslungsreiche Strecke mit dem ein oder anderen Gipfel.

 

Schroffe Kalkgipfel, ausgedehnte Karstflächen, tiefe idyllische Täler mit herrlichen naturbelassenen Bächen und Flüssen prägen die Landschaft und boten demnach viele Kontraste bei der Durchwanderung des Gebiets. Man sollte aber nicht dem Irrglauben verfallen, dass im Süden das Wetter im Sommer immer gut ist. Das viele Wasser in den Bächen muss ja auch irgendwo herkommen. Wir erlebten Ende August/Anfang September dort eine Woche mit einem veritablen Wettersturz: Derbe langanhaltende Gewitter, Nebel und Neuschnee bis auf 2500m runter (was am Triglav durchaus nachteilig war). Schlechtes Wetter hatte andererseits den Vorteil, dass es die Leute aus dem Gebirge hielt und wir hatten etliche Etappen, wo uns stundenlang niemand anderes begegnet ist. Zudem waren die Hütten deshalb auch ziemlich leer. Die Runde war auf jeden Fall sehr lohnend und etwas anderes als die üblichen Kletterurlaube auch wenn ich mir in der ein oder anderen Ecke dort gewünscht hätte, das Kletterequipment dabei gehabt zu haben, aber das kann man auch noch später nachholen.

 

Die Tour:

Die Planung für die Runde vom 30.08-08.09.2020 übernahm dieses Mal Susanne und erforderte Dank Covid-19 einiges an Mehraufwand die Übernachtungsmöglichkeiten zu Organisieren sowie Flexibilität bei der Route, weil ab einer Woche vorher z.B. der Grenzübergang Slowenien-Österreich für uns zu Fuß nicht mehr erlaubt war und so die ursprünglich elfte Etappe über die Karawanken nach Österreich gestrichen werden musste.

 

Start- und Endpunkt war der Touristenort Kranjska Gora am Rande des Triglav-Nationalparks. In zehn Etappen ging es auf 123.9 km Wegstrecke und 8426 hm Aufstieg und genauso vielen Metern im Abstieg durch das Gebiet. Zu den einzelnen Etappen nun die weiteren Details.

 

Etappe 1: Kranjska Gora – Koca na Gozdu (7.2 km, 417 hm) 

Die kürzeste Etappe zu Beginn, was sich im Nachhinein als kluge Entscheidung herausstellte, da das Wetter an diesem Tag sehr räudig war. Starkregen und Gewitter den ganzen Tag über, wir wurden also zum Auftakt erst einmal gut eingenässt. Die Etappe folgte dem gut ausgeschilderten Wanderweg (Teil des Alpe-Adria Trails) von Kranjska Gora zur gemütlichen Hütte Koca na Gozdu (1226 m). Bei dem miesen Wetter hatte ich die Kamera nicht ausgepackt, deshalb gibt es zu dieser Etappe auch keine Bilder. 

 

Etappe 2: Koca na Gozdu – Nad Rjavim zlebom – Pogacnikov Dom (12.4 km, 1438 hm)

Am zweiten Tag führte eine der längeren Etappen in das Gebirge hinein. Von der Koca na Gozdu zuerst auf Wanderwegen in Richtung Razor. Der Razor baut sich am Ende des Tales als veritable Felswand auf und man denkt erst einmal gar nicht, dass da noch ein Steig zum Übergang Nad Rjavim zlebom (2352 m) durchführt. Aber ein verstecktes Bänder- und Rampensystem ermöglicht dann doch einen überraschend einfachen, wenn auch schuttigen Durchgang mit ein paar Versicherungen nach slowenischem Stil (ab und an ein paar Meter Stahlseil und Eisenstifte). Etwas Trittsicherheit und Toleranz gegenüber Schotter sollte man mitbringen, was aber auch auf anderen Etappen der Fall war. Vom Übergang könnte man dann noch mit etwa einer Stunde Mehraufwand den Razor-Gipfel mitnehmen, aufgrund aufziehenden Schlechtwetters zogen wir es aber vor, den Schuttabstieg zum Pogacnikov Dom (2050 m) noch möglichst zügig hinter uns zu bringen. So erwischte uns der einsetzende Regen erst kurz vor Erreichen der Hütte. Die Hütte liegt idyllisch über einem Karsee mit fantastischem Ausblick in das Soca-Tal hinein. Ob Schmuddelwetter waren wir in Summe nur vier Gäste auf der etwas abgelegenen Hütte, was für eine recht entspannte Stimmung sorgte.

 

 

Etappe 3: Pogacnikov Dom – Triglavski Dom (9 km, 1495 hm)

Etappe 3 ging zum Gipfelaufbau des slowenischen Nationalsymbols, auch wenn es in der Nacht bis auf 2000 m runter Neuschnee gebracht hatte. Zuerst ein kurzer Aufstieg zum Übergang Dovska Vratca (2176 m) gefolgt von erst einmal gut 1000 hm steil-schuttigen Abstiegs ins Tal zum Einstieg des „Prag Steigs“. Landschaftlich ein imposanter Abstieg, da sich vor einem die riesige Nordwandmauer des Triglavs erhebt. Der an ein paar Stellen versicherte „Prag Steig“ ermöglicht einen zwar steilen und teils schottrigen, aber landschaftlich überaus reizvollen Aufstieg am linken Rand besagter Nordwand auf das Karstplateau 1000 m höher. Ob des Wetters waren wir an diesem Tag völlig alleine im Prag-Steig, was wohl nicht so oft vorkommt, da der Triglav das Muss-Ziel slowenischer Bergsteiger ist. Die letzten 100 hm zum Triglavski Dom (2515 m) waren bei dem schmierigen Neuschnee allerdings unangenehm, sorgten aber auch hier für nur wenig Gäste in diesem sehr großen Hüttenkomplex: von den gut 300 Betten dort waren an dem Tag grad mal etwa 10 belegt.

 

 

Etappe 4: Triglavski Dom – Kanjavec – Zasavska Koca (9.3 km, 623 hm)

Für Etappe 4 war eigentlich mit zwei Stunden Mehraufwand noch eingeplant den Triglav-Gipfel zu besteigen. Allerdings zeigte sich an dem Tag das Wetter nochmal von seiner räudigsten Seite: Schneeregen an der Hütte, kaum Sicht wegen Nebel, Wind und dazu noch der schmierige Neuschnee vom Tag vorher. Da verzichteten wir dann doch lieber auf den Gipfelklettersteig, wodurch diese Etappe etwas kürzer als geplant wurde. Immerhin konnten wir noch auf dem Weg zur Hütte den Kanjavec (2569 m) als Gipfel mitnehmen. Da dieser eine Schippe niedriger ist als der Triglav, war dort wenigstens der Schnee schon weg. Der Kanjavec soll angeblich ein hervorragender Aussichtgipfel sein, wir standen dort oben aber leider im dichten Nebel. Im Abstieg zur Zasavska Koca (2071 m) hat man dann schöne Einblick in das liebliche Sieben-Seen-Tal. Die kleine Hütte selbst ist noch sehr rustikal: eine kleine Gaststube, ein 30 Personen Bettenlager unter dem Dach, kein fließendes Wasser und als Sanitäreinrichtung ein etwas abseits gelegenes Plumpsklo. Erstaunlicherweise war diese Hütte voll, ob der Räumlichkeiten irgendwelche Covid-19 konformen Abstände einzuhalten war da nicht möglich (und auch das Bettenlager war vollgepackt…).

 

 

Etappe 5: Zasavska Koca – Trenta (10.1 km, 9 hm)

Eine reine Abstiegsetappe nach Trenta (620 m) in das tief und steil eingeschnittene Tal des Zadnjica. Das Tal ist von großen Wänden des Kanjavec, Trigalv, Razor-Stocks und Zadnjiski Ozebnik eingefasst. Der Zadnjica selbst ist ein wunderschön wilder Gebirgsbach, gespeist von etlichen Quellen und Zuflüssen. In kleinen Ort Trenta bezogen wir dann Unterkunft in einem Apartment. 

 

 

Etappe 6: Soca – Bavski Grintavec – Socaquelle (15.7 km, 1878 hm)

Der anspruchsvollste Teil der Tour auf einen stolzen aber (aus guten Gründen) nicht sonderlich oft bestiegenen Gipfel. Der Bavski Grintavec (2347 m) erhebt sich als steiler Felsberg sehr dominant im Kamm zwischen der hinteren Trenta und dem Soca-Tal. Mit dem Taxi ging es zuerst nach Soca (die Strecke Trenta-Soca zu Fuß war teil der nächsten Wanderetappe) um dann die 1878 hm Anstieg durch die Südflanke anzugehen. Zuerst durch schöne Buchenwälder, dann Nadelwälder, Latschendickicht, nach der Baumgrenze das obligate Schuttkar und dann noch etwas sehr leichte Krabbelkletterei zum Gipfel. Ein zwar langer, aber gut machbarer Aufstieg. Und so schlimm wie im Führer („Mountaineering in Slowenia“) beschrieben war das wirklich nicht, der meint dazu nämlich: „about 2000 m of burning steepness without any real relief is a challenge only for mountaineering masochitst“. An diesem Tag zeigte sich das Wetter wenigstens von der besten Seite und die Aussicht vom Gipfel war fantastisch: die ganzen Julischen Alpen, Blick bis zur Adria aber auch in die hohen Berge im Alpenhauptkamm wie Großglockner.

 

Um in die großartige hintere Trenta zu kommen entschieden wir uns für die Süd-Nord-Überschreitung des Gipfels. Dazu muß man in etwa die Hälfte den nordseitigen „Klettersteig“ hinunter. Schaut vom Gipfel diesen Abstiegsweg hinunter, so sieht das wenig einladend steil, schottrig und ausgesetzt aus. Und leider war es auch so. An ein paar Stellen hat es zwar mal etwas Stahlkabel oder ein paar Haltestangen, den größten Teil darf man aber im ausgesetzten Absturzgelände in wenig solidem Untergrund so absteigen/abklettern. Alles andere als eine durchgesicherte „Via Ferrata“. Durch Steinschlag und den Starkregen Tage vorher hatte der Steig und auch die Versicherungen offensichtlich recht gelitten. Wir durften seilfrei bis in den dritten Grad durch teils ziemlich Bruch absteigen, da es einige Versicherungen weggefatzt hatte. Schön war das nicht und erforderte einiges an Abgebrühtheit, letztendlich erreichten wir dann aber das sichere Kar für den Weiterweg durch die obere Trenta in Richtung Socaquelle. Tja, am Ende des Weges (als dann am Beginn des nordseitigen Anstiegs) waren dann zwei Schilder vom Slowenischen Alpenverein angeracht die deutlich darauf hinwiesen, dass der nordseitige Anstieg auf den Bavski Grintavec (den wir gerade heruntergekommen waren) wegen Beschädigung bis auf weiteres gesperrt sei. Das erklärte auch die kaputten Sicherungen. Blöd wenn man eine Überschreitung macht und auf der Südseite oder am Gipfel sich dieser Hinweis nicht findet… Aber wie sagen die Sachsen zu so einer Situation: „´S ging ooch“. Nochmal will ich das aber nicht unbedingt machen. Die hintere Trenta ist dann wieder ein sehr schönes Tal mit dem mächtigen Jalovec rechterhand und der Socaquelle am Ende. Von dort dann zurück mit dem Bus nach Trenta, da dieser Abschnitt eh noch bei der vorletzten Etappe zu Fuß gemacht werden sollte.

 

 

Etappe 7: Trenta – Bovec (22.3 km, 255 hm)

Hier folgten wir auf gutem Wanderweg dem Alpe-Adria-Trail von Trenta aus an der schönen und naturbelassenen Soca entlang bis Bovec. Eine gemütliche Etappe, geprägt vom türkisenen Wasser der Soca gespickt. Teils hat sich die Soca tief in den Kalk eingeschnitten, anderorts ist sie dann wieder recht breit. Es war Top-Wetter an diesem Tag und ab Soca wurde der Fluss auch immer mehr von Wassersportlern (Kajak und Rafting) bevölkert, was nach einem großen Spaß aussah und uns zum Programm des nächsten Tages inspirierte. Im Touristenort Bovec bezogen wir dann Unterkunft in einem netten Hostel.

 

 

Etappe 8: Bovec – Fort Hermann – Bovec (13.5 km, 419 hm)

Dieser Tag war als Rasttag geplant. Unser Hostel bot auch geführte Raftingtouren auf der Soca an, die gerade gut Wasser führte. Das wollten wir uns nicht entgehen lassen und wir machten vormittags eine sehr lustige 10 km Rafting-Tour auf diesem Wildfluss incl. der ein oder anderen Sprung- und Badeeinlage. Die gut 13.5 km lange Nachmittagswanderung führte uns als Kulturprogramm dann noch hoch zur alten Festungsanlage „Fort Hermann/Kluze“. Dies war im ersten Weltkrieg Teil der Befestigungsanlagen der k.u.k Armee in den sehr blutigen Isonza-Schlachten. Die Anlagen liegen über einer sehenswert schmal eingeschnittenen Klamm und beherbergen ein Museum mit Exponaten zur Historie des Ortes. Fort Hermann selbst wurde im ersten Weltkrieg von den italienischen Truppen vom Fuße des Kanins aus per Artillerie mit etwa 3800 Granaten beschossen, wovon wohl nur 200 das Fort trafen aber dieses relativ stark beschädigten. Fort Hermann wurde in diesem Zustand als Denk/Mahnmal belassen und die Ruine ist frei zugänglich. In Kombination mit dem Museum auf jeden Fall sehr lohnend und den ausgedehnten Spaziergang von Bovec aus Wert.  

 

 

Etappe 9: Trenta – Vrsic Pass (11 km, 1146 hm)

Mit dem Linienbus zuerst von Bovec nach Trenta zurück um dann zum Vrsic-Pass (1641 m) aufzusteigen. Auf dem Weg kommt man an der Soca-Quelle vorbei, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Gegen Ende zwar etwas schmierig steil, aber gut mit Stahlseilen versichert gelangt man zu der eindrücklichen Quelle, wo die junge Soca direkt aus dem Berg strömt und schon recht viel Wasser hat. Unterkunft bezogen wir am Pass im Großen rustikal-gemütlichen „Ticarjev Dom“ vom Slowenischen Alpenverein. Dort kann man zudem hervorragend Essen, wenn man deftige Kost mag. Leider war es wieder ein Regentag mit nur wenig Aussicht, da der Vrsic-Pass und die umliegenden Berge beharrlich in den Wolken hingen.

 

 

Etappe 10: Vrsic Pass – Mala Mojstrovka – Kranjska Gora (13.4 km, 746 hm)

Zum Abschluss zuerst noch ein Gipfel vor dem Abstieg nach Kranjska Gora zurück. Der „Mala Mojsstrovka“ (2333 m) läßt sich vom Pass auf aus zwar (wie so oft) schottrigem Weg aber gut gangbarem Weg mit 700 hm Aufstieg mitnehmen. Zwar hing morgens der Pass immer noch im Nebel, kurz vor dem Gipfel gelangten wir aber über die Wolken und hatten einen genialen Ausblick auf die hohen julischen Gipfel, die aus dem Nebelmeer ragten. Ein herrliches Ambient und wir waren auf diesem wohl oft begangenen Berg alleine! Der Weg zurück zum Ausgangspunkt führte dann durch das schöne Tal des Pisnica und damit zum Ende dieser lohnenden 10-Tage Rundtour.

 

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© Thomas Schaub