Sternchenwege und ein großer Bach – Elbsandstein 2018

 

Das Elbsandsteingebirge hat aufgrund der eigenwilligen Regelungen bei vielen heutigen Kletterern einen durchaus wenig attraktiven Ruf: Außer den, gerade in leichteren Wegen, eher spärlich gesetzten Sicherungsringen nur Absicherung der Routen mit Schlingen, striktes Magnesiaverbot, Toprope ist verpönt, oft verhältnismäßig lange Anmärsche und bei Riss- und Kaminklettereien oft für Nichtsandsteinkletterer hart anmutende Bewertungen.

 

Tja, ich mag es genau deswegen und dies sorgt dafür, dass die ganz großen Massen fernbleiben. Zudem ist es landschaftlich wie von der Kletterei her (viele Kamine, lecker!) einfach genial im Elbsandstein. Was meines Erachtens auch zu wenig beachtet wird ist, dass wenn der Schwierigkeitsgrad sitzt, es wohl das Gebiet mit den schönsten leichten Routen ist, welches ich kenne.

 

Mit meinem Kletterkumpels war ich schon oft bei richtig guten Bedingungen dort und konnte über die Jahre etliches Klettern, mit der Liebsten war ich bislang allerdings nur in der nassen und kalten Jahreszeit dort, wo dann ob Felsfeuchte außen das Programm eigentlich nur aus Routen der Liga „Kamin innehaltend zum Gipfel“ bestand. Auch fein, aber meine bessere Hälfte, Kaminen durchaus nicht abgeneigt, wollte dann irgendwann auch mal einen Gipfel dort eher außen beklettern. Aufgrund der eh schon hohen (Flug)Reisetätigkeit in diesem Jahr war dann eine Woche ausspannen in Elbsandstein im August genau das Richtige. Das Basislager wurde auf dem wohlbekannten Camping Entenfarm in Hohnstein aufgeschlagen und das Wetter zeigte sich in diesem Trockensommer von der besten Seite.

 

Wie schon oben erwähnt bietet das Elbsandstein eine unglaubliche Anzahl an leichten aber trotzdem sehr schönen Routen. Im heutzutage durch den Schwierigkeitsgrad definierten Sportklettern haben viele ein Problem damit Routen deutlich unter dem eigenen Leistungslimit zu Klettern, sowas gilt ja dann gerne mal als Zeitverschwendung. Als passionierter Genießer ist mir es aber ziemlich egal, welche Schwierigkeitsgrad die Route hat, Hauptsache sie ist schön (OK, Schönheit liegt sehr im Auge des Betrachters) und ich komme hoch. Die sächsischen Standardkletterführer vergeben für ausgewählte schöne Routen ein Sternchen, für außergewöhnlich schöne Routen zwei Sternchen. Das sind dann Routen die man machen sollte, wenn der Schwierigkeitsgrad sitzt. Um der Gattin die Schmankerln des Gebirges zu bieten und sie auch nicht unnötig zu stressen lag deshalb der Schwerpunkt der Routen auf Sternchenwege bis in den vierten Grad. Auch in Anbetracht dessen, dass ich aufgrund eines frischen Bandscheibenvorfalls, der mir auf den Ischias drückte, etwas angeschlagen war, wollte ich es gemütlich angehen, v.a. da ich in der Seilschaft Schaub-Schaub die Wege führen darf. Immerhin hatte mir mein Physiotherapeut empfohlen, zur Reha Klettern zu gehen…

 

 

 

Der Auftakt war in den Schrammsteinen im mittleren Teil der Torsteinkette, mit mir wohlbekannten Einklettergipfeln wie Zackkenkrone, Flasche, Spitzer Turm, Bierdeckel, eine Ecke reich an moderaten und übersichtlichen Sternchenwegen. Zudem kamen an dem Tag noch Uwe, Ben, Melanie und Tobi vorbei, so dass wir eine schöne Truppe waren und jede Seilschaft dort aufgrund der großen Wegeauswahl ihr Ding machen konnte. Als Sternchenwandkletterei machten wir den „Westgrat“ über die „Variante“ auf den Bierdeckel (IV, ein Sternchen), den „Alten Weg“ auf die Zackenkrone (IV, ein Sternchen; OK, gut die Hälfte des Weges ist Kaminkletterei, aber die Kletterschwierigkeit ist immerhin eine Wandstelle) und die „Löschnerwand“ auf den Spitzen Turm (IV, zwei Sternchen; hatte ich vorher irgendwie noch nie gemacht weil oft dauerbelegt). Sehr schöne Routen, alle zum Wohlgefallen der Holden. Als alter Kaminliebhaber gab es noch als Zugabe den „Alten Weg“ (II) auf den Spitzen Turm sowie den „Schartenweg“ (II) auf die Flasche. Beide Wege aber ohne Sternchen.

 

Anderntags war das Ziel der Falkenstein um der Liebsten mit dem „Schusterweg“ (III, zwei Sternchen) einer der großen Klassiker des Gebirges zu zeigen. Da der Weg oft überlaufen ist und an dem Tag 35°C vorhergesagt waren standen wir um neun am Einstieg. Glücklicherweise war keine andere Seilschaft weit und breit (OK, es war auch ein Montag und die Sommerferien waren in Sachsen vorbei). Vor ein paar Jahren hatte ich den Weg mal zu meinem Geburtstag mit dem Seil auf dem Rücken zusammen mit Tommy im Gruppensolo geklettert, mit der Liebsten dieses mal aber in klassischer Seilschaft in etwa 7 Seillängen auf den wunderbar erhabenen Gipfel. Den Schusterweg hier weiter anzupreisen wäre wie Eulen nach Athen tragen, deshalb wird hier auf weitere Details verzichtet. Trotz mancher Kaminpassage hat der Weg und der Gipfel der Gattin sehr gut gefallen und wir waren pünktlich um zwölf wieder unten, bevor es uns zu warm wurde. Als wir runterkamen, stieg dann eine weitere Seilschaft ein. Naja, wer die Wärme braucht. Nach etwas Siesta fuhren wir dann noch an den Gamrig (aka große Sandburg) um am Heidenstein die „Südwestrippe“ (III, zwei Sternchen) zu machen. Da langsam Gewitter aufzogen beendeten wir den Klettertag und zogen uns ins Zelt zurück, genau rechtzeitig vor dem Regen. Gute Bergsteige sind beim Gewitter nicht mehr auf dem Gipfel.

 

In der Nacht regnete es einiges, somit war der Dienstag dann der perfekte Tag für den, neben dem Klettern, anderen Programmpunkt der Elbsandsteinfahrt: Mit dem Kajak auf der Elbe durch das Elbsandsteingebirge. Das wollte ich seit Jahren schon machen, es hatte aber bisher irgendwie nie geklappt. Zu Vorbereitung hierfür fuhren wir die Woche zuvor schon den Neckar von Eberbach bis Ziegelhausen durch den Odenwald ab: 30 km, durchaus anstrengend da der Neckar aufgrund er ganzen Staustufen kaum Strömung hat. Das Auto wurde in Rathen am Bahnhof geparkt und mit unserem aufblasbaren Zweierkajak ging es dann per Zug bis nach Schöna an die tschechische Grenze. Ben stieß auch dazu, da er genau die Tour schon länger auf dem Plan hatte, allerdings per Stand-Up Paddeling (OK, es war Teils auch „Sit-Down“- sowie „Knee-Down“-Paddeling). Sonderlich viel Wasser hatte die Elbe nicht, dafür war sie sehr warm und hatte doch deutlich mehr Strömung als der behäbige Neckar, was einem das flußabwärtspaddeln natürlich deutlich erleichtert. Im Endeffekt war die eigentliche Tour deutlich weniger anstrengend als die Vorbereitungstour und mit 25 km auch etwas kürzer. Aber man kann nie zu gut vorbereitet sein! Landschaftlich war es wirklich wunderbar unter den Schrammsteinen vorbeizupaddeln, dann die Elbschleife mit dem Lilienstein und Königstein und zum Schluss als Highlight unter den Wänden bei Rathen vorbei bis Wehlen. Zur Mittagrast fanden wir in Krippen sogar eine Gaststätte, bei der wir quasi mit dem Boot an der Terrasse anlegen konnten. Eine sehr feine Sache. Auch wer jetzt nicht so der große Paddler ist, die Tour kann ich wirklich jedem ans Herz legen. Vor Ort hätte es auch mehr als genügend Anbieter, bei denen man sich ein Boot leihen kann, falls man denn kein eigenes besitzt.

 

Durch die Hitze am Dienstag war mittwochs wieder als knorztrocken und wir verzogen uns in den großen Zschand, die wohl wildromantischste Ecke des Elbsandsteins. Relativ lange Anmärsche, dafür aber meist Ruhe und auch einige eher selten besuchte Gipfel. Der ursprüngliche Plan an Backofen & Co zu klettern wurde allerdings am Zeughaus zunichte gemacht, da auf dem Weg dorthin gerade umfangreiche Forstarbeiten stattfanden und dieser deshalb gesperrt war. Tja, Nationalpark und Kernzone sag ich nur. Aufgrund des Wegegebotes kann man das dann nicht einfach querfeldein umgehen, man könnt ja die Natur stören (was die Vollernter der Forstarbeiter in der Kernzone wohl nicht tun… kein weiterer Kommentar). Nach kurzer Planänderung gingen wir dann auf dem Goldsteig bis zum abgelegenen Goldsteighorn um dort den „Alten Weg“ (II, ein Sternchen) zu klettern. Ein verhältnismäßig selten besuchter Gipfel, auf welchem noch ein altes Gipfelbuch aus DDR-Zeiten aufliegt, das aber noch lange nicht voll ist. Der Weg an sich hat das Sternchen nur für den genialen oberen Teil verdient. Unten muss man sich erstmal 30m ungesichert durch eine ziemlich sandige Steilschlucht wühlen. Dafür entschädigt der Ausblick vom Gipfel: Zschand vom allerfeinsten. Es erübrigt sich zu sagen, dass wir ganz alleine am Gipfel waren, ich vermute die gut sechs Kilometer Zustieg (ein Weg) vom nächsten Parkplatz sorgen dafür, den Andrang überschaubar zu halten. Als alter Quackenstecher ließ ich es mir aber nicht nehmen, dem nahgelegenen Waldgeist über den „Alten Weg“ (III) mal wieder einen Besuch abzustatten, immerhin war der Weg trocken, was an dem „Gipfel“ (Dreckhaufen würde besser zutreffen) wohl nicht so oft vorkommt. Da daneben der Meilerstein steht konnte ich dort im „Alten Weg“ (II) zudem noch testen, ob mein Körperumfang in den letzten Jahren merklich zugelegt hat. Der Alte Weg führt mitten im Fels durch einen teils sehr engen Kamin, und das letzte Mal vor vier Jahren durfte ich schon etwas kämpfen, um durchzukommen. Es passte aber auch diesmal irgendwie nach einiger Quetscherei, also ist erst einmal keine Diät angesagt. Die deutlich zierlichere Gattin empfand diese Stelle allerdings als wenig schwierig. Eine der wenigen Klettereien wo es von Vorteil ist, klein zu sein. Um den Tag noch mit einer schönen Wanderung zu verbinden ging es durch die Richterschlucht hoch und dann rüber zum kleinen Zschand, um beim Rückweg mit dem lustigen „Alten Weg“ auf die Wartburg (II, zwei Sternchen) noch einen weiteren Sternchenweg einzusacken.

 

Da es gut trocken war kletterten wir anderntags in Rathen, ob der grandiosen Landschaft und des tollen (aber teils sandigem) Henkelfelses immer einen Besuch wert. Susanne war dort noch nie zuvor, also ging es frühmorgens, vor den Tourimassen, erst einmal über die Basteibrücke runter in den Amselgrund und dann hoch zum vorderen Gansfels. Dieser bietet aufgrund der mittigen Lage und da es ein ziemlich hoher Gipfel ist, aussichtmäßig ziemlich viel. Auch wusste ich von einigen vorherigen Besuchen, dass die Kletterei dort super ist. Den einfachen, aber langen „Hartmannweg“ (II, ein Sternchen) kannte ich aber selbst noch nicht, also genau das Richtige für uns. In vier Seillängen toller Kletterei ging es auf den imposanten Gipfel. Wir waren die einzigen Kletterer an den Ganzfelsen, während sich mittlerweile die Massen über die Basteibrücke gegenüber wälzten. Ein sehr schöner Kontrast. Da es wieder ein recht warmer Tag war verzogen wir uns dann auf die andere Seite zum Türkenkopf, der mir als Gipfel auch noch fehlte. Der lustige „Alte Weg“ (III, zwei Sternchen) geht nordostseitig hoch, genau das richtige für einen heißen Nachmittag. Und auch hier waren wir wieder allein. Als alter Gipfelsammler mussten dann auch noch die benachbarten Gipfel Östlicher Feldkopf sowie Honigsteinkopf über deren kurze aber zugegebenermaßen müllige Alten Wege (I bzw. II) bestiegen werden. Auf dem Rückweg ins Tal kamen wir dann noch an einer schattigen Quacke, dem Lithostein, vorbei. Einer der Haufen, die wohl den Großteil des Jahres feucht sind, aber auch hier zeigte die lange Trockenperiode Wirkung und der „Alte Weg“ (IV) bot überraschenderweise schöne Kletterei mit wenig Mauch. Auch gut, noch ein Gipfel abgehakt.

 

Dank des Wetters war die Ausfahrt nach Sachsen ziemlich genüsslich und Susanne konnte jetzt auch endlich mal ein paar der Gipfel außen, auf schönen Wegen beklettern (OK, es waren auch einige Kaminmeter dabei). Neun Sternchenwege geklettert und noch schön die Elbe runtergepaddelt, eine feine Sache. Genußklettergebiet Elbsandstein sag ich nur…

 

Anmerkung zu den Bildern: Ich hatte ausnahmsweise leider keine Kamera sondern nur das Telefon dabei. Deshalb auch die sehr mäßige Bildqualittät. Ich sags ja immer: ein Telefon nimmt man zum telefonieren, eine Kamera zum Bilder machen. Andererseits: Die beste Kamera ist die, die man gerade dabei hat...

 

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© Thomas Schaub