Südvogesen Wildes Mittelgebirge – Alpines Trainingsgelände in den Südvogesen

 

Man muss nicht immer in die Ferne schweifen, wenn es etwas mit alpinem Touch sein soll. In den nahegelegenen Südvogesen rund um den Col de la Schlucht gibt es gute Möglichkeiten sowohl im Sommer als auch im Winter den etwas alpineren Tätigkeiten zu frönen ohne dabei eine allzu lange Anfahrt in Kauf nehmen zu müssen. Natürlich ist es immer noch ein Mittelgebirge und alles ist doch deutlich kleiner, leichter zugänglich sowie wenig ernsthafter im Vergleich zum großen europäischen Gebirge weiter im Süden. Nichtsdestotrotz ist es eine über die Jahre liebgewonnen Alternative geworden, wenn die Bedingungen mal nicht so prickelnd sind oder wir nur einen Tag Zeit haben.

 

 

Der große subalpine Spielplatz am Col de la Schlucht konzentriert sich primär um die beiden Gipfel Hoheneck und Kastellberg. Diese können auch im Winter sehr bequem über die „Route des Crêtes“ angefahren und die Gipfel dann nach ein paar Minuten Fußmarsch erreicht werden. Dies bedeutet für Skitouren aber auch: Erst die Abfahrt, dann der Aufstieg…

Wenn man den Kastellberg und das Hoheneck von Westen betrachtet, dann sind es eigentlich nur unbewaldete, sanfte Hügel. Am Kastellberg ist westlich noch ein Skigebiet und beide Gipfel sind im Sommer wie im Winter ein sehr beliebtes Wanderziel. Besonders wild wirkt hier überhaupt nichts, nein, es ist eher die typisch-harmlose Mittelgebirgsidylle.

 

Nach Osten hin sieht es aber dann doch etwas anders aus: die Gletscher der letzten Eiszeiten haben hier ganze Arbeit geleistet und aus dem Südvogesengranit einige hunderte Meter tiefe, steile Kare herausgehobelt. Wo der Fels widerstandsfähig genug war blieben an den Begrenzungen der Kare schöne Granitwände wie die Martinswand stehen oder aber auch Felsgrate wie die Spitzkoepfe. In diese Kare ziehen auch etliche Couloirs verschiedenster Neigung hinab, welche sich im Winter ordentlich mit Schnee füllen können. Zu diesen geologischen Begebenheiten, welche diese Gegend zu einem alpinen Trainingsgelände machen, gesellen sich noch klimatische Gründe: Die Vogesen sind das erste große Hindernis für die feuchten Luftmassen vom Atlantik (Frankreich ist nach Westen hin doch ziemlich flach), weshalb es hier deutlich mehr Niederschläge als im Schwarzwald hat. Zudem sind die Kammbereiche sehr exponiert und es können hohe Windgeschwindigkeiten auftreten. Durch die oft auftretenden Westwinde führt dies im Winter zu teils starker Überwechtung der ostseitigen Kare, wie man es in einem Mittelgebirge eher nicht erwarten würde. Daraus resultiert auch ein nicht zu unterschätzende Gefahr von Lawinen bzw. Wechtenabbrüchen, was man bei seiner Tourenplanung einfließen lassen sollte. Andererseits sorgt dies aber dafür, dass sich in den Karen der Schnee recht lange hält wodurch man im Frühjahr oft guten Firn vorfinden kann.

 

Aber was kann man in dem alpinen Trainingsgelände jetzt eigentlich alles machen?

 

Ich fange mal mit dem Winter und zwar mit der Beschäftigung auf zwei Brettern an:

 

Wie oben erwähnt gibt es zwar auch Skigebiete, aber die ignorieren wir geflissentlich. Als harmlosere und auch im Hochwinter gut machbare Option bieten sich Skitouren an, mit der Besonderheit das erst die Abfahrt und dann der Aufstieg kommt. Vom Gipfel des Kastellbergs zum Beispiel kann man über sanfte und freie Hänge gen Osten abfahren, so weit wie es die Schneealge zulässt und vor allem wie weit man sich durch den nach den freien Hängen folgenden Wald schlagen will. Sebastian und ich haben das vor ein paar Jahren als Alternative für eine geplante Skitour im Allgäu gemacht, da dort an dem Wochenende -25°C gemeldet waren. Dies war uns doch zu frisch, weshalb es ins Mittelgebirge ging. Da hatte es leider auch -20°C und dazu noch stramm Wind. Auf gut Deutsch: Es war arschkalt. Da wir auch gerne das Skitragen üben wollten haben wir uns durch den Wald am Lac de Schiessrothried vorbei zur Auberger de Schiessroth durchgearbeitet. Von dort konnte man dann über sanfte Hänge zum Petit Hohneck aufsteigen um über den Col du Schaeferthal zum Hohneck zu gelangen. Nach kurzer Abfahrt waren wir wieder am Ausgangpunkt und hatten so eine, äh, abwechslungsreiche Rundtour. Training für die Alpen.

 

Im Frühjahr, bei gutem Firn und wenn die Wechten abgebrochen sind, kann man sich dann aber in deutlich steilerem Skigelände als in der zuvor beschrieben Tour austoben. Zum Skitourensaisonabschluss dieses Winters waren zum Glück gute Bedingungen, um endlich ein paar der Couloirs am Hohneck in den Südvogesen abzufahren. Jeweils etwa 300 hm Abfahrt bieten die zentralen Couloirs „Wormspel“ (30°) und „Falimont“ (35°). Wir hatten perfekten Schnee und die Rinnen sind schon rassig, könnten aber gerne doppelt so lange sein. Wer es gerne steiler mag kann z.B. den „Dagobert“ (45°) oder „Premier a gauche“ (40°) probieren. Bei guten Bedingungen im Frühjahr ist man dort aber auch sicher nicht alleine, v.a. da die Couloirs auch gerne als Hochtourentrainingsgelände genutzt werden. Als wir das Wormspel abfuhren kam uns eine Dreierseilschaft in voller Montur (Steigeisen, Pickel, Seil etc.) im Aufstieg entgegen. An dem Tag waren grob geschätzt 40 (!) Hochtourenanwärter in den verschiedenen Couloirs im Aufstieg unterwegs. Also Obacht bei der Abfahrt in den Couloirs, nicht dass man eine Seilschaft im Aufstieg umholzt.

 

Was im Winter auch öfters gemacht wird um das Mixed-Klettern zu üben ist der Grat der Spitzkoepfe, welcher am Kastellberg endet. Der Grat ist als „terrrain d´aventure“ ausgewiesen d.h. es stecken keine Bohrhaken, es sind etwa sechs Seillängen mit je 30 m (+ Gehgelände dazwischen) und tütet maximal bei 3c-4b ein, je nach Wegführung. An sich ist die Tour wenig ernsthaft, da man im Zweifel mit einmal Abseilen gen Norden wieder im Wald steht und zu Fuß absteigen kann. Zu einer Begehung konnte ich Martin im Dezember 2012 überreden und wir gingen den Grat bei besten schottischen Bedingungen an: Es lag gar nicht mal so viel Schnee, dafür gab es durchgehend Schneeregen in Kombination mit ziemlich strammen Wind. Das Teil wurde gemacht, aber schön war anders. Am Ende waren wir klatschnass und durchgefroren. Training für Begehungen unter eher widrigen Bedingungen, dafür hatten wir bei dem Mistwetter (wie eingangs erwähnt, die Gegend ist niederschlagsreich) den ganzen Tag niemand anderes angetroffen. Immerhin.

 

Im Sommer sieht es dann, gutes Wetter vorausgesetzt, etwas anders aus und das alpine Training geht eher in Richtung plaisir. Die Spitzkoepfe haben meine Liebste und ich auch schon an einem schönen, aber windigen, Junitag gemacht. Dann ist es eine wunderbare, wenige schwere Gratkletterei, die für Mittelgebirgsverhältnisse relativ lang ist. Da kann man gut das Klettern am laufenden Sail üben und auch Standplatzbau etc. da es kein Fixmaterial im Fels hat.

 

Um richtiges Granitklettern zu üben ist dann die Martinswand prädestiniert oder aber auch wenn einen schlechten Wetter aus den Alpen vertreibt. So war es bei uns 2010 einmal der Fall war, als wir nach einem Tag am Bockmattli dort rausgespült wurden und wir spontan die Martinswand als Ausweichziel gewählt haben. Der Fels hat max. 90m Wandhöhe und der Granit ist perfekt. Aktuell gibt es dort 93 Routen vom dritten bis achten Franzosengrat, wobei der Schwerpunkt bei fünf und sechs liegt, also im Breitensportbereich. Leider wurden alle Touren eingebohrt, so dass man nicht mit mobilem Material arbeiten braucht. Schade eigentlich, einige Routen wären prädestiniert dafür und der Fels ist ultrasolide. Aber andere Länder, andere Sitten, nur dass der alpine Trainingscharakter darunter etwas leidet.

 

In diesem Sinne kann ich einen Besuch der Südvogesen zum Klettern, Skifahren, Firnstapfen oder Mixed-Klettern empfehlen, wenn es einfach mal eine Nummer kleiner sein soll. Macht irgendwie auch Spaß und darum geht es ja eigentlich.

 

Weiterführende Infos:

 

Skitouren und Abfahrten durch die Couloirs: „Schwarzwald mit Vogesen“, Matthias Schopp, Rother Skitourenführer (2016)

Fels + Eisklettern in den Südvogesen: „Est calades – le topo d´esclade des Vosges du sud, 2ème édition“, Jacques Dreyer, Club Alpin Francais de Mulhouse (2010)

Datenbank mit allen Klettertouren an der Martinswand (französisch): 

www.escalade-alsace.com/bddpv/bddpv_falaise.php?fid=105

 

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© Thomas Schaub