Die Schreck Heel – Eine Traumtour die man sich verdienen muss (August 2026)

 

Unfassbar guter und rauer Kalk, abgefahrene Wasserrillen, fantastische Kletterei bei der man schon mal die Hände aus den Taschen nehmen darf die aber doch nicht zu schwer ist, nicht überbohrt aber trotzdem sehr gut mobil zusätzlich absicherbar, das Ganze in einer beeindruckenden Wand in wildem Setting. Das hört sich nach Kriterien für eine überlaufene Modetour an bei der man an schönen Wochenenden in der Saison Platzkarten ziehen darf. Tja, wie heißt es aber so schön: Vor der Kletterei schuf Gott (oder wer auch immer) den Zustieg und nach der Kletterei den Abstieg. Und davon bekommt man in der „Schreck-Heel“ (400 m, 6+/7-) an der Freispitze in den Lechtaler Alpen leider mehr als genug, was auch dazu führte, dass Christian und ich an einem schönen Samstag Anfang August bei besten Bedingungen alleine in der Tour waren.

 

Die Tour geht durch die imposante aber irgendwie auch bizarr gelegenen Südwand der Freispitze (2884 m) die auf dem Normalweg schon einer der schwersten Gipfel in dieser Gebirgsgruppe ist. Allerbester Rätkalk ist hier nämlich scharf abgegrenzt in fürchterlich brüchigem aber steilem Mergel eingebettet, durch den leider auch ein Teil des Abstiegs führt. 

 

Rechts die Freispitze mit ihrer Südwand aus bestem Rätkalk. Links begrenzt vom gruselig brüchigen Mergelgrat,  über den der Abstieg ging

 

Die „Schreck-Heel“ war 1969 die erste Route die in dieser Wand eröffnet wurde und die Erstbegeher haben hier der Kletterwelt eine wahre Perle hinterlassen, die auch Eingang in die Neuauflage des „Im Extremen Fels“ fand. Im Netz finden sich auch einige Begehungsberichte und alle schwärmen von der großartigen Kletterei im perfekten Kalk. Wäre da nicht die schon eingangs erwähnte Abgeschiedenheit der Wand… Wir starteten um 06:45 Uhr mit den Fahrrädern am Parkplatz bei Bach auf 1167 m und fuhren erst Mal 9 km durchs Madautal bis zur Materialseilbahn der Memminger Hütte. Von da aus ging es dann per Pedes eine Stunde halbwegs flach weiter ins Parseisertal und dann ins Parseiergries abbiegend Berg aufwärts, an der Schafgufel vorbei und gegen Ende weglos durch den ganzen Schotter zum Einstieg auf 2415 m, den wir um 11 Uhr erreichten. Also 4:15 h Zustieg und dass trotz Mitbenutzung des Fahrrads! Das war schon mal zäh.

 

Aber sobald wir den Fels unter die Griffel bekamen waren die Mühen vergessen. Die erste Länge (30 m, 3) machte ich und die ging ohne Fixmaterial über eine Art Platte. Dann kam schon die Schlüsselseillänge (40 m, 6+/7-) Zuerst ein Piaz  und dann ab in kleingriffige steile Wand mit kompaktem und superrauem Fels. Hier staken die Bohrhaken dann noch recht eng (allerdings auch viel antiquierte Stichbohrhaken wie auch noch weiter oben...). 

 

Christian am Beginn der 6+/7- Seillänge

 

Nach dem Wandteil kam noch ein steiler Riss, der vom Gewitter die Nacht zuvor innen allerdings noch nass war. Christian stieg bis zum Bohrhaken darunter vor, kam dann aber irgendwie nicht weiter, holte mich nach und überlies mir den Riss, den ich kurzerhand einfach mit Cams zupflasterte und wir so weiterkamen. 

 

Der steile Riss in der Schlüssellänge frisst immerhin Cams...

 

In der nächsten Länge (45 m, 5+) war dann wieder Christian dran. Diese begann mit schönen eleganten Quergang im kompakten Gemäuer, der für den Vorsteiger aber besser abgesichert war als für den Nachsteiger und wo noch paar Haken staken um dann in die ersten wunderbaren Wasserrillen abzubiegen. 

 

Die Querung im kompakten Material in Länge 3

 

Dann war ich wieder dran mit einer cleanen Länge (30 m, 4-), die aber nicht Besonderes war und ich paar Cams versenken konnte. Die nächste Länge (35 m, 4+) ging dann wieder an Christian und jetzt waren wir im Wanddteil mit den Wasserrillen, welche die Tour eigentlich ausmachen. Paar Haken staken hier und die Wasserrillen in diesem perfekten Material waren einfach der Wahnsinn. 

 

Länge 5, die Wasserrillen beginnen

 

Dann war ich wieder dran (35 m, 6-) und es wurde steiler, die Rillen feiner aber der Fels rau wie eine Käsereibe. Es staken zwar 6 Haken, aber bis auf den Ausstiegsriss ging in das kompakte Material eigentlich nichts, so dass man hier halt einfach auch mal vom Haken wegklettern musste. Wunderbare Züge, oben raus kräftig und für 6- schon anspruchsvoll, vor allem da man über diesen Fels echt keinen Abgang machen will. Als ich am Stand ankam sah ich dann zum ersten Mal den oberen Wandteil und dachte nur „krass, das wird ja noch viel besser“: ein mit tiefen Wasserrillen durchzogenes Meer aus grauem Kalk baute sich über uns auf. 

 

Länge 6: feine Wasserrillen im Reibeisenfels

 

Christian machte die nächste Länge (60 m, 4+), in der wieder kein Fixmaterial stak und er das Seil komplett ausging. 

 

Länge 7: 60m durch das Meer aus Kalk ohne Haken

 

IIch war dann dran mit den tiefsten Wasserrillen der Tour (50 m, 4+): Wieder ohne Fixmaterial, zumindest auf der Linie wie ich es geklettert habe, und Wasserrillen teils so tief, dass ich komplett reingepasst habe. Der absolute Wahnsinn. In irgendeinem wilden Gemisch aus Schulterriss- und Verschneidungskletterei arbeitete ich mich, munter Cams verbauend, dieses wirklich bizarre Material hoch. 

 

Was für Wasserrillen!

 

Und die gleiche Seillänge von oben; was für abgefahrener Fels!

 

Danach war wieder Christian am Zug (30 m, 5+), es kam nochmal ein kurzer Quergang und dann ging es eine Rippe hoch. Immerhin stak ein Bohrhaken. Die nächste Länge für mich war wieder clean (20 m, 5), danach kam der Ausstiegsriss (25 m, 5+) mit einem Haken. Der sah erst mal steil und anspruchsvoll aus, aber es kam dann doch immer ein Henkel, wenn man einen brauchte.

 

 

Dann waren wir schon raus aus dem Traumkalk und standen um 17:30 Uhr oben im Mergelschotter… Was für ein Kontrast. Auf diesem ging es bis zu Abseilstelle, wo wir 4-mal, wieder über guten Kalk, auf den Mergelgrat abseilten, der die Wand begrenzt. 

 

Nach dem Abseilen auf dem Mergelgrat. Was ein Kontrast.

 

Den schottrigen Mergelgrat verfolgten wir bis zu seiner tiefsten Stelle und zum Glück war dort eine Abseilstell eingerichtet. So konnte wir die oberen 60 m der furchtbar brüchigen Mergelflank abseilen und mussten das nicht abklettern. Danach kamen noch 50 m rottiges Fixseil, bevor es flacher wurde. Immer noch unangenehm stiegen wir im Mergel ab, bevor wir wieder auf das Schotterfeld vom Zustieg trafen. 

 

Abseilen durch den Schotter der Mergelflanke

 

Von dort aus auf bekanntem Weg zu Fuß und mit dem Fahrrad zurück zum Autor, welches wir im Dunklen um 22:35 Uhr erreichten. Ergo gut 5 h (!) Abstieg vom Gipfel. In Summe waren wir 15:45 h unterwegs, haben dabei 33 km Wegstrecke und 2011 hm Aufstieg gemacht. Auch wenn wir nicht die Schnellsten waren hatten es immerhin noch als Tagestour geschafft und kamen um ein Biwak rum. Ha! Aber anderntags waren wir echt erledigt und legten uns zur Rekonvaleszenz gemütlich in den Forggensee…

 

Die "Schreck-Heel" in der Südwand der Freispitze

 

Eine lange Tour...

Druckversion | Sitemap
© Thomas Schaub