Dreams of Switzerland reloaded und dieses Mal im wohlbekannten Revier am Furkapass, zusammen mit Stefan als eingespielte Seilschaft. Wie schon vor einigen Jahren mit zwei Touren aus dem „Dreams of Switzerland“ Führer (siehe auch: Dreams of Switzerland) als Ziel, nämlich der „Niedermann“ an der Grauen Wand sowie den „SW-Pfeiler“ an den Dammazwillingen (beide 5c+/6a). Beides absolute Traumtouren im perfekten Felsen für Freunde gepflegter und nicht allzu schwerer Granitkletterei. Wir hatten dazu auch noch perfektes Wetter für beide Routen am letzten Juliwochenende 2016, also alle richtig gemacht.
Wir starteten schon Donnerstag abends um dann um 23 Uhr am Parkplatz Täsch unser Nachtlager unter freiem Himmel neben dem Auto aufzuschlagen. Freitag morgens dann um 7 Uhr los und um 9 Uhr waren wir am Einstieg der „Niedermann“ an der Grauen Wand. Das in der Führerwerken noch angegebene Firnfeld zum Einstieg ist mittlerweile dem Klimawandel zum Opfer gefallen und eine steile Schutthalde, die man zum Einstieg hochkreuchen darf. Die Mitnahme von Steigeisen und Pickel erübrigt sich deshalb im Sommer. Die Niedermann ist natürlich hinreichend bekannt und als Pause-Tour immer noch, zurecht, sehr beliebt, wir hatten aber zum Glück niemanden vor uns, und gerade als wir einstiegen kam dann auch die Sonne in die Wand. Nach uns kamen stiegen später noch zwei weitere Seilschaften in die Route ein, die aber nicht mehr zu uns aufschließen konnten, wodurch es entspannte Kletterei blieb. Diese Route zu loben und zu empfehlen wäre natürlich wie Eulen nach Ethen zu tragen, ist es doch eine der bekanntesten und seit Jahrzehnten stark frequentierten Grantiklettereien der Schweiz. Die ~400m hohe Wand sieht doch sehr abweisend aus, aber Max Niedermann hat hier vor gut 60 Jahren ein feines Gespür für eine fantastische Linie gefunden die auch noch Generationen später uns Kletterer begeistert. Maßvoll mit Bohrhaken saniert darf man auch immer noch reichlich selbst mit mobilen Sicherungsmitteln Hand anlegen (ein Satz Camalots 0.3-4 ist nützlich; Keile haben wir so gut wie keine gelegt). Die Kletterei ist durchaus abwechslungsreich, und trotz des eher niedrigen Schwierigkeitsgrades oft alles andere als trivial. Gerade die runden Risse im unteren Teil sind oft tüftlig, während es oben raus eher kräftig-rustikal wird, wie am Ziegenrücken oder dem Schulterriss in der zehnten Seillänge. Stefan und ich machten das, wie den Südwestpfeiler in klassischer Wechselführung. Ohne besondere Zwischenfälle arbeiteten wir uns im sonnengewärmten Fele bis hoch und genossen die tolle Aussicht, gerade auf die Dammastockkette. Runter ging es dann in 8 Abseilfahrten über die extra eingerichtet Abseilpiste und wir erreichten pünktlich zum Abendessen die Albert-Heim-Hütte, in der wir auch nächtigten. Wir kennen diese Hütte schon seit langem und bis vor deren Umbau vor einigen Jahren war das noch eine richtig urige Bergsteiger- und Klettererhütte. Seit dem Um- und Ausbau vor ein paar Jahren mehr auf Komfort und anderes Publikum ausgerichtet waren außer uns sonst fast nur Wanderleute dort…
Anderntags machten wir uns dann auf in Richtung des sterbenden Tiefengletscher. Der „SW-Pfeiler“ an den Dammazwillingen ist ob des doch längeren Zustieges deutlich weniger besucht als die Grau Wand (wir waren gestern alleine am Fels), besticht aber durch fantastischen Granit in tollem Setting. Was einen ziemlich traurig stimmt ist der erbärmliche Zustand des Tiefengletscher, der eigentlich nur noch eine große Schutthalde im rapiden Rückzugsgefecht ist. Als ich 2011 das erste Mal dort war, war das noch ein schöner Gletscher, der jetzt aber gerade sein Leben aushaucht und rapide an Masse und Höhe verliert. Das merkt man vor allem an den Routen dort im Kessel. Im Kletterführer von 1992 hat der SW-Pfeiler noch eine Seillänger weniger als im aktuellen Kletterfürher, wo jetzt noch unten eine weitere 30 m lange 5c+-Seillänge durch den Gletscherrückgang dazugekommen ist, sowie ein 30 m hoher Gletscherschliffvorbau, den man so im zweiten Schwierigkeitsgrad hochkrabbeln muss, um an den eigentlichen Einstieg zu komme. D.h. es fehlen gut 60 m Höhe an Eis seit 1992! Die Tour an sich ist aber ein wirkliches Kleinod im perfekten Fels und das Ambiente immer noch wunderbar alpin. Auch hier durften wir zu den Bohrhaken noch eifrig Camalots legen (0.3-4 nützlich) und machten die ersten fünf Seillängen der Tour (5c+, 5c+, 5c+, 5c, 5c) auch wie in der Grauen Wand ohne besondere Zwischenfälle. Die Querung in der dritten Seillänge, die auch die Crux der Toru ist, sieht erst mal bock-schwer aus, mit etwas Gleichgewichtsgefühl und zwei wackligen Fußwechseln ging das dann aber doch erstaunlich gut. Nach Ende der Schwierigkeiten verzichteten wir auf die letzten drei leichten und kürzen Seillängen, da auch die Wettervorhersage kippte und seilten über die Nachbarroute vier Mal ab und hatschten in gut 2.5 Stunden zurück ans Auto mit einem erfrischenden Fußbad zwischendrin.
Es war, wie schon so oft, wieder einmal ein sehr lohnendes Alpinwochende im Granit am Furkapass. Ich war jetzt doch schon das eine oder andere Mal dort unterwegs, weshalb es Zeit wird zu rekapitulieren, was ich dort eigentlich seit 2010 schon gemacht habe:
Groß Furkahorn: „OSO-Grat“ (5), „Via Franz“ (5), „Verklemmter Bergschuh“ (6)
Klein Furkahorn: Normalweg
Galenstock: „SE-Sporn“ (3+)
Hanibal Turm: Zwei Mal die „Conquest of Paradise“ (6, A0), “Hanimoon“ mit Ausstieg „Elefantenrüssel“ (7-)
Chli Bielenhorn: Normalweg (3-mal), „Krampfader“ (7-), „Perrenoud“ (6+)
Dammazwillinge: „SW-Pfeiler“ (6)
Tiefenstock: Normalweg (2-mal)
Gletschorn Sporn: „Enfer doux“ (6+)
Graue Wand: „Niedermann“ (6+)
Das ist dann doch schon einiges, aber da es im Furkagebiet so viel Lohendens gibt, werden sich auch noch weitere Besuche dorthin anbieten, ohne dass mir langweilig wird…