Das Reich der Mitte. Nach dem Niedergang im 19ten Jahrhundert und den Wirren mit großen Verheerungen bis ins späte 20ste Jahrhundert ist China wieder zur Großmacht aufgestiegen, vor der auch Trump kuscht und die unserem bislang exportgestütztem Wirtschaftsmodell das Wasser abgräbt. Ein Land voll großer Geschichte und viel Kultur, von dem wir uns deshalb jetzt auch endlich mal ein eigenes Bild machen wollten.
Wir entschieden uns für das Modell „Viele-Highlights-in-zwei-Wochen-abklappern“, also die Art von Reise ostasiatischer Touristen („Europe-in-a-week“) über die wir uns hierzulande als gerne lustig machen. Ob der schieren Größe und Anzahl an sehenswerten Orten kann man bei so einem Trip natürlich nur einen winzig kleinen Ausschnitt des Landes kennen lernen, aber das was wir gesehen haben, hatte sich wirklich gelohnt. Das Ganze lief organsiert mit Guide in einer Gruppe von 10 Leuten ab, was sicher nicht die blödeste Idee für einen ersten Chinabesuch ist. Grundsätzlich gibt es schon noch ziemliche Sprachbarrieren, ich musste noch nie so oft in zwei Wochen meinen Pass zeigen wie dort und sich im Vorfeld Tickets für viele der sehr begehrten Sehenswürdigkeiten (die rund 1.4 Mrd Einheimischen besuchen diese nämlich auch sehr gerne) zu besorgen ist von zu Hause aus teils wohl auch nicht so einfach. Start war in Peking, nach zwei Tagen in der Hauptstadt ging es mit dem Bus zur 150 km entfernt liegenden Chinesischen Mauer, danach mit dem Schnellzug 500 km nach Datong, von dort mit dem Bus 400 km nach Taiyuan, gefolgt von einer 600 km Schnellzugfahrt nach Xi´an, dann 2 h Inlandsflug nach Guilin und nach zwei Tagen dort in der Gegend ein weiterer 2 h Flug nach Shanghai. Puuuh.
Der Vorteil von den langen Bus- und Zugfahrten war aber, dass wir vor allem in Nordteil Chinas, auch noch einiges vom Land außerhalb der teils ziemlich modernen Metropolen zu sehen bekamen, die das aktuelle Chinabild in unseren Medien (Erneuerbare Energien, Elektroautos und Roboter) dominieren. Dort sahen wir nämlich noch sehr viel kleinteilige Landwirtschaft, die recht personalintensiv betrieben wurde (der Arbeitskräftemangel, für den es angeblich Roboter braucht ist wohl noch nicht in der Breite und auf dem Land angekommen...), riesige dreckige Kohlekraftwerke und Stahlwerke, aufgelassen Bauernhöfe und gerade in den kleineren Städten, also so bis „nur“ 4 Millionen Einwohner, reihenweise fertiggestellte aber unbewohnte Wohnhochhäuser sowie Bauruinen, die Immobilienkrise lässt grüßen.
Wobei es andererseits in den Metropolen wirklich supermodern war. Es ist schon unglaublich, wie stark die Elektrifizierung des Verkehrs schon fortgeschritten ist. Man sieht größtenteils E-Autos, fast nur von chinesischen Herstellern, sowie Unmengen der lautlosen Elektroroller. Also so richtige zum Draufsitzen und nicht diese würdelosen Stehroller die man bei uns überall leihen kann. Zudem viele E-Linienbusse und schon einige E-Trucks. Der Effekt ist, dass es trotz sehr viel Verkehr ungewohnt Ruhig in den Städten ist (zudem wird Hupen nicht gerne gesehen) und die Luft ist sauberer als erwartet. Wenn das mit der Elektromobilität in solch riesigen >20 Millionen Einwohner Städten wir Peking oder Shanghai in der Breite funktioniert braucht mir auch niemand damit kommen, warum das bei uns nicht gehen soll. Liebe deutsche Autohersteller, in China wartet wohl niemand mehr auf supereffiziente Verbrenner, Technologieoffentheit oder doppelt so teure E-Autos wie vergleichbare chinesische Modelle. Ich würde mal sagen passt euch noch so schnell wie möglich an oder „S´isch over“…
Thema Technologie: was Überwachungstechnologie angeht, spielt China leider auch in der Spitzenklasse. Die Kameradichte in den Städten ist einfach nur krass. Das ist schon Totalüberwachung und das Gesichtserkennungssoftware Standard ist, ist auch kein Geheimnis. Wie schon erwähnt, man musst eigentlich auch überall wo man rein wollte nicht nur ein Ticket zeigen, sondern auch seinen Pass (galt auch für Chinesen, die zeigten dann ihre ID-Card). Ich will gar nicht wissen, was für eine Datenspur ich da durch Land gezogen habe, die chinaspezifischen Zahlsysteme per App wie Alipay oder WeChat (unsere Westkreditkarten funktionieren dort außer an Geldautomaten eigentlich nirgends und Bargeld ist auch nicht mehr hoch im Kurs) leisteten dazu auch noch ihren Beitrag. Das wäre auf Dauer nichts für mich.
Ansonsten war es letztlich erstaunlich lässig und mit den Einheimischen gut auszukommen. Ok, man muss recht „aktiv“ bei Warteschlangen anstehen, denn bei der kleinsten Lücke drückt sich sonst jemand vor einen, selbst wenn man am Pissoir wartet, was dann doch irgendwie unangenehm sein kann. An zwei Abenden waren Susanne und ich zum Bahnen ziehen noch in einem öffentlichen Hallenbad in Xi´an, wo wir dann auch die einzigen Langnasen im Wasser waren. Da herrschten auch noch andere Sitten beim Schwimmunterricht für die Kinder nebenan. Brüllen ist dort wohl noch ein legitimes pädagogisches Mittel.
Ein paar Worte zum Essen dürfen natürlich auch nicht fehlen. Wir haben durch die Reihe in den zwei Wochen super gegessen, die chinesischen Küche ist bekanntermaßen so vielfältig wie das Land. Jeden Abend kam eine fette Auswahl an Gerichten auf den Tisch wo sich dann jeder bediente und bekanntermaßen nicht arg viel mit dem zu tun hat, was in unseren Breiten einem als chinesisches Essen aufgetischt wird. Das Konzept des Vegetarismus ist dort allerdings auch nicht wirklich verbreitet, Fleisch oder Fisch ist fast überall drin. Dass in der ostasiatischen Küche (siehe auch Japan) für Erwachsene so gut wir nicht mit Milchprodukten gekocht wird und Käse für die einfach verdorbene Milch ist die man besser nicht anrührt war mir vorher bekannt, ein paar andere Eigenheiten aber nicht unbedingt. Das typische chinesische Frühstück sind zum Beispiel Nudeln in Brühe. Generell gab es im Norden nur wenig Reis, das ist eher das Ding im Süden Chinas (und die obligaten Nudeln sind dort dann halt auch aus Reis gemacht). Das Konzept Süßspeise bzw. süßer Nachtisch ist auch eher unbekannt. Wenn wir Glück hatten, bekamen wir noch etwas Wassermelone nach dem Essen. Gut, die meisten Nachtische bei uns basieren irgendwie auch auf Milch, dann wäre man wieder bei siehe oben. Was wir irgendwie an Süßkram als Snacks bekommen haben war Ok, aber jetzt nicht der Brüller. Salat gabs irgendwie auch nie zum Essen, es war alles gekocht oder gebraten (aber wir oben geschrieben, superlecker!). Und Brot wie wir es kennen gibt es dort natürlich auch nicht. Als wir heimkamen gab deshalb erstmal einen Salat mit viel Käse dran, dazu frisches Roggenbrot und danach einen Joghurt…
Hier dann noch einiges zu den Zielen, die wir besucht haben.
Nach einem Abstecher in die Hutongs, quasi die Altstadt Pekings, am Ankunftstag, stand als erster richtiger Programmpunkt der Platz des Himmlischen Friedens und die daran grenzende verbotene Stand auf dem Programm. Wire hatten nur läppische 1.5 h Wartezeit an de Sicherheitskontrolle (eigentlich waren es drei Kontrollen) um auf diesen historisch doch etwas vorbelasteten Paltz zu kommen. Dort wurde man auch wirklich am pingeligsten gefilzt und die Kamera- und Polizeidichte war selbst für Pekinger Verhältnisse extrem hoch. Die Staatsführung ist da schon etwas nervös. Wenn man dann dort ist, ist es halt einfach erst mal ein sehr großer Platz. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Gut, wer noch ins Mao-Mausoleum wollte, hätte dort dann nochmal 2-3 h anstehen müssen... Durch das schöne Tor des himmlischen Friedens mit dem großen Mao-Portrait dran (war dann irgendwie paradox ist, siehe z,B. die Folgen des von Mao initiierten großen Sprungs oder die von ihm entfesselte Kulturrevolution) geht es dann in die sehr weitläufige verbotene Stadt. Und das ist wirklich eine sehenswerte Palastanlage. Also zumindest von außen, denn in die ganzen Paläste darf man eigentlich nicht rein und wo man von außen reinsehen kann gibt es nicht wirklich viel zu sehen… In Peking besuchten wir auch noch den sehr überlaufenen Sommerpalast mit seinen Seeanlagen sowie den doch schönen Himmelstempel.
Die große Mauer besichtigten wir zum Glück auf einem wirklich ruhigen 8km langen Abschnitt zwischen Gubeiko und Jinshanling. Hier war unsere Gruppe mehr oder minder alleine unterwegs bei der Wanderung über die Mauer. Toll an dem Abschnitt ist auch, dass etwas die Hälft nicht restauriert und teils recht schmal ist. Wie sich in beide Richtughen die Mauer mit ihren unzähligen Wachtürmen bis zum Horizont über die Bergkämme zieht ist etwas, was man mal mit eigenen Augen gesehen haben muss. Immerhin 0.04% dieses mit ~21 000 km Länge größten Bauwerks der Erde haben wir uns jetzt immerhin schon erwandert.
Die Yungang Grotten bei Datong enthalten sehr viele, bis 15 m hohe, aus dem Sandstein kloppte Buddha-Statuen aus dem 5. Und 6. Jahrhundert. Durchaus nett, aber brutal überlaufen. Da war dann „Chinese-Moshpit“ angesagt. Immerhin wird man von der Masse einfach durch die Grotten geschoben. Also Handys hoch und irgendwas geknipst. Alles nach der chinesischen Tourismus Devise „Wenn man nicht dafür anstehen muss, taugt es auch nichts“. Das Hängende Kloster haben wir dann nur von außen angesehen, da man dort nur noch schwer an Karten kommt, da dort echt nicht viel Leute reinpassen bzw. man wirklich sehr lang anstehen müsste. War dann nicht ganz so idyllisch durch den großen Staudamm direkt daneben und dem Shopping-Dorf direkt darunter… Kann man mal hin, man verpasst aber auch nichts, wenn man das auslässt. Kommt auf Bildern besser als in Echt.
Datong selbst ist irgendwie auch bizarr, vor allem, wenn man danach nach Xi´an geht. Datong hatte früher mal eine Stadtmauer aus der Ming-Dynastie, gebaut im gleichen Stil wie die in Xi´an. Die ist über die Jahrhunderte in de von Kohle- und Stahlindustrie geprägten Stadt aber völlig zerfallen und die Altstadt verkommen, Vor ~20 Jahren kam der damalige Bürgermeister auf die Idee für rund 6 Mrd. € die alte kilometerlange Stadtmauer neu zu erreichten, die bisherigen Altstadt in deren Grenzen abzureisen und eine neue Alstadt zu bauen. Aber welch Wunder, irgendwie funktioniert das Konzept nicht. Das Resultat ist eine völlig seelenlose neue Altstadt mit viel Leerstand wo nachts die Gehwege hochgeklappt werden. Der Bürgermeister, der das zu verantworten hatte wurde dann versetzt, die Stadt durfte aber die Schulden behalten… immerhin ist es nachts recht nett beleuchtet.
Xi´an, die alte Hauptstadt des Kaiserreichs und der Ausgangspunkt der Seidenstraße, ist Gegensatz dazu echt eine Perle. Wobei mit 13 Millionen Einwohnern kann man eigentlich auch nicht mehr von einer Perle sprechen. In Xi´an steth aber noch die 13.5 km lange historische Stadtmauer um das Zentrum, was dadurch auch sehr klar definiert ist. Und dort drin ist dann auch, neben vielen moderneren, das Altstadtleben das in Datong völlig fehlt. Kleine Gassen mit Unmengen an Händlern und Fressständen, auch etwas abgrenze Ecken. Gerade im Viertel der muslimischen Minderheit mit ganz starken Orient-Vibes. Das Fühlt sich dann schon nach Seidenstrße an. Ein wunderschöner Ort der Stille ist dort auch die große Moschee mit einem für eine Moschee untypischen Baustil wie einem Minarett in Pagodenform. Auf der 15 m breiten Stadtmauer machten wir dann eine kleine Radtour, wo an einiges von der Stadt zu sehen bekam. Schön der Kontrast von den niederen Gebäuden innerhalb der Mauer, umgeben von den großen Wohnsilos außen rum, aber 13 Millionen Leute müssen halt auch irgendwo hin. Toll sind vor allem nachts dann der Glocken- sowie der Trommelturm im Zentrum der Altstadt. Das ist dann China wie aus dem Bilderbuch. Durchaus nett sind auch die kleine Wildganspagode und das zugehörige Museum. Auch wenn Xi´an an sich schon ein Besuch auf jeden Fall Wert ist, ist das große Highlight die Terrakottaarmee am Mausoleum von Qin Shihungan, dem ersten Kaiser Chinas. Ein der bekanntesten archäologischen Stätten und wir die große Mauer was, was man mal mit eignen Augen gesehen haben sollte. Vor allem ist der Großteil ja noch gar nicht ausgegebenen und das eigentliche Grab von Kaiser Qin noch nicht geöffnet. Trotz vieler Leute war erstaunlicherweise weniger Gedränge als bei den Yungang Grotten.
Die Kegelkarstlandschaft rund um Guilin war dann ein absolutes Leckerli. Eine bizarr-schöne Gegend mit den steilen und grünen Kegelbergen mit den ganzen Flüsschen dazwischen und Reisfeldern dazwischen. An einem Tag machten wir eine 16 km Radtour am Yulong-Fluss entlang und am anderen eine 10 km Wanderung am größeren Li-Fluss, wo wir gut die Landschaft in uns aufnehme konnten. Einen Absteche auf den Xianggong-Berg erlaubte auch noch die Sicht von oben auf dieses wirklich sehenswerte Gebiet. Reisterrassen durften natürlich bei einem China-Besuch auch nicht fehlen, die erwanderten wir uns bei Longji. Wirklich nett war auch das Zentrum von Guilin bei Nacht. Toll beleuchtet und überall Musik und tanzende Leute am Wasser. Das war toll um nachts dort rumzuschlendern.
Als Kontrastprogramm dann zum Abschluss in die Megametropole Shanghai. Supermodern, und stilecht die Stad von der Besucherplattform auf 546 m des Shanghai-Towers (insgesamt 632 m hoch; akutell dritthöchstes Gebäude der Welt) aus beobachtet. Durch den völlig überlaufenen Yu-Garten haben wir uns dann auch noch gedrückt. Die Bootsfahrt in den Sonnenuntergang auf dem Huangpu-Fluss mit Aussicht auf die tolle Skyline war im Gegensatz dazu wieder angenehm ruhig. Interessant der Kontrast der ultramodernen Hochhäuser am Ufer und en vielen Seelenverkäufer, wohl noch aus Maos Zeiten die auf dem Fluss rumtuckerten. Das bring es auch recht gut auf einen Punkt, denn zumindest was wir in den zwei Wochen gesehen haben war schon so vielfältig, dass man nicht sagen kann es gibt „das China“.